Die TET-Stadt: Hoetgers ägyptisch inspirierte Monumental-Utopie

Für ein Kuriosum in der Architekturgeschichte sorgte Künstlerkolonist Bernhard Hoetger nur wenige Jahre nach seiner Zeit auf der Darmstädter Mathildenhöhe. Dem Keksfabrikanten Hermann Bahlsen entwarf er mitten im Ersten Weltkrieg ein monumentales Stadtviertel für Hannover, das mit dem Bauelementen aus dem Land der Pharaonen spielte, geweiht der einzigartigen Göttin des TET, dem Markenzeichen der Firma.

TET steht für eine ägyptische Hieroglyphe, die sich aus den drei Zeichen für Kobra, Brotlaib und Erde zusammensetzt und „ewig dauernd“ bedeutet. Diese Kartusche hatte sich die Firma Bahlsen 1903 als trendiges Markenzeichen für ihr ausgesprochen haltbares Buttergebäck eintragen lassen, das anfangs noch „Leibniz Cakes“ hieß. Später wurde es in das lautsprachlich gleiche „Leibniz Keks“ umgewandelt, und verhalf damit einer ganzen Backwarengattung zu ihrem deutschen Namen. Die ägyptische Kartusche mit dem TET ziert bis heute die Butterkekse von Bahlsen und auch das Firmenlogo.

Sakraler Ort der Arbeit: die TET-Stadt

Keksfabrik und ägyptisches Logo sind 1917 also bereits vorhanden als Hoetger den Hannoveranern seine ersten Entwürfe vorlegt. Die TET-Göttin dagegen ist ein reines Produkt seiner Fantasie. Auch wenn die alten Ägypter viele Götter verehrten, meistens jedenfalls, eine TET-Göttin war nicht darunter. Da musste erst Bernhard Hoetger kommen und sie auf eine riesige Säule mitten in das Zentrum seines gigantischen städtebaulichen Projektes stellen, mit Straßenvierteln, Alleen und repräsentativen Plätzen, mit Wohnungen für rund 17 000 Mitarbeiter des Kekskonzerns, mit Kino, Kirchen, Schulen und Grünanlagen, mit den Produktionshallen und einem Verwaltungskomplex für die Firma: die TET-Stadt.

Monumentaler als in diesem gigantischen städtebaulichen Entwurf für Hannover wurde die „Ägyptomanie“, die Anfang des 20. Jahrhunderts ganz Deutschland wie ein Fieber ergriffen hatte, wohl nirgendwo anders Form und Gestalt gegeben. Der Entwurf Hoetgers war an vielen Stellen von ägyptischen Vorbildern inspiriert, von tempelartigen Eingängen, Gebäuden in Form einer Stufenpyramide, von halbrunden Ringen wie bei ägyptischem Halsschmuck oder den zum Pyramidendreieck geformten Grundriss eines ganzen Stadtviertels. Riesige Gebäudekomplexe und Straßen waren geplant. Das Bahlsen-Verwaltungsgebäude erhob sich am Ende einer langen Achse. Ausgestattet mit einem „weihevollen Parcours“ und Göttinnen-Verehrung im Inneren war hier ein fast schon sakraler Firmensitz geplant, den die Architektur wie ein Heiligtum feierte.

Durchaus vergleichbar mit der Darmstädter Künstlerkolonie von 1901 sollte mit der TET-Stadt ebenfalls der Arbeit und dem Herrn gehuldigt werden: doch statt luftiger Künstlerateliers und Großherzog Ernst Ludwig nun die schweren Baukörper einer Keksfabrik und Unternehmer Bahlsen als Auftraggeber und Mäzen; statt dem ornamental Leichten der Künstlerkolonie um Olbrich nun das expressiv Massive eines Hoetgers. Wie gigantisch damals in Hannover geplant wurde, zeigt diese 3D-Video-Animation: 

Theben in Hannover.

Hoetger war ein ausgebildeter Steinmetz, hatte ursprünglich Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf studiert. Die Architektur, der er sich in späteren Jahren immer mehr verschrieb, ist er denn auch eher wie ein Formgestalter angegangen. Ähnlich einem Gaudi in Barcelona hat er vom und mit dem Material entworfen, mehr Bauskulpturen im Kopf gehabt als Gebäude: Er knetete Tonmodelle von den Entwürfen seiner Kolossalbauten, die er zusammen mit Skizzen an das Baubüro der Bahlsen-Keksfabrik weiterleitete. Diese fertigten daraus dann ausführbare Bauzeichnungen. Der ursprüngliche Entwurf Hoetgers wurde im weiteren Planungsprozess vom Baubüro mehrfach abgeändert. Vom ägyptischen Dreieck des ersten Hoetger-Entwurfs war am Ende nicht mehr viel übrig, als im August 1919 der endgültige Bauantragsplan vorlag.

Stattdessen sieht man eine sehr axiale Ausrichtung auf die Keksfabrik und ihrer Symbole, fast schon absolutistisch ins Zentrum führend. Hoetger plante sogar einen der großen Säle im Direktionsgebäude allein mit einer vergoldeten Statue der TET-Göttin zu schmücken. Zu erreichen gewesen wäre dieser über einen Säulenhof, der die Weihestimmung dieses Bereiches so heben sollte. Doch dann kam der Schwenk des Unternehmers Bahlsen. Er schrieb Hoetger im Mai 1919: „Wir müssen uns beschränken, das Herrenzeitalter ist vorbei, die Arbeiter haben das Wort. (…) Wir können weder die TET-Säule bauen, noch die unrationellen Schrägen.“

Zudem setzen die Kriegsjahre das Unternehmen finanziell unter Druck. Bahlsen muss sparen, versucht auch die Bautantiemen Hoetgers zu kürzen und dessen Anteil am Entwurf klein zu halten. Dieser habe „mit dem TET-Projekt nichts mehr geleistet (…) als das Notwendigste“. Das Tonmodell der Stadt, das er 1917 hergestellt hat und das auch öffentlich ausgestellt wurde, sei „allenfalls als Idee (zu)betrachten, eine praktische Ausführung danach natürlich ausgeschlossen.“ Als Bahlsen am 6. November 1919 stirbt, ist es endgültig vorbei: Hoetgers ägyptisch inspirierte TET-Stadt bleibt eine Utopie – sie wird nie gebaut.

Die TET-Göttin: Hoetger-Skulptur taucht wieder auf.

Was aber viele Jahre später wieder auftauchte war eine bis dahin unbekannte Skulptur aus Stein, die eine TET-Göttin aus der Hand Hoetgers zeigt. Sie wurde wohl vor 80 Jahren vor dem Zugriff der Nationalsozialisten versteckt, denen seine expressive Kunst als „entartet“ galt. Seit 2018 thront die scheinbar wie das ägyptische TET über allen Zeiten erhabene Kunstfigur Hoetgers vor dem Eingang des Bahlsen-Stammhauses in Hannover. Bereits 2013 hatte sich das Niedersächsische Landesmuseum in Hannover in der Ausstellung „Faszination Nofretete. Bernhard Hoetger und Ägypten“ sich dieser denkwürdigen Phase eines Künstlerlebens und deutscher Architekturgeschichte gewidmet.


Literatur

Holger Wenzel: „Ich bin wieder in die ägyptischen Sachen gekommen“. Europas Sehnsucht nach Ägypten. In: Wolfgang Wettengel: Mythos Tutanchamun, 2. Auflage, Nördlingen, 2003, S. 46 – 60

Ralf Bormann: Hannoveraner Ägyptomanie In: Bauwelt, Nr. 24/2015, S. 30 – 37

RND, Redaktionsnetzwerk Deutschland: Verschollene Statue der TET-Göttin ist wieder da, 9.6.2018

der architekt. Bund Deutscher Architekten BDA: Faszination Nofretete. Hoetger-Ausstellung in Hannover, 29.8.2013

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