Skulptur vom Ende und Anfang: Mutter und Kind

Das ewige Vergehen und Entstehen von Leben versinnbildlicht wohl kaum eine Figur schmerzlicher und eindrücklicher als die einer sterbenden Mutter mit ihrem soeben geborenen Kind. Vor allen Dingen, wenn das Bild auch noch einen wahren Kern besitzt wie auf der Mathildenhöhe. Mutter und Kind der Großplastik im Platanenhain stellen die Künstlerin Paula Modersohn-Becker dar, die 1907 mit gerade 31 Jahren kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes starb. Sie war eine enge Freundin des Bildhauers Bernhard Hoetger aus seinen Pariser Zeiten. Durch sie wurde er mit der Künstlerkolonie Worpswede bekannt. Die Skulptur der sterbenden Mutter mit Kind hat Hoetger dort auch für ihr Grabmal gestaltet. Während sie in seinem späteren Wohnort an eine Tote erinnerte, feierte er mit ihr in Darmstadt zur Künstlerkolonie-Ausstellung von 1914 das Leben.

Das Wort hat Hans Hildebrandt, der ein Augenzeuge der Entstehungszeit ist und vor allen Dingen die heute nicht mehr vorhandene Farbigkeit der Figurengruppe kannte. Er schreibt 1915:

Die Mittelgruppe erst sammelt alle Skulpturen des Platanenhains zur Einheit, ist im geistigen wie im formalen Sinn Anfang und Ende. Die Sterbende ruht auf einer Platte, an deren Ecken Vögel ihre Flügel breiten, und die mit einem Band leichtschwebender blauer Wolken verziert ist. Das gelbe Gewand lässt den Oberkörper, der Hintenübergleitenden frei. Brust und Haupt, das schon von Todesschwere niedergezogen wird, und dessen weit geöffnete Augen im Brechen sich verklären, wenden sich mit leichter Drehung dem Beschauer zu. Bald ist der letzte Atem verhaucht.

Im Schoße der Sterbenden aber, aufrecht, gesund, von unbewusstem Daseins-Glück ganz erfüllt, sitzt der ahnungslose Zerstörer jenes Lebens, dem er das eigene dankt. Und hält in seinen kleinen Fingern spielerisch nachdenksam eine Frucht. Das Kind, das Symbol des sich ewig neu verjüngenden Lebens, ist auch formal zum Mittelpunkt des ganzen Hains gemacht. Genau in die Mittelachse gestellt, vereint es alle Skulpturen, die der Westwand* des Platanenhains eingefügt sind, indem es sie symmetrischer Ordnung unterwirft. Und in dem orangefarbenen Haar leuchtet die wärmste und sonnigste Farbe auf.

Renate Charlotte Hoffman bemerkt viele Jahre später in dem modernen Standardwerk zum Platanenhain unserer Tage, das das Institut Mathildenhöhe Darmstadt 2013 herausgeben hat : Die Haltung des Kindes entspricht der Position eines sitzenden Buddhas.

Hoetger hat sich noch an anderer Stelle vom asiatischen Kulturraum inspirieren lassen: bei den Inschriften, die in den vier Quadraten zwischen den fünf Trägerlöwen eingelassen sind. Sie stammen im Original aus dem Bhagavad Gita, aus dem Zweiten Gesang und 20. Vers eines indischen Epos:

  1. Geboren nimmer, nimmer mehr gestorben
  2. Gewesen nimmer, nimmer noch zu werden
  3. Beständig ewig unerzeugt von jeher
  4. Zerfällt es nicht, wenn auch der Körper hinfällt

Mit der zentralen Mutter-Kind-Figur hat 23 Quer nun Hoetgers gesamten Parcour des Lebens absolviert. Vom Frühling, über den Sommer, den Schlaf und die Auferstehung sind allen vier Reliefgruppen eigene Beiträge gewidmet, jederzeit per Klick auf den Namen hier oder über die Schlagwortsuche mit dem Begriff „Platanenhain“ rechts in der Spalte nachlesbar. Auch über die Krugträgerinnen der Nordwand, die das Wasser in die Welt bringen, und über die halbrunden Pflanzenkübel der Südseite, die die Sonne einfangen, gibt es auf 23 Quer viel Interessantes zu erfahren. Lesen Sie einfach im Laufe des Jahres nochmal nach. Denn jedem Frühling folgt gewiss ein nächster!

Hoetgers Platanenhain ist der ideale Begleiter durch das Jahr. Immer und immer und immer wieder.


Literatur

Hans Hildebrandt: Der Platanenhain. Ein Monumentalwerk Bernhard Hoetger’s, Verlag Paul Cassirer, Berlin, 1915.

* Korrigiert: Im Original von Hildebrandt steht fälschlicherweise „Ostwand“.

Mathildenhöhe Darmstadt, Ralf Beil und Philipp Gutbrod (Hrsg.): Bernhard Hoetger. Der Platanenhain. Ein Gesamtkunstwerk auf der Mathildenhöhe Darmstadt,  26. Mai bis 25. August 2013, Ausstellungskatalog.

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