Museum Künstlerkolonie: Einladende Eleganz von Joseph Maria Olbrich

Es gibt einen Ort auf der Mathildenhöhe, der jetzt in der Wintersaison einen Besuch besonders wert ist: das Museum Künstlerkolonie im Ernst Ludwig-Haus. Neben dem Vorteil warmer Zimmertemperaturen sprechen dafür gleich mehrere Gründe:

  • Es ist von der regen Bau- und Sanierungstätigkeit auf dem Welterbe-Hügel nicht betroffen und ohne Einschränkungen in ganzer Pracht zu besichtigen.
  • Die Auszeichnung zum Welterbe hat stark die Architektur in den Mittelpunkt gestellt. Es wäre mal wieder an der Zeit, sich mit den ebenfalls beeindruckenden Möbelentwürfen und Dekorationen für den Innenraum zu beschäftigen. Schließlich war alles von den innovativen Geistern der Künstlerkolonie als Gesamtkunstwerk konzipiert.
  • Das Große Haus Glückert wird zukünftig genau diesen Einblick in die Gestaltung des Innern erlauben, momentan bleibt die wunderbare Eingangstür unter dem Rundbogen wegen Sanierung jedoch noch geschlossen.

Wer das Konzept der Halle, typisch für die Künstlervillen von Joseph Maria Olbrich, selbst erleben will, der kann das zurzeit nur im Museum Künstlerkolonie tun und dabei sogar auf originalen Möbeln des Meisters Platz nehmen.

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Jubiläum: 3 Jahre 23 Quer! „Best Of“ mit 23 Lesetipps

Er liest sich wie aus einer anderen Zeit: Der erste Beitrag für 23 Quer im Januar 2020 zählte die Tage bis zur erwarteten UNESCO-Entscheidung über das Welterbe „Mathildenhöhe Darmstadt“. Für den Sommer des gleichen Jahres war das geplant. Doch dann sollte alles anders kommen. Corona überschattete bald das Leben aller – und wurde zur Herausforderung auch für 23 Quer: eine Online-Publikation, die mehr ist als ein Blog. Es ist ein kleines digitales Magazin, geschrieben aus den Reihen der Freunde der Mathildenhöhe. Dem Verein, der die Stadt viele Jahre kräftig unterstützt hat auf ihrem erfolgreichen Weg zum Weltkulturerbe. 23 Quer informiert über Geschichte und Gegenwart, lädt zum Flanieren ein und stellt all jene vor, die sich privat wie beruflich an den unterschiedlichsten Stellen für die Mathildenhöhe einsetzen.

Jeden Monat (jedenfalls meistens) erscheinen drei Artikel. Da kommt in 3 x 12 Monaten und drei Jahren jede Menge Lesestoff auf 23 Quer zusammen. Zum Jubiläum gibt es jetzt für Sie eine Spezial-Auswahl von 23 Artikeln zur Mathildenhöhe, die besonders lesenswert waren und es immer noch sind:

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Das Familiengrab Glückert: ein Kunstwerk von Olbrich

Die Grabstätte Glückert auf dem Alten Friedhof Darmstadt: Jugendstilkunst.

Die Künstlerkolonie Darmstadt hat nicht nur auf der Mathildenhöhe Spuren hinterlassen, sondern auch auf dem Alten Friedhof am Herdweg. So ist Joseph Maria Olbrich nicht nur selbst auf diesem Friedhof begraben (Grabstelle IV C 11), sondern hat dort zu Lebzeiten auch ein einmaliges Kunstwerk des Jugendstils geschaffen: das Grabmal für die Familie Glückert (Grabstelle I G 101).

Fünf Menschen haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden, darunter auch Julius Glückert – der Möbelfabrikant, der gleich zwei der Künstlervillen auf der Mathildenhöhe seinen Namen gegeben hat: Im Kleinen Glückerthaus wohnte er mit seiner Familie. Das Große Haus Glückert gleich nebenan diente über mehrere Etagen als Ausstellungsgebäude für seine modernen vom Jugendstil und den Entwürfen der Künstlerkolonie inspirierten Möbeleinrichtungen. Er genoss internationale Anerkennung, war auf den Weltausstellungen 1900 in Paris und 1904 in St. Louis vertreten und belieferte sowohl den russischen Zarenhof wie das niederländische Königshaus.

Er selbst wurde als letzter seiner Familie 1911 auf dem Alten Friedhof in dieser Grabanlage beigesetzt, die Olbrich bereits um 1901 für ihn entwarf. Der berühmte Architekt war zur Beisetzung des Möbelfabrikanten schon tot, gestorben 1908 mit gerade mal vierzig Jahren.

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Tourismus-Botschafter der Mathildenhöhe: Im Gespräch mit den Guides

Die Mathildenhöhe war 2022 ein beliebtes Ausflugsziel für Besucher und Besucherinnen aus nah und fern. Nach langen zwei Corona-Jahren zog es wieder viele Menschen hinauf zu dem einmaligen Ensemble aus Architektur, Skulptur und Gartenanlagen. Doch 2022 war für die Mathildenhöhe zugleich ein Jahr des Übergangs. Am Besten können uns noch die vom Musenhügel berichten, die im vergangenen Jahr nahezu täglich Gruppen über das noch junge UNESCO-Welterbe informiert haben: die Gästeführer der Stadt Darmstadt. Mit drei von ihnen hat 23 Quer gesprochen:

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Mathildenhöhe 2023: Das wird ein Mega neues Jahr!

Ein Vorgeschmack auf 2023: die frisch sanierte Decke im Ausstellungsgebäude.

Während 2022 vor allen Dingen als das Jahr der Baustellen in die Geschichte der Mathildenhöhe eingeht, wird 2023 wohl das Jahr der großen Fertigstellung werden. Voraussichtlich wird im Juni das Außengelände der Mathildenhöhe wieder komplett hergestellt sein, die vielen Baustellenzäune damit der Vergangenheit angehören. Auch der Platanenhain wird im Frühsommer, deutlich früher als geplant, saniert und wieder zugänglich sein.

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Die Fünf-Finger-Tür auf der Mathildenhöhe

Sichtbar inspiriert von dem Wahrzeichen der Stadt Darmstadt, dem Fünf-Finger-Turm aka Hochzeitsturm, zeigt sich diese Eingangstür einer Villa am Nikolaiweg auf der Mathildenhöhe. Fünf Finger, en minia“ture“ sozusagen.

Sie ziert das Haus Schreiner, eine der historischen Villen am Hauptweg des Hangs, der hinauf zum UNESCO Welterbe-Gelände führt. Mit Hausnummer 5 liegt sie relativ weit oben mit Paradeblick auf die Stadtkrone und ihrem alles überragenden Turm. Der Architekt war vermutlich Rudolf Schreiner. Er war zwar nicht Mitglied der berühmten Darmstädter Künstlerkolonie, aber eng mit ihr verbunden und ebenfalls ein erfolgreicher Baumeister. Zwischen 1911 und 1912 baute er für seinen vermögenden Vater, den Chemiker Dr. Ludwig Schreiner, wohl diese repräsentative Villa.

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Vierzig Jahre Förderkreis Hochzeitsturm: Gratulation!

Der November ist auch für die Geschichte des Hochzeitsturms ein Monat von Bedeutung: Es war an einem 21. des Monats, als sich Großherzog Ernst Ludwig 1904 mit Prinzessin Eleonore zu Solms-Hohensolms-Lich, seiner zukünftigen Gattin, verlobte. Das ist heute genau 118 Jahre her. Und es war an einem 27. November als sich der Förderkreis Hochzeitsturm 1982 als eingetragener Verein offiziell gründete. Fast auf den Tag genau ist das jetzt vierzig Jahre her. Ohne das erste Datum gäbe es dieses wahrlich große Hochzeitsgeschenk wohl kaum, das die Stadt ihrem Landesherrn zur späteren Vermählung schenkte und das sein Lieblingsarchitekt Joseph Maria Olbrich für ihn entwarf. Und ohne das zweite Datum könnte Darmstadt nicht mit einem bestens erhaltenen Wahrzeichen glänzen, das 1908 eröffnet heute kunsthistorisch so wertvoll ist, dass es 2021 als schützenswert für die gesamte Menschheit erklärt wurde.

„Der Hochzeitsturm war einer der gewichtigsten Bausteine in der Bewerbung um das UNESCO Weltkulturerbe“, betonte auch Oberbürgermeister Jochen Partsch, der als oberster Gratulant die Glückwünsche der Stadt zum Jubiläum persönlich an den Förderkreis Hochzeitsturm überbrachte. Hoch oben auf der Aussichtsplattform des Turms hatte sich am 19. November eine Schar geladender Gäste aus Politik und Kultur, Vereinen und Freunden zu einer Feierstunde eingefunden. Partsch erinnerte an die Zeit und die Menschen, die mit Weitblick schon damals das Potential dieses hoch aufragenden Denkmals erkannt hatten. Allen voran Sissy Geiger, die sehr engagierte Kulturpolitikerin der CDU, die kurzerhand mit Parteikollegen einen Verein gründete, nachdem man sich im Stadtparlament mit einem Antrag vorher nicht durchsetzen konnte. „Die Erhaltung und Wiederbelebung des Darmstädter Wahrzeichens und Europäischen Denkmals sicherzustellen“, das war das erklärte Ziel der Gründer.

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Lebensechter Grabstein: Relief von Ludwig Habich

Der November ist traditionell der Monat, in dem 23 Quer gerne mal schaut, was die Mathildenhöhe und die Künstlerkolonie zum Thema Tod und Gräber, zu Särgen und Grabsteinen beizutragen haben. Insgesamt sechs Künstler aus der Riege der Ausstellungsmacher von 1901 bis 1914 fanden in Darmstadt und Umgebung ihre letzte Ruhe (Joseph Maria Olbrich, Ludwig Habich und Daniel Greiner sowie Albin Müller, Heinrich Jobst und Christian Heinrich Kleukens). Zu ihren Lebzeiten waren sie oft auch Gestalter von Ruhestätten zu Ehren anderer Toten. Wie etwa der Bildhauer Ludwig Habich, der auf dem Alten Friedhof von Darmstadt eben nicht nur selbst begraben ist (Grabstelle I D 121a), sondern sich dort auch künstlerisch verewigt hat. Von ihm stammt das Bronzerelief, das den Grabstein des Darmstädter Schriftstellers Gottfried Schwab ziert (Grabstelle IV Mauer 116) und ein sehr lebensechtes Portrait von ihm zeigt:

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Alles wurde unaufhörlich teurer, 1922 wohlgemerkt. Auch für Albin Müller, den letzten leitenden Architekten der Künstlerkolonie Darmstadt, der spürbar unter den Folgen der galoppierenden Inflation vor hundert Jahren litt. Das Honorar, eben noch ausgehandelt mit seinen Auftraggebern, war nach Fertigstellung seiner Entwürfe kaum noch etwas wert. Nur mühsam hielt er sich und seine Famile noch über Wasser. In seiner Autobiographie „Aus meinem Leben“ erinnert sich der Künstler viele Jahre später, dass die Preise aller lebensnotwendigen Materialien Anfang der Zwanziger Jahre so hoch stiegen, „daß die meisten Deutschen sie nicht zahlen konnten. So war es auch mit dem Holz. Es wurde so teuer, daß viele die Kosten für den Sarg ihrer Verstorbenen nicht mehr aufbringen konnten. In den Großstädten wurde vielfach ein Sarg nur als A[t]trappe zur Aufbahrung benutzt, der Tote aber ohne Sarg beerdigt.“

Da kam ihm eine Geschäftsidee.

Diese Notlage brachte mich auf den Gedanken, eine Sargform zu schaffen, bei dem nur ein ganz geringes Quantum Holz als dünnes Leistengestell gebraucht wurde, das übrige aber aus Papierfaserstoffgewebe – Ersatz für Leinwand – bestand. #/# (Albin Müller, S. 161)

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Ein Versorgungsnetz für knorrige Charakterköpfe

Nach der zügigen Fällung von 35 Platanen Anfang Oktober geht es nun den Bäumen im Platanenhain weiter an die Wurzel. Mit einem eigens konstruierten Bagger wird vorsichtig das unterirdische Versorgungsgitter gegraben, für die zukünftige Bewässerung und Belüftung der alten wie neuen Platanen mit der typischen „Darmstädter Hohlkrone“. Durch diese Spezialbehandlung kann die Stadt Darmstadt das monumentale Gesamtkunstwerk aus Bäumen und Skulpturen von Bernhard Hoetger, seit Sommer 2021 auch Teil des UNESCO Welterbes Mathildenhöhe, großflächig erhalten. Früher als geplant, bereits im Frühjahr 2023, soll der Platanenhain frisch saniert erstrahlen.

Jeder einzelne Baum des Platanenhains ist wichtig. Jede einzelne Platane fordert eine individuelle Beurteilung. Der Verein der Freunde der Mathildenhöhe hat dazu während der Entscheidungsphase jede Platane des Hains separat mit der Kamera festgehalten, 23 Querreihen à zumeist acht Bäumen pro Reihe galt es abzulichten. Eine einmalige Fotogalerie aus rund 180 knorrigen Charakterköpfen ist so entstanden. Die Baumportraits von Nikolaus Heiss sind ein besonderes fotografisches wie denkmalpflegerisches Dokument.

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Behrens goes future: Die World Design Hauptstadt

Als sich im Oktober 1907 der Deutsche Werkbund in München gründete, waren unter den zwei Dutzend Gründern aus Künstlern und Unternehmern drei Namen von der Darmstädter Künstlerkolonie: der Architekt Joseph Maria Olbrich, der Keramiker Jakob Julius Scharvogel sowie der Gestalter und Architekt Peter Behrens. Sie wollten weg vom industrialisierten Kunstgewerbe hin zu technisch wie ästhetisch hochwertiger Qualitätsproduktion, eine Formgebung, die sich dem Zweck anpasst. Das berühmte spätere „Form follows function“ hatte hier seine Ursprünge, auch die „Neue Sachlichkeit“ in der Architektur. Insbesondere der Name Behrens ist aufs Engste mit dem Deutschen Werkbund verknüpft. Er sollte als ein Pionier des Industriedesigns und Erfinder der Corporate Identity in die Designgeschichte eingehen, vor allem mit seinen Entwürfen für die AEG, vom Ventilator bis zur Werkshalle. In seinem Büro haben später so berühmte Architekten der Moderne wie der Bauhaus-Gründer Walter Gropius, Mies van der Rohe oder Le Corbusier gearbeitet.

Der Deutsche Werkbund und die Künstlerkolonie Mathildenhöhe sind also auf jeden Fall historisch miteinander über ihr gemeinsames Personal und auch das Anliegen, den Alltag durch Gestaltung zu veredeln, verbunden. Auch räumlich ist man sich nahe: Darmstadt war und ist beiden Sitz und Zentrale. Und was die Zukunft angeht, bringt eine große internationale Bewerbung gerade einiges in Bewegung: die zur „World Design Capital – Frankfurt RheinMain 2026“. Die Inititiative zu dieser Bewerbung stammt von der Werkbundakademie (wba) in Darmstadt. Die Bewerbung für die Region erfolgt zentral von Frankfurt aus – vergleichbar etwa mit der Bewerbung Essens als Europas Kulturhauptstadt stellvertretend für das gesamte Ruhrgebiet vor einigen Jahren.

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35 Platanenbäume gefällt: Kahl ist es jetzt in der Mitte

Am Ende ging dann alles doch ganz schnell: Ruckzuck, kurz nach dem Feiertag zur Deutschen Einheit, kamen die Arbeiter mit den Sägen und innerhalb weniger Minuten war es geschehen: ein Baum nach dem anderen fiel zu Boden. 35 Platanen waren es insgesamt, wie am 11. Oktober im Darmstädter Echo zu lesen, die laut städtischem Grünflächenamt nicht mehr zu retten waren und daher gefällt werden mussten. Im Moment, von außen kaum zu sehen, sieht es besonders in der Mitte des grünen Hains reichlich kahl aus. Doch bereits Anfang November sollen 40 Jung-Platanen, die seit drei Jahren zur speziellen Form einer „Darmstädter Hohlkrone“ in einer Baumschule vorgezogen werden, die neuen großen und kleine alte Lücken im Raster der langen Baumreihen füllen.

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Es wird Herbst auf der Mathildenhöhe Darmstadt

Mit einem Aquarell aus des Meisters kunstfertiger Hand läutet 23 Quer den Herbst 2022 ein: das Ausstellungsgebäude mit Hochzeitsturm auf der Mathildenhöhe Darmstadt im Wechsel der Jahreszeiten. 1906 malte ihr Architekt Joseph Maria Olbrich dieses herbstlich gestimmte Bild mit Pergolen aus goldgelb gefärbtem Laub mit Deckfarben auf Papier, also noch vor der Fertigstellung des Baus zur Ausstellung von 1908. Ein bemerkenswertes Detail: Das Turmdach mit seinen fünf Fingern leuchtet in dieser Version nicht kupfergrün, sondern gelb. Unten rechts ist die quadratförmige Signatur Olbrichs zu erkennen. Das im Original 32,8 mal 52,3 Zentimeter große Aquarell zeigt eine Ansicht von Südosten. Es befindet sich heute in der Kunstbibliothek Berlin.

[Bildnachweis: Mathildenhöhe Darmstadt (Hrsg.): Joseph M. Olbrich, 1867 – 1908. Katalog zur Ausstellung anlässlich des 75. Todestages von Olbrich. Konzeption: Bernd Krimmel, Sabine Michaelis, Darmstadt, 1983, S. 225]

Oh, Britannia! Welterbe-Konzert mit Liedern der englischen Renaissance

Es hat keiner voraussehen können, aber manchmal fügen sich die Dinge einfach so, als hätte eine unsichtbare Hand Regie geführt. Denn dass es an diesem Sonntag, dem 11. September 2022, auf der Mathildenhöhe Darmstadt sehr britisch zugehen würde, das stand schon lange fest: „Come Sweet Love“ war das Leitmotiv eines Konzerts, mit dem der Musikverein Darmstadt um seine Leiterin Elena Beer selten gespielte Stücke aus der englischen Chor- und Instrumentalmusik der Renaissance vorstellte.

Doch wie passend waren diese besonderen Klänge an einem Nachmittag, an dem der Sarg der vor wenigen Tagen verstorbenen britischen Queen Elizabeth II. seine lange Reise von Balmoral Castle quer durch Schottland nach Edinburgh machte. Wer diese Fernsehbilder noch vor Augen hatte, dem kamen sie unwillkürlich wieder in den Sinn als der gemischte Chor aus rund 50 Sänger und Sängerinen vielstimmig das Foyer des Gebäudes der Hochschule Darmstadt am Olbrichweg füllte. Man sah sie sofort vor sich, „Scotland greenest hills“, die die Monarchin so sehr liebte und durch die sie zeitlich parallel zum Konzert auf der Mathildenhöhe noch ein letztes Mal fuhr.

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„The good die young“: Joseph Maria Olbrich

So unerwartet wie plötzlich verstarb Joseph M. Olbrich am 8. August 1908 in Düsseldorf. Der führende Kopf der Darmstädter Künstlerkolonie wurde mitten aus der Arbeit, aus seinem Leben gerissen, hinterließ seine Frau Claire und sein gerade geborenes, erstes Kind, eine Tochter. Er wurde nur 40 Jahre alt. Auf dem Alten Friedhof von Darmstadt fand nur wenige Tage später, am 12. August, die Beisetzung statt. Seine Totenmaske zeigt ein letztes Bild des Schwerkranken, den eine Leukämie in kürzester Zeit dahinraffte. Genau 114 Jahre ist das heute her. Es war damals ein Samstag, an dem er zu früher Nachmittagsstunde für immer von dieser Welt ging.

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Happy Birthday!

Ein Jahr UNESCO Weltkulturerbe

Nur hier auf der Welt ist der Aufbruch in die Moderne so schön und an so vielen Beispielen zu verfolgen wie auf der Darmstädter Mathildenhöhe. Besonders beim Hochzeitsturm von 1908 mit seinen über Eck laufenden Fensterbändern, die eine Premiere in der Architektur des 20. Jahrhunderts darstellen – in Darmstadt vom Architekten Joseph Maria Olbrich erfunden. Vor genau einem Jahr wurde das Ensemble aus Architektur, Gartenanlagen und Skulpturen, das zwischen den Jahren 1901 und 1914 zu vier Ausstellungen entstand, zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt.

Die Entscheidung war spannend bis zum Schluss, aber schließlich fiel am 24. Juli 2021 gegen 15 Uhr unserer Zeit der Hammer im fernen China: „Adopted!“ Aufgenommen in die große Familie der UNESCO Welterbestätten. Mit den fünf Neuzugängen der Nominierten von 2020 und 2021 zählt Deutschland zur Zeit insgesamt 51 Welterbestätten. Die erste war 1978 der Aachener Dom.

Summertime: Streifzug über die Mathildenhöhe

Die Mathildenhöhe Darmstadt ist nicht nur Hochkultur. Hier blüht zwischen dem einzigartigen Ensemble aus Architektur, Gartenlagen und Skulpturen jetzt im Sommer das pralle Leben: Ein junges Paar entspannt am Lilienbecken, die „Kochenden Männer“ legen einen Stopp beim Hochzeitsturm ein, unablässig beziehen die Besuchergruppen vor dem goldenen Omega-Portal des Ateliergebäudes Position. Der Schwanentempel mit seiner blendenden Akustik wird kurzerhand zum Tango-Tanztempel während es die Boulespieler im Platanenhain eher französisch gelassen angehen. In den temporären Bauten der Gastronomie, den beiden Biergärten im Platanenhain und unter den hohen Bäumen des Osthangs, laden viele sonnige und auch schattige Plätzchen zum Verweilen und Genießen ein. Und selbst die Polizei genießt ihre Streife an diesem außergewöhnlichem Einsatzort, in dem selbst Baustellen schön aussehen. Friede, Freude, Sonnenschein.

„Meine Mathildenhöhe“: Flanieren mit dem neuen alten Osthang-Verein

Auch wenn seit kurzem „e.V.“ am Ende des Namens steht, stecken hinter dem Kunst- und Kulturprojekt „Osthang“ weiterhin viele motivierte Freiwillige, die das lange Zeit brachliegende Gelände an der Rückseite der Mathildenhöhe seit gut acht Jahren mit Flohmärkten, Ausstellungen, Konzerten, Workshops und Festivals beleben. Mit einem ganzen Verein zu flanieren, das wäre ein schwieriges Unterfangen, aber mit drei Mitgliedern des Teams vom Osthang-Verein hat sich 23 Quer etwas ausführlicher unterhalten. Denn wer seit Jahren dem UNESCO Welterbe räumlich schon so nahe ist, der hat doch bestimmt eine besondere Beziehung zum Musenhügel entwickelt und nicht nur eine zum Osthang. In der Rubrik „Meine Mathildenhöhe“ erzählen Menschen, die die Mathildenhöhe prägen, begleiten und für sie an den unterschiedlichsten Stellen wirken, ihre ganz persönlichen Geschichten zu diesem ganz besonderen Stück Darmstadt. Gemeinsam mit ihnen flanieren wir über den Musenhügel. Drei Orte, drei Stopps, drei Geschichten. Los geht’s!

Stopp 1: Der Pavillon des Ausstellungsgebäudes

Sie waren damals jung, sehr jung, die kreativen Geister der ersten Darmstädter Künstlerkolonie von 1901, die für so viel Furore und Aufsehen sorgen sollte. Erst zwanzig Jahre alt der Jüngste, zweiunddreißig der Älteste, dachten sie alles von Grund auf neu – das Wohnen, das Arbeiten, ja das ganze Leben. Eine unglaubliche Freude am Experimentieren durchzieht ihre vor Einfallsreichtum sprühenden Entwürfe. Vieles davon war einzigartig, einmalig, nie zuvor gesehen. Sie waren Pioniere der Moderne, die damals nicht ahnen konnten, dass sie ein Werk von herausragendem Wert für die Menschheit schaffen sollten.

Im gleichen Alter wie die Protagonisten der Künstlerkolonie zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind heute auch Marius Wolf, 28, und Max Politz, 24, die sich seit vielen Jahren im „OHA Osthang“-Projekt engagieren. Wir sitzen gemütlich unter den schattigen Bäumen des Osthang-Geländes, die fünf Finger des Hochzeitsturms grüßen von oben, der Blick fällt auf die Rückseite des sich auf dem Hügel imposant erhebenden Ausstellungsgebäudes.

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Ausstellung „Manzil Monde“: Nadira Husain oder Zuhause in der Welt

Équilove, Deepwater (Nadira Husain, 2021)

Ein Pferd mit Flügeln, da denkt unsereins – jedenfalls, wenn er oder sie vom europäisch-antiken Kulturraum geprägt ist – doch gleich an Pegasus. Falsch gedacht! Auf das falsche Pferd gesetzt. Denn bei diesem Mischwesen aus Pferd und Mensch, das in vielen Varianten das Werk von Nadira Husain beflügelt, geht es um „Al-Buraq“, die arabische Version. Der Legende nach soll der Prophet Mohammed auf ihm von der Erde zum Himmel geflogen sein. So kennt diese Geschichte jeder in der muslimischen Welt, die weit, bis in den Fernen Osten, bis nach Indien reicht. Dort hat eine Künstlerin ihre Wurzeln, der das Institut Mathildenhöhe Darmstadt vom 26. Juni bis zum 2. Oktober 2022 eine Einzelausstellung in den Bildhauerwerkstätten des Ernst Ludwig-Hauses widmet.

Und so öffnet uns dieses Pferd die Augen für einen zumeist sehr unbekannten Kulturkreis, der zur Erfahrungs- und Erinnerungswelt einer Frau mit multikulturellem Hintergrund gehört, die 1980 in Paris geboren wurde. Dort arbeitet sie auch, aber simultan ebenfalls im südindischen Hyderabad oder in Berlin. Eine, die zwischen den Kulturen wandert, sich mit so aktuellen Themen von Herkunft, Heimat und Zuhause in einer globalisierten Welt auseinandersetzt, und auch mit Fragen rund um Rassismus und Feminismus.

„Mit ihr zeigen wir die erste Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst nach Ernennung der Mathildenhöhe Darmstadt zum Weltkulturerbe“, erläutert Philipp Gutbrod, Direktor des Instituts Mathildenhöhe. „Die Internationalität unserer Stätte ist ein wichtiger Grund für unsere UNESCO-Welterbeanerkennung, die nun mit Manzil Monde eine spannende Verbindung eingeht.“ Schon im Titel der Ausstellung mischen sich die Welten: „Manzil“ hat indisch-arabische Ursprünge (Urdu), bedeutet in etwa „Haus“ oder „Zuhause“, während das französische „Monde“ die „Welt“ transportiert.

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Architektur im Aufbruch zur Moderne: Applaus für das „Welterbe-Buch“

Persönliche Widmung von den Autoren – auch für Joachim Fahrwald (mi.)

Oft ist es ja so, dass man bei Lesungen das präsentierte Buch danach eigentlich nicht mehr zu kaufen braucht: Hat man doch alles bereits gehört, was noch zu lesen wäre, ist die Lektüre des Lesestoffs nur noch langweilige Kopie. Das mussten die Besucher:innen nicht befürchten, die am 10. Juni zur Buchvorstellung ins Darmstädter Haus der Geschichte am Karolinenplatz kamen. Dazu ist der Fundus an Geschichten und Bildern einfach zu groß, der sich über viele Jahrzehnte des Einsatzes und der Leidenschaft für ihr Thema angesammelt hat: Weltkulturerbe Mathildenhöhe Darmstadt, der erste Bildband über das neue Mitglied der großen weltweiten UNESCO-Familie, wurde endlich, ein halbes Jahr nach dem Erscheinen, von Nikolaus Heiss und Renate Charlotte Hoffmann erstmals öffentlich präsentiert. 

Das sollte eigentlich schon im November letzten Jahres passieren. Doch die Stadt fühlte sich nicht ausreichend informiert und grätschte ihrem ehemaligen Leiter der Denkmalpflege und seiner Ko-Autorin dazwischen: Die geplante Präsentation fiel damals aus, auch wenn der Druck des Bandes mit kleiner Verzögerung noch vor Weihnachten erfolgte, sich das Werk seitdem bestens verkauft. „Eine völlig überflüssige Reaktion der Politik“, diesen Begrüßungsworten Hans Gerhard Knölls vom Verein der Freunde der Mathildenhöhe, die zusammen mit dem Bund Deutscher Architekten (BDA) zur Veranstaltung eingeladen hatte, schloss sich das zahlreich versammelte Publikum mit viel Applaus an. Knöll: „Der Stadtpolitik hat das Vorgehen geschadet, dem Buch sicherlich nicht.“ Hans-Henning Heinz erinnerte in einem Grußwort für den BDA an die Auszeichnung, mit der der Architektenverband 2020 Nikolaus Heiss für sein Lebenswerk geehrt habe. Ein Preis, den er für sein Engagement erhalten hat, „Baugeschichte und Baukultur zusammenzuführen und sie einem breiten Publikum nahezubringen“. Dialog ist sein Thema.

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