Tierisches im Doppelpack: Dekorative Paare

Die Schakalsvasen vom Platanenhain – das ist doch das passende Motiv für den Monat November mit seinen vielen Feiertagen zum Totengedenken. Denn diese beiden Tiere, die mit ihrer spitzen Schnauze und den langen Ohren so neugierig über den Rand des Gefäßes schauen, sind an dieser Stelle des Monumentalkunstwerks ein sinnbildlicher Ausdruck für den Übergang in das Totenreich. Bildhauer Berhard Hoetger zitiert in diesem Objekt aus Gussstein das alte Ägypten, in dem Anubis, der Gott der Todesriten und der Mumifizierung, in Gestalt dieser Wüstentiere dargestellt wurde. Schakale gelten in vielen Kulturkreisen als Begleiter der Seelen in das Totenreich. Auf dem Platanenhain sind jeweils zwei dieser Vasen der Sterbenden Mutter mit Kind, der Großskulptur ganz im Westen der Anlage, links und rechts zur Seite gestellt.

Die Schakalsvasen sind auch deswegen gerade so interessant, weil sie mit ihrem Auftreten als tierisches Paar im Doppelpack momentan viele Geschwister auf der Mathildenhöhe haben. Denn Albin Müller, dem zur Zeit eine Sonderausstellung im Museum Künstlerkolonie gewidmet ist, hat Tierpaare häufig als Stilmittel für seine kleinen Meisterwerke der Raumkunst benutzt. In der Werkschau albinmüller3 sind eine Vielzahl solcher Objekte zu sehen.

Ob Katze, Frösche, oder Schlangen – paarweise zieren sie so manches Dekorative aus Gusseisen, das Albin Müller in seinen Jahren an der Magdeburger Kunstgewerbe- und Handwerkerschule ( 1900 bis 1906) entwarf und zusammen mit dem Fürstlich Stolberg’schen Hüttenamt in Ilsenburg sowie der Sächsischen Serpentinstein-Gesellschaft in Zöblitz produzierte.

Fast so wie bei Hoetgers Schakalfiguren schauen diese zwei Katzen von Müller mit ihren Pfoten neugierig über den Rand eines hohen Gefäßes, dass sie links und rechts rahmen:

Schale aus Gusseisen, um 1906 (Institut Mathildenhöhe Darmstadt)

Nochmal ein Katzenpaar von Müller: Hier sind die Tiere stark stilisiert und übernehmen in ihrer aufgebrochenen Form die Funkion von zwei seitlich angebrachten Griffen, die dieser flachen Schale mit einem Inlay aus Serpentinstein eine ausgesprochen expressiv moderne Anmutung geben:

Schale aus Gusseisen und Serpentinstein, 1906 (Institut Matthildenhöhe Darmstadt)

Bei einem anderen Objekt Müllers mit Paarbeziehung hört man es förmlich quaken. Ein Frosch links, ein Frosch rechts ziert das Oval – mal mit Tafelaufsatz, mal ohne, aber immer mit dem Albin Müller-Monogramm:

Fruchtschale aus Gusseisen und Serpentinstein, 1906 (Institut Mathildenhöhe Darmstadt)

Gusseisen kennen wir heute ja eher im Zusammenhang mit Bratpfannen und Kochtöpfen. Es ist aber ein ausgesprochen elegantes Material, wenn man es so gekonnt einsetzt wie Müller für diese puristische Schale. Aug‘ in Aug‘ sieht man hier die stilisierten Köpfe zweier Schlangen, die sich links und rechts sehr griffig aus den Seiten erheben:

Schale aus Gusseisen, 1905 (Stiftung Sanatorium Dr. Barner, Braunlage)

Auch dieses ausgesprochen praktische Stück Raumkunst aus Gusseissen zeigt ein Tierpaar – genau genommen sogar zwei. Denn beide Seiten dieses Zeitungsständers ziert jeweils einen Vogelpaar als Relief, das sein Gefieder ausbreitet und die Köpfe schnäbelnd zueinanderstreckt:

Zeitungsständer aus Gusseisen, 1904 (Hütten- und Technikmuseum Ilsenburg)

Bei diesem Modell ist Albin Müller auf den Hund gekommen: Ein Dackelpaar schmiegt sich um das kreisrunde Ziffernblatt einer Uhr, die 1906 sein Herrenarbeitszimmer auf der Dritten Deutschen Kunstgewerbeausstellung in Dresden zierte:

Kaminuhr aus Gusseisen, 1905 (Privatsammlung Leipzig)

Ein sehr originelles Stück Gebrauchskunst mit einem Tierpaar als Motiv ist auch diese Kassette. Sie ist ebenfalls aus Gusseisen und vorne mit zwei Hirschkühen aus Emaille verziert. Die beiden Figuren sind nicht genau spiegelbildlich gezeichnet – die linke richtet den Kopf zum Betrachter, während sich die rechte im Profil zeigt:

Kassette aus Gusseisen/Emaille, 1908 (Stiftung Sanatorium Dr. Barner, Braunlage)

Was tierische Paarungen angeht, war Albin Müller also durchaus ein kreativer und erfahrener Gestalter. Da er als Leiter der Künstlerkolonie Darmstadt und Planer der Ausstellung von 1914 eng mit Hoetger zusammengearbeitet hat, könnten diese einfallsreichen Vorbilder aus der Raumkunst den Bildhauer-Kollegen durchaus zu seiner Gussstein-Vase mit den zwei Schakalen auf dem Platanenhain inspiriert haben.


Die Ausstellung albinmüller3 ist bis zum 30. Januar 2022 im Museum Künstlerkolonie, dem Ernst Ludwig-Haus auf der Mathildenhöhe, dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr zu sehen.

Die Schakalsvasen auf dem Platanenhain sind wie die anderen freistehenden Skulpturen von Bernhard Hoetger im Winter mit Einhausungen geschützt. Im Frühjahr werden sie von ihren hölzernen Hüllen wieder befreit. Der Verein der Freunde der Mathildenhöhe betreut diese Aktion zweimal im Jahr.


Literatur- und Bildnachweis: Muhr, Barbara: Aus einem Guss. Albin Müllers Tiermotive in Gusseisen. In: Gutbrod, Philipp und Bornemann-Quecke, Sandra (Hrsg.) albinmüller3 – Architekt, Gestalter, Lehrer. Ausstellungskatalog der Mathildenhöhe Darmstadt, Justus von Liebig Verlag, 2021, S. 40-47. Mit Ausnahme des Titelbilds sind alle Aufnahmen dieses Beitrags aus diesem Ausstellungskatalog oder Pressematerial des Institut Mathildenhöhe Darmstadt.

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