Schlagwort-Archive: Bildhauerei

Skulptur vom Ende und Anfang: Mutter und Kind

Das ewige Vergehen und Entstehen von Leben versinnbildlicht wohl kaum eine Figur schmerzlicher und eindrücklicher als die einer sterbenden Mutter mit ihrem soeben geborenen Kind. Vor allen Dingen, wenn das Bild auch noch einen wahren Kern besitzt wie auf der Mathildenhöhe. Mutter und Kind der Großplastik im Platanenhain stellen die Künstlerin Paula Modersohn-Becker dar, die 1907 mit gerade 31 Jahren kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes starb. Sie war eine enge Freundin des Bildhauers Bernhard Hoetger aus seinen Pariser Zeiten. Durch sie wurde er mit der Künstlerkolonie Worpswede bekannt. Die Skulptur der sterbenden Mutter mit Kind hat Hoetger dort auch für ihr Grabmal gestaltet. Während sie in seinem späteren Wohnort an eine Tote erinnerte, feierte er mit ihr in Darmstadt zur Künstlerkolonie-Ausstellung von 1914 das Leben.

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Ägyptomania auf dem Platanenhain oder Echnaton lässt grüßen

Ägyptisches war wieder schwer in Mode als sich Bernhard Hoetger um 1912 an die Gestaltung des Platanenhains auf der Mathildenhöhe machte. Vom Ägyptischen Hocker, den man bei Ausgrabungen gefunden hatte, waren die Möbeldesigner der Zeit sehr angetan und adaptierten den historischen Entwurf für ihre eigenen Stühle. Juweliere ließen sich für ihre Kollektionen vom farbenfrohen ägyptischen Schmuck inspirieren, und mit ägyptischen Ausdruckstänzen, die die Posen auf den Reliefs der alten Ägypter imitierten, unterhielt man das zeitgenössische Publikum. Schauriges von Mumien beschäftigte die Öffentlichkeit, und die Entdeckung Nofretetes im Dezember 1912 sorgte weithin für Aufsehen.

Für seinen Themenpark zum ewigen Kreislauf des Lebens bediente sich Hoetger bei vielen Kulturen und Zeiten, und natürlich durften auch die Pharaonen vom Nil hier nicht fehlen. Insbesondere Echnaton, der zu dieser Zeit in Europa wiederentdeckt wurde und dessen Tontafelarchiv komplett übersetzt war, hatte es ihm angetan.

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„Auferstehung“: Und alles beginnt wieder von vorn

Auferstehung hat Bernhard Hoeger das vierte seiner eindrücklichen Reliefbilder auf dem Platanenhain genannt. Sie ist an diesem Punkt des monumentalen Raumprogramms jedoch alles andere als christlich gemeint. Diese Auferstehung hier ist dem Pantheismus geweiht, der das Göttliche in der Natur feiert.

Dem Kreislauf des Lebens, dem Werden, Blühen, Altern, Vergehen und Neuerstehen alles Seienden ist das Werk gewidmet: Die Unzerstörbarkeit des Lebens im Wandel seiner Erscheinungsformen ist dieser Weisheit Anfang und Ende.

Hans Hildebrandt, 1915
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In memoriam: Drei Künstler, drei Gräber

November ist traditionell der Monat, um der Toten zu Gedenken. Nach Allerheiligen und dem Volkstrauertag beendet der Totensonntag die Reihe, der letzte Sonntag des Kirchenjahres. Auch 23 Quer will diesen Monat der allgemeinen Trauer dazu nutzen, um für einen kurzen Moment inne zu halten und an die großen, vor langer Zeit gestorbenen Künstler zu erinnern, denen wir heute in Darmstadt so viel zu verdanken haben. Ohne sie gäbe es diesen wundervollen Musenhügel über der Stadt nicht, ohne sie hätte Darmstadt keine Kunst- und Architekturgeschichte geschrieben, ohne ihren so schöpferischen Geist gäbe es keine Bewerbung um ein UNESCO Welterbe: die Architekten, Bildhauer und vielen Gestalter der Künstlerkolonie.

23 waren es insgesamt. Von der Gründergeneration der Künstlerkolonie und den Machern der Ausstellungen von 1901 und 1904 sind es drei Künstler, die ihre letzte Ruhestätte in Darmstadt und dem Landkreis fanden. 23 Quer hat ihre Gräber besucht.

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1908: Frische Ideen für die Friedhofskunst

„Eine durchgreifende Besserung unserer trostlosen Zustände des Grabmalwesens kann aber nur erreicht werden, wenn es gelingt, die den Grabmalhandel beherrschenden Steinmetzfirmen vor den Friedhöfen wieder künstlerischer Arbeit zuzuführen.“

Dieses schlechte Zeugnis stellte Anfang des 20. Jahrhunderts der Leiter der „Wiesbadener Gesellschaft für bildende Kunst“, Dr. W. von Grolmann, der Zunft der Grabmalsteinmetze aus. Das zu ändern, hatte er sich zur Aufgabe gemacht und nutzte die „Hessische Landesausstellung für freie und angewandte Kunst“ von 1908 auf der Mathildenhöhe in Darmstadt, um neue Gestaltungsideen für Friedhöfe öffentlich vorzuschlagen. Denn neben der erstmaligen Präsentation einer kompletten „Kleinwohnungskolonie“ mit sechs Häusern gehörte auch eine Ausstellung hessischer und nachbarschaftlicher Grabmalgeschäfte zum Programm.

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Die Kunst des Grabmals

Schönheit und Kunst in alle Bereiche des Lebens zu bringen, dieses Streben der reformbewegten Künstler auf der Mathildenhöhe erstreckte sich auch bis zum Ende des Lebens, zu Begräbnis und Bestattung. Es waren vor allem zwei Bildhauer aus der frühen Künstlerkolonie, der beiden Ausstellungen von 1901 und 1903, die sich um das Thema Grabmäler und Friedhofskultur verdient gemacht haben: Ludwig Habich und Daniel Greiner. Habich haben wir eines der schönsten Grabmäler Darmstadts zu verdanken. Es befindet sich hoch oben auf der Rosenhöhe.

Das Grabmal erinnert an ein kleines Mädchen, das viel zu früh im Alter von gerade einmal acht Jahren verstarb: an Elisabeth, die einzige Tochter des Darmstädter Großherzogs Ernst Ludwig aus seiner unglücklichen ersten Ehe mit Victoria Melita von Sachsen-Coburg und Gotha. Das „Prinzesschen“, wie es von den Darmstädtern auch liebevoll genannt wurde, starb genau heute vor 117 Jahren, am 16. November 1903.

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Mathildenhöhe, Lockdown: In tiefem Schlaf versunken

Seit gestern ist es still in Deutschland. Im vereinten Kampf gegen die Corona-Pandemie fällt das Land in einen November-Tiefschlaf, verstummt das öffentliche Leben. Auch auf der Mathildenhöhe bleibt das Museum Künstlerkolonie bis zum 30. November geschlossen. Alle geplanten Veranstaltungen und auch alle öffentlichen Führungen sind bis auf Weiteres abgesagt.

Geradezu symbolisch sehen wir uns da auf dem Platanenhain Bernhard Hoetgers Relief vom Schlaf gegenüber. Das passende Kunstwerk zur Zeit, möchte man sagen. Dazu noch im Freien! Nichts wie hin und selbst schauen, was Hans Hildebrandt 1915 so beschrieb: Mathildenhöhe, Lockdown: In tiefem Schlaf versunken weiterlesen

Sommer: „Das Relief mit dem üppigsten Reichtum“

Die Bewegungen simd rund, voll freier Selbstverständlichkeit. Alles quillt über vom Leben und Freude am Dasein. Die Ranken schwellen von Früchten, an denen gierige Vögel picken. Die nackten Körper sind in lichtes Gelbgrau getaucht, die Gewänder der Knienden orange bemalt. Zwischen den gelbgrünen Pflanzen und Vögeln schimmert das Blau des Grundes nur an wenigen Stellen hervor. Die Schalen, getragen von den drei Kauernden der Mitte, sind terrakottarot. Wie die Gestalten des Frühlings, haben auch die des Sommers orangefarbenes Haar in der oberen Reihe, grauschwarzes in der unteren.

Vergoldete Gitter mit graziösen, vogelbelebten Ranken trennen die Nische vom Park und halten dem Ernst der Reliefs und ihres Rahmenwerks die frohe Anmut des Spiels entgegen. Indem sie das Blau der Inschrift noch intensiver aufleuchten lassen, helfen sie zugleich, eine Farbenverbindung zwischen dem Sockel und dem Blau des Reliefgrundes herzustellen.

Aus: Hans Hildebrandt: Der Platanenhain, Berlin, 1915

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Frühlingserwachen

Im ewigen Zyklus der Jahreszeiten beginnt nun eine der schönsten Episoden im Kalender: Genau heute erwacht auf der Nordhalbkugel der Frühling! Der richtige Moment also, um kurz auf den Platanenhain zu schwenken, durch das Portal mit dem Leoparden und dem Silberlöwen zu gehen, auf den gegenüberliegenden Brunnen zu und sich dann nach rechts Richtung Hochzeitsturm zu drehen – dann steht man vor ihm: dem Frühling. Denn genauso hat Bernhard Hoetger sein Gruppenbild aus elf Figuren genannt, dem man sich unversehens gegenüber sieht.

Es ist eins von vier Reliefbildern, die er ab 1912 für die vierte und letzte Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie von 1914 gearbeitet hat, und die eine gestalterische Gesamtkomposition bilden: Frühling und Sommer, Schlaf und Auferstehung. Zwischen diesen Polen bewegt sich das Leben im immerwährenden Kreis. Die Frühlingserwachen weiterlesen