Schlagwort-Archive: Hoetger

Frühlingsgefühle für die Hoetger-Plastiken: Alles bereit und ausgepackt!

Pünktlich zu Ostern zeigt sich der Platanenhain in seinem schönsten Frühlingskleid. Bis vor wenigen Tagen noch waren die freistehenden Skulpturen des Geländes winterdicht verpackt, jede von einem eigenen kleinen Häuschen aus Holz umhüllt. Eben noch vor hartem Winterfrost geschützt sind sie nun wieder in ihrer ganzen Schönheit und Kunstfertigkeit zu bewundern: die sieben Krugträgerinnen der Nordwand, die zehn Löwenvasen der Südseite sowie die vier Schakalvasen aus Guss-Stein im Westen. Insgesamt 21 Skulpturen gilt es jedes Jahr im Herbst zu verhüllen und im Frühjahr wieder zu befreien von ihrem schützenden Winterhaus.

Das Gesamtkunstwerk aus den Händen des Bildhauers Bernhard Hoetger umfasst noch acht weitere Objekte: drei Frauenskulpturen, die sich zur „Brunnengruppe“ vereinen, die vier Reliefbilder in den Ecken des Hains sowie das zentrale Denkmal der sterbenden Mutter mit Kind. Eine monumentale Installation von Kunst im Freien, die besonderen Schutz Bedarf.

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Skulptur vom Ende und Anfang: Mutter und Kind

Das ewige Vergehen und Entstehen von Leben versinnbildlicht wohl kaum eine Figur schmerzlicher und eindrücklicher als die einer sterbenden Mutter mit ihrem soeben geborenen Kind. Vor allen Dingen, wenn das Bild auch noch einen wahren Kern besitzt wie auf der Mathildenhöhe. Mutter und Kind der Großplastik im Platanenhain stellen die Künstlerin Paula Modersohn-Becker dar, die 1907 mit gerade 31 Jahren kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes starb. Sie war eine enge Freundin des Bildhauers Bernhard Hoetger aus seinen Pariser Zeiten. Durch sie wurde er mit der Künstlerkolonie Worpswede bekannt. Die Skulptur der sterbenden Mutter mit Kind hat Hoetger dort auch für ihr Grabmal gestaltet. Während sie in seinem späteren Wohnort an eine Tote erinnerte, feierte er mit ihr in Darmstadt zur Künstlerkolonie-Ausstellung von 1914 das Leben.

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Die TET-Stadt: Hoetgers ägyptisch inspirierte Monumental-Utopie

Für ein Kuriosum in der Architekturgeschichte sorgte Künstlerkolonist Bernhard Hoetger nur wenige Jahre nach seiner Zeit auf der Darmstädter Mathildenhöhe. Dem Keksfabrikanten Hermann Bahlsen entwarf er mitten im Ersten Weltkrieg ein monumentales Stadtviertel für Hannover, das mit dem Bauelementen aus dem Land der Pharaonen spielte, geweiht der einzigartigen Göttin des TET, dem Markenzeichen der Firma.

TET steht für eine ägyptische Hieroglyphe, die sich aus den drei Zeichen für Kobra, Brotlaib und Erde zusammensetzt und „ewig dauernd“ bedeutet. Diese Kartusche hatte sich die Firma Bahlsen 1903 als trendiges Markenzeichen für ihr ausgesprochen haltbares Buttergebäck eintragen lassen, das anfangs noch „Leibniz Cakes“ hieß. Später wurde es in das lautsprachlich gleiche „Leibniz Keks“ umgewandelt, und verhalf damit einer ganzen Backwarengattung zu ihrem deutschen Namen. Die ägyptische Kartusche mit dem TET ziert bis heute die Butterkekse von Bahlsen und auch das Firmenlogo.

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Ägyptomania auf dem Platanenhain oder Echnaton lässt grüßen

Ägyptisches war wieder schwer in Mode als sich Bernhard Hoetger um 1912 an die Gestaltung des Platanenhains auf der Mathildenhöhe machte. Vom Ägyptischen Hocker, den man bei Ausgrabungen gefunden hatte, waren die Möbeldesigner der Zeit sehr angetan und adaptierten den historischen Entwurf für ihre eigenen Stühle. Juweliere ließen sich für ihre Kollektionen vom farbenfrohen ägyptischen Schmuck inspirieren, und mit ägyptischen Ausdruckstänzen, die die Posen auf den Reliefs der alten Ägypter imitierten, unterhielt man das zeitgenössische Publikum. Schauriges von Mumien beschäftigte die Öffentlichkeit, und die Entdeckung Nofretetes im Dezember 1912 sorgte weithin für Aufsehen.

Für seinen Themenpark zum ewigen Kreislauf des Lebens bediente sich Hoetger bei vielen Kulturen und Zeiten, und natürlich durften auch die Pharaonen vom Nil hier nicht fehlen. Insbesondere Echnaton, der zu dieser Zeit in Europa wiederentdeckt wurde und dessen Tontafelarchiv komplett übersetzt war, hatte es ihm angetan.

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Mathildenhöhe, Lockdown: In tiefem Schlaf versunken

Seit gestern ist es still in Deutschland. Im vereinten Kampf gegen die Corona-Pandemie fällt das Land in einen November-Tiefschlaf, verstummt das öffentliche Leben. Auch auf der Mathildenhöhe bleibt das Museum Künstlerkolonie bis zum 30. November geschlossen. Alle geplanten Veranstaltungen und auch alle öffentlichen Führungen sind bis auf Weiteres abgesagt.

Geradezu symbolisch sehen wir uns da auf dem Platanenhain Bernhard Hoetgers Relief vom Schlaf gegenüber. Das passende Kunstwerk zur Zeit, möchte man sagen. Dazu noch im Freien! Nichts wie hin und selbst schauen, was Hans Hildebrandt 1915 so beschrieb: Mathildenhöhe, Lockdown: In tiefem Schlaf versunken weiterlesen

Licht- und Schattenseiten oder viel Sonne und Wasser im Platanenhain

Eigentlich ist alles bereits am Eingang gesagt, man muss sich nur die Zeit nehmen, die Inschriften zu lesen: Wasser und Sonne werden hier gleich zu Beginn als Leitmotiv für das vierzig mal achtzig Meter große Gesamtkunstwerk eingeführt. Beide sind der Quell allen Lebens und aller Energie auf der Erde, ohne sie wären wir und alles lebende Wesen auf diesem Planeten nichts. Diese zwei Themen ziehen sich wie ein Leitfaden über den Kunst-Parcours, den der Bildhauer Bernhard Hoetger im Platanenhain auf der Mathildenhöhe installiert hat. Nach den Wasserspielen im Juni widmet sich 23 Quer nun dem zentralen Motiv der Sonne, und wie sie den gestalterischen Bogen im Süden des Platanenhains schließt. Denn die großen Pflanzkübel dort sind weit mehr als nur dekoratives Beiwerk. Sie haben eine bedeutende Rolle im Gesamtkonzept des Hains. Licht- und Schattenseiten oder viel Sonne und Wasser im Platanenhain weiterlesen

Sommer: „Das Relief mit dem üppigsten Reichtum“

Die Bewegungen simd rund, voll freier Selbstverständlichkeit. Alles quillt über vom Leben und Freude am Dasein. Die Ranken schwellen von Früchten, an denen gierige Vögel picken. Die nackten Körper sind in lichtes Gelbgrau getaucht, die Gewänder der Knienden orange bemalt. Zwischen den gelbgrünen Pflanzen und Vögeln schimmert das Blau des Grundes nur an wenigen Stellen hervor. Die Schalen, getragen von den drei Kauernden der Mitte, sind terrakottarot. Wie die Gestalten des Frühlings, haben auch die des Sommers orangefarbenes Haar in der oberen Reihe, grauschwarzes in der unteren.

Vergoldete Gitter mit graziösen, vogelbelebten Ranken trennen die Nische vom Park und halten dem Ernst der Reliefs und ihres Rahmenwerks die frohe Anmut des Spiels entgegen. Indem sie das Blau der Inschrift noch intensiver aufleuchten lassen, helfen sie zugleich, eine Farbenverbindung zwischen dem Sockel und dem Blau des Reliefgrundes herzustellen.

Aus: Hans Hildebrandt: Der Platanenhain, Berlin, 1915

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Hereinspaziert, die Zweite! Mitten im Bild

Erste Aufgabe: Denken Sie sich die Pfosten weg! Die haben hier am Eingang zum Platanenhain künstlerisch so rein gar nichts zu suchen. Denn, was wir hier auf der Mathildenhöhe sehen und nur kurze Zeit später betreten, ist schon an dieser Stelle scheinbaren Leerraums Teil eines Kunstwerks von Bernhard Hoetger – eines ziemlich großen allerdings. Es reicht vom Eingang bis ganz hinüber ans andere Ende zu einer Skulpturengruppe mit drei schlanken Frauenfiguren, krönender Teil eines von dichtem Efeu umrankten Brunnens. Wie die Linien einer Zentralperspektive leiten die Platanenbäume unseren Blick zu diesem 40 Meter entfernten Fluchtpunkt. Hereinspaziert, die Zweite! Mitten im Bild weiterlesen

Frühlingserwachen

Im ewigen Zyklus der Jahreszeiten beginnt nun eine der schönsten Episoden im Kalender: Genau heute erwacht auf der Nordhalbkugel der Frühling! Der richtige Moment also, um kurz auf den Platanenhain zu schwenken, durch das Portal mit dem Leoparden und dem Silberlöwen zu gehen, auf den gegenüberliegenden Brunnen zu und sich dann nach rechts Richtung Hochzeitsturm zu drehen – dann steht man vor ihm: dem Frühling. Denn genauso hat Bernhard Hoetger sein Gruppenbild aus elf Figuren genannt, dem man sich unversehens gegenüber sieht.

Es ist eins von vier Reliefbildern, die er ab 1912 für die vierte und letzte Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie von 1914 gearbeitet hat, und die eine gestalterische Gesamtkomposition bilden: Frühling und Sommer, Schlaf und Auferstehung. Zwischen diesen Polen bewegt sich das Leben im immerwährenden Kreis. Die Frühlingserwachen weiterlesen

Nachgezählt: Es sind 23!

Wer nicht vor Ort sein kann, um sie Reihe für Reihe abzuschreiten und zu zählen, für den lohnt sich ein Blick auf diesen Grundriss, der 1915 in einem Buch von Hans Hildebrandt über den Platanenhain veröffentlich wurde:

Platanenhain Grundriss 1915 Ost-West

Von links nach rechts, vom Hochzeitsturm am östlichen bis zum Denkmal der Sterbenden Mutter mit Kind am westlichen Ende, sind es genau 23 Querreihen zumeist prächtiger Platanenbäume, die ein sehr langes Rechteck bilden. Eine etwas ungewöhnliche Zahl, aber sie ist nun mal Fakt und fast schon symbolisch für die Mathildenhöhe mit ihren 23 Künstlerkolonisten und ihrem Mäzen Ernst Ludwig, der mit 23 Jahren Regent wurde. Nachgezählt: Es sind 23! weiterlesen