Schlagwort-Archive: Künstlerkolonie

„The good die young“: Joseph Maria Olbrich

So unerwartet wie plötzlich verstarb Joseph M. Olbrich am 8. August 1908 in Düsseldorf. Der führende Kopf der Darmstädter Künstlerkolonie wurde mitten aus der Arbeit, aus seinem Leben gerissen, hinterließ seine Frau Claire und sein gerade geborenes, erstes Kind, eine Tochter. Er wurde nur 40 Jahre alt. Auf dem Alten Friedhof von Darmstadt fand nur wenige Tage später, am 12. August, die Beisetzung statt. Seine Totenmaske zeigt ein letztes Bild des Schwerkranken, den eine Leukämie in kürzester Zeit dahinraffte. Genau 114 Jahre ist das heute her. Es war damals ein Samstag, an dem er zu früher Nachmittagsstunde für immer von dieser Welt ging.

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Happy Birthday!

Ein Jahr UNESCO Weltkulturerbe

Nur hier auf der Welt ist der Aufbruch in die Moderne so schön und an so vielen Beispielen zu verfolgen wie auf der Darmstädter Mathildenhöhe. Besonders beim Hochzeitsturm von 1908 mit seinen über Eck laufenden Fensterbändern, die eine Premiere in der Architektur des 20. Jahrhunderts darstellen – in Darmstadt vom Architekten Joseph Maria Olbrich erfunden. Vor genau einem Jahr wurde das Ensemble aus Architektur, Gartenanlagen und Skulpturen, das zwischen den Jahren 1901 und 1914 zu vier Ausstellungen entstand, zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt.

Die Entscheidung war spannend bis zum Schluss, aber schließlich fiel am 24. Juli 2021 gegen 15 Uhr unserer Zeit der Hammer im fernen China: „Adopted!“ Aufgenommen in die große Familie der UNESCO Welterbestätten. Mit den fünf Neuzugängen der Nominierten von 2020 und 2021 zählt Deutschland zur Zeit insgesamt 51 Welterbestätten. Die erste war 1978 der Aachener Dom.

Summertime: Streifzug über die Mathildenhöhe

Die Mathildenhöhe Darmstadt ist nicht nur Hochkultur. Hier blüht zwischen dem einzigartigen Ensemble aus Architektur, Gartenlagen und Skulpturen jetzt im Sommer das pralle Leben: Ein junges Paar entspannt am Lilienbecken, die „Kochenden Männer“ legen einen Stopp beim Hochzeitsturm ein, unablässig beziehen die Besuchergruppen vor dem goldenen Omega-Portal des Ateliergebäudes Position. Der Schwanentempel mit seiner blendenden Akustik wird kurzerhand zum Tango-Tanztempel während es die Boulespieler im Platanenhain eher französisch gelassen angehen. In den temporären Bauten der Gastronomie, den beiden Biergärten im Platanenhain und unter den hohen Bäumen des Osthangs, laden viele sonnige und auch schattige Plätzchen zum Verweilen und Genießen ein. Und selbst die Polizei genießt ihre Streife an diesem außergewöhnlichem Einsatzort, in dem selbst Baustellen schön aussehen. Friede, Freude, Sonnenschein.

„Meine Mathildenhöhe“: Flanieren mit dem neuen alten Osthang-Verein

Auch wenn seit kurzem „e.V.“ am Ende des Namens steht, stecken hinter dem Kunst- und Kulturprojekt „Osthang“ weiterhin viele motivierte Freiwillige, die das lange Zeit brachliegende Gelände an der Rückseite der Mathildenhöhe seit gut acht Jahren mit Flohmärkten, Ausstellungen, Konzerten, Workshops und Festivals beleben. Mit einem ganzen Verein zu flanieren, das wäre ein schwieriges Unterfangen, aber mit drei Mitgliedern des Teams vom Osthang-Verein hat sich 23 Quer etwas ausführlicher unterhalten. Denn wer seit Jahren dem UNESCO Welterbe räumlich schon so nahe ist, der hat doch bestimmt eine besondere Beziehung zum Musenhügel entwickelt und nicht nur eine zum Osthang. In der Rubrik „Meine Mathildenhöhe“ erzählen Menschen, die die Mathildenhöhe prägen, begleiten und für sie an den unterschiedlichsten Stellen wirken, ihre ganz persönlichen Geschichten zu diesem ganz besonderen Stück Darmstadt. Gemeinsam mit ihnen flanieren wir über den Musenhügel. Drei Orte, drei Stopps, drei Geschichten. Los geht’s!

Stopp 1: Der Pavillon des Ausstellungsgebäudes

Sie waren damals jung, sehr jung, die kreativen Geister der ersten Darmstädter Künstlerkolonie von 1901, die für so viel Furore und Aufsehen sorgen sollte. Erst zwanzig Jahre alt der Jüngste, zweiunddreißig der Älteste, dachten sie alles von Grund auf neu – das Wohnen, das Arbeiten, ja das ganze Leben. Eine unglaubliche Freude am Experimentieren durchzieht ihre vor Einfallsreichtum sprühenden Entwürfe. Vieles davon war einzigartig, einmalig, nie zuvor gesehen. Sie waren Pioniere der Moderne, die damals nicht ahnen konnten, dass sie ein Werk von herausragendem Wert für die Menschheit schaffen sollten.

Im gleichen Alter wie die Protagonisten der Künstlerkolonie zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind heute auch Marius Wolf, 28, und Max Politz, 24, die sich seit vielen Jahren im „OHA Osthang“-Projekt engagieren. Wir sitzen gemütlich unter den schattigen Bäumen des Osthang-Geländes, die fünf Finger des Hochzeitsturms grüßen von oben, der Blick fällt auf die Rückseite des sich auf dem Hügel imposant erhebenden Ausstellungsgebäudes.

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Ausstellung „Manzil Monde“: Nadira Husain oder Zuhause in der Welt

Équilove, Deepwater (Nadira Husain, 2021)

Ein Pferd mit Flügeln, da denkt unsereins – jedenfalls, wenn er oder sie vom europäisch-antiken Kulturraum geprägt ist – doch gleich an Pegasus. Falsch gedacht! Auf das falsche Pferd gesetzt. Denn bei diesem Mischwesen aus Pferd und Mensch, das in vielen Varianten das Werk von Nadira Husain beflügelt, geht es um „Al-Buraq“, die arabische Version. Der Legende nach soll der Prophet Mohammed auf ihm von der Erde zum Himmel geflogen sein. So kennt diese Geschichte jeder in der muslimischen Welt, die weit, bis in den Fernen Osten, bis nach Indien reicht. Dort hat eine Künstlerin ihre Wurzeln, der das Institut Mathildenhöhe Darmstadt vom 26. Juni bis zum 2. Oktober 2022 eine Einzelausstellung in den Bildhauerwerkstätten des Ernst Ludwig-Hauses widmet.

Und so öffnet uns dieses Pferd die Augen für einen zumeist sehr unbekannten Kulturkreis, der zur Erfahrungs- und Erinnerungswelt einer Frau mit multikulturellem Hintergrund gehört, die 1980 in Paris geboren wurde. Dort arbeitet sie auch, aber simultan ebenfalls im südindischen Hyderabad oder in Berlin. Eine, die zwischen den Kulturen wandert, sich mit so aktuellen Themen von Herkunft, Heimat und Zuhause in einer globalisierten Welt auseinandersetzt, und auch mit Fragen rund um Rassismus und Feminismus.

„Mit ihr zeigen wir die erste Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst nach Ernennung der Mathildenhöhe Darmstadt zum Weltkulturerbe“, erläutert Philipp Gutbrod, Direktor des Instituts Mathildenhöhe. „Die Internationalität unserer Stätte ist ein wichtiger Grund für unsere UNESCO-Welterbeanerkennung, die nun mit Manzil Monde eine spannende Verbindung eingeht.“ Schon im Titel der Ausstellung mischen sich die Welten: „Manzil“ hat indisch-arabische Ursprünge (Urdu), bedeutet in etwa „Haus“ oder „Zuhause“, während das französische „Monde“ die „Welt“ transportiert.

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Ein Haufen Holz auf dem Platanenhain: Handwerk im Dienst der hohen Kunst

Was haben diese langen Holzleisten mit den farbigen Enden mit der Mathildenhöhe zu tun? Ganz schön viel! Denn gäbe es sie nicht, dann würde es schwierig werden mit der Denkmalpflege auf dem Platanenhain. Die Darmstädter Schreinerei Uhland hat sie angefertigt. Ihre Mitarbeiter sind mittlerweile wahre Experten, was die vielen Skulpturen aus der Hand des Bildhauers Bernhard Hoetger angeht, die das rechteckige Areal zu Füßen des hohen Hochzeitsturms rahmen.

Jedes Jahr rückt das Team zweimal an. Im Herbst, um sie alle einzupacken, und im Frühjahr, um sie von ihrem Winterkleid zu befreien: einem Holzhäuschen, das jede einzelne von ihnen über die kalte Jahreszeit schützend unhüllt. Insgesamt 21 hat die Schreinerei Uhland davon angefertigt, die jedes Jahr zusammen- und wieder auseinandermontiert werden müssen. Und hier kommen die Holzleisten ins Spiel. Denn sie werden für die Einlagerung der mehr als hundert Holzwände und -decken gebraucht. Über den Sommer stehen sie bei der Firma Schenck, die hierfür eigens Lagerraum zur Verfügung gestellt hat. Nikolaus Heiss und Claus Dieter Knöchel vom Vorstand der Freunde der Mathildenhöhe sind wie jedes Jahr im Frühling mit Vereinskollegen dabei, wenn Firmenschef Eberhard Uhland und sein tatkräftiges Team zur Demontage anrücken.

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Der Osthang 1908: Ein Traum von einem Garten

Unglaublich schön – auf immer vergangen: das Gartenparadies, das Albin Müller 1908 für den Osthang zauberte. Um ein zentrales Wasserbecken gruppierten sich damals terrassenförmige Beete, die in das abschüssige Gelände eingelassen waren. Viel Sonne von Süden gab es für das üppig blühende Grün, für die Seerosen im Teich, für die großen Kübelpflanzen, für die Pergolen mit ihren hoch rankenden Blumen, die sich die gesamte Rückfront entlang zogen. Es war eine fast schon mediterrane Anlage mit den vielen Treppen und den in Stein gefassten und geliederten Ebenen. Zu diesem Eindruck trug auch die luftige Ladengalerie mit ihren schlanken Säulen bei, deren Oval sich markant zur Straße hervorschob.

Dieser Garten war 1908 eine entzückende Oase im großen Treiben der Ausstellung. Und zum Glück können wir heute noch ein wenig teilhaben an dieser einzigartigen Atmosphäre, die für einen Sommer auf dem Osthang der Mathildenhöhe erblühte. Der Digitalisierung und dem Institut Mathildenhöhe sei Dank ist der historische Katalog von Albin Müller zu seinen Entwürfen seit Herbst 2021 öffentlich zugänglich. Eine Zeitreise in acht Bildern:

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Deutsch-Russische Beziehungen anno 1899

Wenn der Adel albert: Der letzte Zar von Russland, Nikolaus II. (ganz rechts), zu Besuch bei dem Bruder seiner Frau, Großherzog Ernst Ludwig (Zweiter von links), in Schloss Wolfsgarten. Da waren die deutsch-russischen Beziehungen noch ungetrübt. Wie’s scheint, hatten die Herren wie auch die beiden Damen (Großherzogin Victoria Melita links und Zarin Alexandra rechts) viel Spaß bei ihrem lustigen Treiben mit den Verwandten. (Foto: Sammlung Kristof Doffing, Langen)

Aufschlussreich: Albin Müllers Autobiografie

Eine Gemeinschaft gleichgesinnter Kreativer, ein freundschaftlicher Zusammenschluss unter Künstlern – daran denkt man wohl zuerst bei einer Künstlerkolonie. So ging es auch Albin Müller als er dem Ruf von Großherzog Ernst Ludwig folgte, von der Magdeburger Kunstgewerbeschule an die Mathildenhöhe wechselte und dort zum 1. Oktober 1906 neues Mitglied der Künstlerkolonie Darmstadt wurde. Doch – „meine Hoffnungen und Bemühungen schlugen von Anfang an und in der ganzen Folgezeit fehl.“

Ich hatte in weltfremder, idealistischer Auffassung von einer harmonischen Künstlergemeinde, von reger gegenseitiger Anregung, von einem Eintreten füreinander geträumt, und sah mit Trauer, daß sich davon nichts in der realen Welt verwirklichen ließ.

Künstler sind mehr als andere Menschen Individualisten. Sie müssen es sein um des persönlichen Ausdrucks ihrer Kunst willen. So platzen in ihren Reihen die Meinungen und Anschauungen stärker aufeinander als in anderen Berufsgruppen.

Von der ersten Generation der Darmstädter Künstlerkolonie existieren Briefe aus der Feder Joseph Maria Olbrichs, die tiefe Einblicke in die Zerrissenheit der Ausstellungsmacher von 1901 geben, insbesondere in Bezug auf das Verhältnis des Architekten zu Peter Behrens. Für die Zeit von Albin Müller, dem Nachfolger und zweiten Chefarchitekten der Künstlerkolonie, verfügen Historiker ebenfalls über ein sehr persönliches Dokument: seine viele Jahrzehnte später, Ende 1939, verfasste Autobiografie „Aus meinem Leben“.

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Große Glückerthaus: Der Kamin mit Pfauenfedern

Noch ein Kamin von der Mathildenhöhe. Und was für einer! Wie schon in seinem Privathaus hat Joseph Maria Olbrich auch für das Große Glückerthaus eine komplette Kaminwand gestaltet. Diesesmal lädt sie allerdings nicht zum gemütlichen Beisammensein in kleiner Runde ein, sondern ist eher der prächtige Mittelpunkt einer ebenso prächtigen Halle. Auch hier geht es wieder um den für Olbrich zentralen Begriff der Gemeinsamkeit im Leben und Arbeiten, für den der Architekt einen entsprechenden Raum einzuplanen hatte. Doch in diesem Fall dienen Halle wie Kamin vor allen Dingen der öffentlichen Repräsentation: Mit ihnen wollte der Darmstädter Möbelfabrikant Julius Glückert in seinem Geschäftsgebäude und Ausstellungshaus glänzen.

Eine gediegene Kaminatmosphäre vor weißer Wand mit dem leuchtenden Blau, Grün und Türkis von langen Pfauenfedern links und rechts und einer ebenso bunten Blumenranke in der Mitte – das ist in seiner Gestaltung bis heute provokant, außergewöhnlich, denkt man etwa an typische Kaminzimmer in dunklem Holz. Vor allen Dingen ist es aber Ausdruck von Luxus, Eleganz und auch ein wenig technischer Finesse für die damalige Zeit. Denn mit 18 Glühbirnen, zu beiden Seiten des Kaminabzugs als Leiste jeweils gekonnt in das Pfauenfedermotiv eingewoben, besaß die Kaminwand sogar eine integrierte Beleuchtung

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Haus Olbrich: Das Kamin-Häuschen in der Halle

Der Kamin im Haus Olbrich: mehr als nur eine Feuerstelle.

Jetzt wird es kuschelig und warm! Schließlich ist Winter – und so versammelt 23 Quer nun alle Leser:innen um den Kamin. Denn um den geht es in diesem Beitrag, und die besondere Rolle von Kaminen in den Künstlervillen auf der Mathildenhöhe. Ein ganz besonders schönes Exemplar hat Joseph Maria Olbrich für sein eigenes Haus entworfen. Sein wie immer wunderbares Aquarell zeigt viele Details und vermittelt mit einer enormen Farbigkeit das wohnliche Raumgefühl dieses einladenden Wohnobjekts. Olbrich hat hier eine ganze Kaminwand entworfen, die optisch wie ein kleines Häuschen im Haus Olbrich gestaltet ist.

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Das zerlegbare Ferienhaus: Fertigteil-Montage, ruck zuck aus Holz gebaut

Holz ist ja nicht gerade das Baumaterial, das einem als erstes einfällt, wenn man an die großen Würfe und Entwürfe der Künstlerkolonie denkt. Farbig glasierter Backstein, Klinker und Beton, damit haben die Architekten der Darmstädter Mathildenhöhe Zeichen gesetzt bei ihrem Aufbruch in die Moderne. Aber mit Holz?

Dabei ist der Künstlerkolonie gerade mit Holz ein absolut wegweisender Entwurf gelungen. Nur: Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Denn es war ein temporäres Gebäude, zeitlich befristet für die Ausstellung aufgebaut, das den Besuchern zeigte, was mit diesem Material alles machbar ist und wie gut Holz sich zur Vorfabrikation und schnellen Montage von Häusern eignet. Albin Müller, früherer Tischlermeister und Möbelgestalter, war der Holzexperte unter den vier Architekten der Künstlerkolonie, und für die Ausstellung von 1914 hatte er sich als deren Leiter etwas ganz besonderes ausgedacht: ein zerlegbares Ferienhaus.

Innovatives Holzbauprojekt von Albin Müller: das zerlegbare Ferienhaus von 1914.
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Ein „Grüß Gott aus Graz“ – Sissy Geiger zum Welterbe Mathildenhöhe

Eine, die schon ganz früh an die Mathildenhöhe glaubte und schon in den Neunziger Jahren hartnäckig für sie stritt, war Sissy Geiger. Die CDU-Kulturpolitikerin hat sich Jahrzehnte für das Architektur-Ensemble und die Welterbe-Idee eingesetzt, in einer Zeit, in der man dafür noch nicht viel Lorbeeren erntete, sondern mitunter auch auf tiefe Ressentiments stieß oder bestenfalls ein mildes Lächeln erhielt. An diese Zeit muss Sissy Geiger heute auch denken im Rückblick. Die mittlerweile 83jährige „Grande Dame“ der Mathildenhöhe lebt mit ihrem Mann seit 2009 wieder in Österreich, ihrer Heimat. Von dort grüßt Sie heute alle Leser:innen von 23 Quer, und freut sich unbändig, dass ihr Herzenswunsch in Erfüllung gegangen ist.

„Eins ist sicher: Ich habe nicht gedacht, dass ich den Eintrag auf die Welterbeliste noch erleben würde!“

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Darmstadts Stadtkrone: Das Fest geht weiter!

Auch 2022 wird es wieder viel zu feiern geben auf der Mathildenhöhe: Denn im Sommer soll das zentrale Ausstellungsgebäude des Ensembles nach vielen Jahren der Sanierung endlich seine Pforten wieder öffnen.

Darauf freuen wir uns jetzt schon!

Und mit uns natürlich die vielen Menschen, die dem jungen Welterbe der UNESCO-Familie einen Besuch abstatten wollen. Die Magie dieser Krone über den Dächern von Darmstadt hat kaum jemand so zauberhaft festgehalten, wie der große Meister der Künstlerkolonie selbst, der nicht nur ein einmaliger Architekt war, sondern ein ebenso begnadeter Aquarellist: Joseph Maria Olbrich.

„Meine Mathildenhöhe“: Flaniert mit Nikolaus Heiss

2021, das Jahr der UNESCO Weltkulturerbe-Verleihung, wird wohl für immer als ein Meilenstein in den Annalen der Mathildenhöhe stehen. Ein ganz besonderes Jahr war es auch für Nikolaus Heiss, der sich in den verschiedensten Rollen und Funktionen jahrzehntelang für das einmalige Architekturensemble und die Künstlerkolonie eingesetzt hat: lange als engagierter Denkmalpfleger wie später auch als Koordinator Mathildenhöhe, der im Sonderauftrag der Stadt Darmstadt maßgeblich an den Vorbereitungen zur Aufnahme des Ensembles Künstlerkolonie in die Welterbeliste beteiligt war. Grund genug für 23 Quer mit dem für viele „wahren Mister Welterbe“, wie das Darmstädter Echo jüngst kommentierte, das Jahr zu beenden. In der Rubrik „Meine Mathildenhöhe“ erzählen Menschen, die die Mathildenhöhe prägen, begleiten und für sie an den unterschiedlichsten Stellen wirken, ihre ganz persönlichen Geschichten zu diesem ganz besonderen Stück Darmstadt. Gemeinsam mit ihnen flanieren wir über den Musenhügel. Drei Orte, drei Stopps, drei Geschichten. Los geht’s!

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150 Jahre Albin Müller: Happy Birthday, Meister!

Jetzt müssen wir ihm doch noch ganz schnell gratulieren zum runden Geburtstag. Denn vor genau 150 Jahren, am 13. Dezember 1871, wurde Albin Müller in einem Dorf im sächsischen Erzgebirge geboren. Und wenn wir nicht mitten in der vierten Corona-Welle wären, dann hätte das Institut Mathildenhöhe zur Feier des Tages heute, an einem Montag, seine Pforten ausnahmsweise ihm zu Ehren geöffnet. Es hätte ein Sonderprogramm gegeben, mit speziellen Führungen, mit herausragenden Rednern und vielen Vorträgen rund um die aktuelle Ausstellung im Ernst Ludwig-Haus, die dieses Jahr auch wegen des Jubiläums ausschließlich ihm und seinem reichen Werk als Architekt, Gestalter und Lehrer gewidmet ist.

Doch es sollte nicht sein – und irgendwie ist das fast schon wieder symptomatisch für Albin Müller, dem leitenden Architekten der späteren Darmstädter Künstlerkolonie und der Ausstellungen von 1908 bis 1914: der soviel gestaltet hat auf dem berühmten Hügel und von dem nur noch so wenig erhalten ist. Für die Mathildenhöhe ist er mindestens genauso bedeutend wie Olbrich oder Behrens, doch stand er immer in beider Schatten. Dabei war er ein ausgesprochen innovativer Geist, vor allen Dingen im Holzbau, wo er früh schon mit Fertigbauelementen experimentierte. Ob Tiny House oder Home Office im Ateliergebäude – vieles von den heute modernen Wohnraumkonzepten kann man bei Albin Müller schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts finden.

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Ein Fest für die Augen: Das „Welterbe-Buch“ zur Mathildenhöhe ist da!

Einen bildgewaltigen Überblick über den Aufbruch in die Moderne auf der Mathildenhöhe liefern Nikolaus Heiss und Renate Charlotte Hoffmann in ihrer neuesten Gemeinschaftsproduktion: „Welterbe Mathildenhöhe Darmstadt“. Das im Darmstädter Justus von Liebig Verlag erscheinende Buch feiert in faszinierenden Bildern die Schönheit einer einmaligen Architektur, die es so nur hier auf der Welt zu sehen gibt. Mit vielen Doppelseiten zelebriert der Bildband im Großformat die besondere Ausstrahlung und Kraft der Darmstädter Künstlerkolonie. Jede Abbildung ist ergänzt um eine kommentierende Bildunterschrift mit kurzweiligen Informationen zum Gezeigten. In einem Einleitungsteil erfährt man zudem viel über den langen Weg zur Anerkennung der Mathildenhöhe als Weltkulturerbe der UNESCO wie auch zur Geschichte des Ensembles und seiner vier Ausstellungen von 1901, 1904, 1908 und 1914. Sie geben die Chronologie der Bilder vor, die um zusätzliche Kapitel zur Russischen Kapelle, den Gärten und Skulpturen sowie den Villen außerhalb der Welterbestätte ergänzt ist. Eine detaillierte Karte am Ende markiert die besonders schützenswerten Bereiche der UNESCO Welterbezone und hilft bei der Orientierung auf dem abwechslungsreichen Gelände.

Ab Morgen, dem 4. Dezember, ist das Buch für 29,80 Euro im Buchhandel erhältlich. Und damit genau rechtzeitig zu Weihnachten – zum selbst Schmökern oder zum Verschenken!

Welterbe Mathildenhöhe Darmstadt – World Heritage Mathildenhöhe Darmstadt
Bildband mit Fotografien von Nikolaus Heiss und Texten von Renate Charlotte Hoffmann
216 Seiten, Hardcover, zweisprachig deutsch/englisch
Format: 24 x 29,7 cm
Preis: 29,80 Euro
ISBN: 978-3-87390-466-8
Justus von Liebig Verlag, 2021

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Tierisches im Doppelpack: Dekorative Paare

Die Schakalsvasen vom Platanenhain – das ist doch das passende Motiv für den Monat November mit seinen vielen Feiertagen zum Totengedenken. Denn diese beiden Tiere, die mit ihrer spitzen Schnauze und den langen Ohren so neugierig über den Rand des Gefäßes schauen, sind an dieser Stelle des Monumentalkunstwerks ein sinnbildlicher Ausdruck für den Übergang in das Totenreich. Bildhauer Berhard Hoetger zitiert in diesem Objekt aus Gussstein das alte Ägypten, in dem Anubis, der Gott der Todesriten und der Mumifizierung, in Gestalt dieser Wüstentiere dargestellt wurde. Schakale gelten in vielen Kulturkreisen als Begleiter der Seelen in das Totenreich. Auf dem Platanenhain sind jeweils zwei dieser Vasen der Sterbenden Mutter mit Kind, der Großskulptur ganz im Westen der Anlage, links und rechts zur Seite gestellt.

Die Schakalsvasen sind auch deswegen gerade so interessant, weil sie mit ihrem Auftreten als tierisches Paar im Doppelpack momentan viele Geschwister auf der Mathildenhöhe haben. Denn Albin Müller, dem zur Zeit eine Sonderausstellung im Museum Künstlerkolonie gewidmet ist, hat Tierpaare häufig als Stilmittel für seine kleinen Meisterwerke der Raumkunst benutzt. In der Werkschau albinmüller3 sind eine Vielzahl solcher Objekte zu sehen.

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In Memoriam II: Noch drei Künstler, noch drei Gräber

Von den 23 Künstlern der Künstlerkolonie Darmstadt haben sechs ihre letzte Ruhestätte in Darmstadt und der näheren Umgebung gefunden. Vor einem Jahr hat 23 Quer die Gräber der Gründergeneration und frühen Künstlerkolonisten der Ausstellungen von 1901 und 1904 besucht und ihrer besonders gedacht. Nach dem ersten Teil über Joseph Maria Olbrich, Ludwig Habich und Daniel Greiner aus dem November 2020 folgt nun der zweite: Er führt ebenfalls zu drei Gräbern bedeutender Künstler: Sie haben für die Ausstellungen von 1908 und 1914 Großes geleistet. Vor langer Zeit sind sie gestorben. Doch uns haben sie so viel Bleibendes von außergewöhnlichem Wert hinterlassen, dass es nun sogar schützenwert für die gesamte Menschheit, UNESCO Weltkulturerbe, ist.

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Zeichen setzen: Müllers Villa am Platanenhain

Sie war wirklich nicht zu übersehen. Wer in den Jahren zwischen 1911 und 1944 auf die Mathildenhöhe ging, dessen Blick auf Ausstellungsgebäude und Hochzeitsturm streifte unweigerlich diese Villa: das Haus Albin Müller. Ähnlich wie sein Vorgänger im Amt, Joseph Maria Olbrich, hatte auch Albin Müller seinen privaten Wohnsitz auf dem Gelände der Künstlerkolonie errichtet – und zwar in prominenter Lage, direkt am Eingang vor dem Platanenhain. Heute ist davon nichts mehr vorhanden: Grüne Wiese erstreckt sich dort, wo einst der Chefarchitekt und künstlerische Leiter der Mathildenhöhe residierte.

Städtebaulich war das Projekt nicht unumstritten, veränderte der Neubau, der zwischen 1911 und 1912 errichtet wurde, doch erheblich die Gesamtwirkung des Mathildenhöhe-Ensembles. Deutlich ist aber auch zu sehen, wie sehr Müller seinen Entwurf auf das dominante Ausstellungsgebäude von Olbrich abstimmte, indem er dessen langgezogene Säulenreihen für die vordere Fensterfront zitierte oder auch die Form des Pyramidendachs aufgriff. Er hatte seinen Neubau durchaus eingebunden in das Vorhandene, aber zweifelsohne ein starkes Zeichen seiner Rolle an dieser Stelle gesetzt. Gut dreißig Jahre, bis zu seinem Tod 1941, lebte Albin Müller in diesem privaten Refugium auf der Mathildenhöhe.

Haus Albin Müller (1911 – 1944) – eine stattliche Villa direkt vor dem Platanenhain.

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