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Ausstellung „Manzil Monde“: Nadira Husain oder Zuhause in der Welt

Équilove, Deepwater (Nadira Husain, 2021)

Ein Pferd mit Flügeln, da denkt unsereins – jedenfalls, wenn er oder sie vom europäisch-antiken Kulturraum geprägt ist – doch gleich an Pegasus. Falsch gedacht! Auf das falsche Pferd gesetzt. Denn bei diesem Mischwesen aus Pferd und Mensch, das in vielen Varianten das Werk von Nadira Husain beflügelt, geht es um „Al-Buraq“, die arabische Version. Der Legende nach soll der Prophet Mohammed auf ihm von der Erde zum Himmel geflogen sein. So kennt diese Geschichte jeder in der muslimischen Welt, die weit, bis in den Fernen Osten, bis nach Indien reicht. Dort hat eine Künstlerin ihre Wurzeln, der das Institut Mathildenhöhe Darmstadt vom 26. Juni bis zum 2. Oktober 2022 eine Einzelausstellung in den Bildhauerwerkstätten des Ernst Ludwig-Hauses widmet.

Und so öffnet uns dieses Pferd die Augen für einen zumeist sehr unbekannten Kulturkreis, der zur Erfahrungs- und Erinnerungswelt einer Frau mit multikulturellem Hintergrund gehört, die 1980 in Paris geboren wurde. Dort arbeitet sie auch, aber simultan ebenfalls im südindischen Hyderabad oder in Berlin. Eine, die zwischen den Kulturen wandert, sich mit so aktuellen Themen von Herkunft, Heimat und Zuhause in einer globalisierten Welt auseinandersetzt, und auch mit Fragen rund um Rassismus und Feminismus.

„Mit ihr zeigen wir die erste Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst nach Ernennung der Mathildenhöhe Darmstadt zum Weltkulturerbe“, erläutert Philipp Gutbrod, Direktor des Instituts Mathildenhöhe. „Die Internationalität unserer Stätte ist ein wichtiger Grund für unsere UNESCO-Welterbeanerkennung, die nun mit Manzil Monde eine spannende Verbindung eingeht.“ Schon im Titel der Ausstellung mischen sich die Welten: „Manzil“ hat indisch-arabische Ursprünge (Urdu), bedeutet in etwa „Haus“ oder „Zuhause“, während das französische „Monde“ die „Welt“ transportiert.

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Der Osthang 1908: Ein Traum von einem Garten

Unglaublich schön – auf immer vergangen: das Gartenparadies, das Albin Müller 1908 für den Osthang zauberte. Um ein zentrales Wasserbecken gruppierten sich damals terrassenförmige Beete, die in das abschüssige Gelände eingelassen waren. Viel Sonne von Süden gab es für das üppig blühende Grün, für die Seerosen im Teich, für die großen Kübelpflanzen, für die Pergolen mit ihren hoch rankenden Blumen, die sich die gesamte Rückfront entlang zogen. Es war eine fast schon mediterrane Anlage mit den vielen Treppen und den in Stein gefassten und geliederten Ebenen. Zu diesem Eindruck trug auch die luftige Ladengalerie mit ihren schlanken Säulen bei, deren Oval sich markant zur Straße hervorschob.

Dieser Garten war 1908 eine entzückende Oase im großen Treiben der Ausstellung. Und zum Glück können wir heute noch ein wenig teilhaben an dieser einzigartigen Atmosphäre, die für einen Sommer auf dem Osthang der Mathildenhöhe erblühte. Der Digitalisierung und dem Institut Mathildenhöhe sei Dank ist der historische Katalog von Albin Müller zu seinen Entwürfen seit Herbst 2021 öffentlich zugänglich. Eine Zeitreise in acht Bildern:

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Tierisches im Doppelpack: Dekorative Paare

Die Schakalsvasen vom Platanenhain – das ist doch das passende Motiv für den Monat November mit seinen vielen Feiertagen zum Totengedenken. Denn diese beiden Tiere, die mit ihrer spitzen Schnauze und den langen Ohren so neugierig über den Rand des Gefäßes schauen, sind an dieser Stelle des Monumentalkunstwerks ein sinnbildlicher Ausdruck für den Übergang in das Totenreich. Bildhauer Berhard Hoetger zitiert in diesem Objekt aus Gussstein das alte Ägypten, in dem Anubis, der Gott der Todesriten und der Mumifizierung, in Gestalt dieser Wüstentiere dargestellt wurde. Schakale gelten in vielen Kulturkreisen als Begleiter der Seelen in das Totenreich. Auf dem Platanenhain sind jeweils zwei dieser Vasen der Sterbenden Mutter mit Kind, der Großskulptur ganz im Westen der Anlage, links und rechts zur Seite gestellt.

Die Schakalsvasen sind auch deswegen gerade so interessant, weil sie mit ihrem Auftreten als tierisches Paar im Doppelpack momentan viele Geschwister auf der Mathildenhöhe haben. Denn Albin Müller, dem zur Zeit eine Sonderausstellung im Museum Künstlerkolonie gewidmet ist, hat Tierpaare häufig als Stilmittel für seine kleinen Meisterwerke der Raumkunst benutzt. In der Werkschau albinmüller3 sind eine Vielzahl solcher Objekte zu sehen.

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Aus dem Schatten ans Licht: ‚albinmüller hoch 3‘

UNESCO-Welterbe: Das Ateliergebäude von Albin Müller (Foto: Nikolaus Heiss).

Er ist der ewig Unsichtbare unter den großen Architekten, die Anfang des 20. Jahrhunderts auf der Mathildenhöhe gewirkt und sie erst zu dem einmaligen Ort von außergewöhnlichen Wert für die Menschheit gemacht haben – und Darmstadt damit zur UNESCO-Welterbestätte. Von 1908 bis zur letzten Ausstellung von 1914 war Albin Müller der Chefarchitekt der Darmstädter Künstlerkolonie. Er hat auf ihr deutliche Spuren hinterlassen, nur dass man von seinen vielen Gebäuden und Entwürfen heute nur noch einen Bruchteil sieht, während das meiste von Joseph Maria Olbrichs Bauten noch steht. So war er stets ein wenig im Schatten des berühmten Vorgängers, eine unterschätzte Figur der Mathildenhöhe.

Umso wichtiger ist diese Ausstellung jetzt, die im Ernst Ludwig-Haus den weithin vergessenen Architekten würdigt: albinmüller3 – Architekt, Gestalter, Lehrer. „Der 150. Geburtstag von Albin Müller hat als Jubiläum schon lange in unserem Terminkalender für 2021 gestanden, doch dass wir diesen nun zeitgleich mit der Anerkennung zum Welterbe feiern, das hat keiner vorhersehen können und fügt sich nun sehr glücklich ins Konzept“, freut sich Philipp Gutbrod, Direktor vom Institut Mathildenhöhe Darmstadt. Denn vor allen Dingen die Gestalter von Architektur und Außenanlagen der Mathildenhöhe haben dazu beigetragen, dass man das UNESCO-Kriterium der „Authenzität“ erfüllen konnte. Unter den insgesamt 23 Köpfen der Künstlerkolonie sei Albin Müller einer der herausragenden Namen, so Gutbrod, ebenso bedeutend für Darmstadt wie Olbrich oder Peter Behrens.

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Als die Moderne aufblitzte: Viele Funktionen unter einem expressiven Dach

Das Ernst Ludwig-Haus war von Beginn an ein faszinierendes Gebäude, aber auch ein widersprüchliches. Während die Südfassade gänzlich der Präsentation vorbehalten war mit dem vielen Gold an Fenster, Türen und Eingangsbogen, mit seinen monumentalen Treppen und den ebenso gewaltigen Kolossalfiguren, folgte die im kompletten Kontrast dazu stehende Nordfassade ganz den Bedürfnissen der Künstler in ihren Ateliers. Da gab es eine lange Reihe schräg stehender Oberlichter, was zu einem sehr expressiven Gebäudeprofil führte, sowie ein riesiges Atelierfenster in der Mitte mit nicht schöner, aber praktischer Anlieferungspforte unten. Es war ein konsequent funktionaler Bau.

Vielleicht hatte das Ernst Ludwig-Haus ursprünglich aber auch einfach zu viele Funktionen in einem zu erfüllen – als Repräsentationsgebäude der Kunst, als Atelierhaus mit Bildhauerwerkstatt, als festlicher Versammlungsort und Treffpunkt, als Verwaltungssitz und Wohnhaus für Künstler. Und wie wir es von den heute bekannten Multifunktionsgeräten im Büro kennen, sind diese immer ein Kompromiss. Sie können nicht alles gleich gut.

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Alphabet-City: Typografie setzt bis heute Zeichen

Die 26 Buchstaben des Alphabets reizten und reizen Künstler immer wieder zur kreativen Auseinandersetzung. Auch Olaf Nicolai, der Wilhelm-Loth-Preisträger der Stadt Darmstadt in 2018, hat sich in seinem so facettenreichen Künstlerleben der Aufgabe angenommen und eine ganz eigene Darstellung des Alphabets entwickelt. Damit steht er in einer großen Tradition der Künstlerkolonie. Denn es gab nicht wenige aus ihren Reihen, die sich auch als Schriftgestalter einen überaus großen Namen gemacht haben – etwa Peter Behrens oder die Brüder Kleukens mit der Ernst Ludwig-Presse.

Diese neuen Schrifttypen, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts von den Grafikern und Gestaltern der Mathildenhöhe entwickelt wurden, waren stets auch Spiegel der Gesellschaft und ihrer Zeit. Wie auch Nicolais neuer Schriftttyp, der erst digital seine ganze Originalität entfaltet und damit auch ein Ausdruck unserer Zeit, eine Schrift für das Heute, ist. Alphabet-City: Typografie setzt bis heute Zeichen weiterlesen