Ägyptomania auf dem Platanenhain oder Echnaton lässt grüßen

Ägyptisches war wieder schwer in Mode als sich Bernhard Hoetger um 1912 an die Gestaltung des Platanenhains auf der Mathildenhöhe machte. Vom Ägyptischen Hocker, den man bei Ausgrabungen gefunden hatte, waren die Möbeldesigner der Zeit sehr angetan und adaptierten den historischen Entwurf für ihre eigenen Stühle. Juweliere ließen sich für ihre Kollektionen vom farbenfrohen ägyptischen Schmuck inspirieren, und mit ägyptischen Ausdruckstänzen, die die Posen auf den Reliefs der alten Ägypter imitierten, unterhielt man das zeitgenössische Publikum. Schauriges von Mumien beschäftigte die Öffentlichkeit, und die Entdeckung Nofretetes im Dezember 1912 sorgte weithin für Aufsehen.

Für seinen Themenpark zum ewigen Kreislauf des Lebens bediente sich Hoetger bei vielen Kulturen und Zeiten, und natürlich durften auch die Pharaonen vom Nil hier nicht fehlen. Insbesondere Echnaton, der zu dieser Zeit in Europa wiederentdeckt wurde und dessen Tontafelarchiv komplett übersetzt war, hatte es ihm angetan.

Dieser Pharao aus Amarna, der die Sonne zum Mittelpunkt seiner neuen Religion machte, passte genau in das Konzept Hoetgers für den Platanenhain, der die Natur für das Verständnis der Welt in den Mittelpunkt stellte. Warum das so gut passt, erläutert der Ägyptologe Jan Assmann:

Die heutige Ägyptologie ist zu einem tieferen Verständnis auch der traditionellen Religion vorgestoßen und zu dem, was die Riten, Mythen und Bilder an geistiger Welterschließung und Weltmodellierung leisteten. Darin wird die Welt nicht erklärt in einem rationalen, phyikalischen oder philosophischen Sinne, aber sie wird auf den Menschen hin ausgelegt, so dass er sich mit seinen Lebensproblemen in den großen Vorgängen des kosmischen Lebens spiegeln und verstehen kann.

So ist es denn auch ganz passend, dass uns der Platanenhain gleich im Eingangsportal mit Zitaten aus diesem Kulturkreis begrüsst. Beide Granitblöcke sind mit Texten aus dem alten Ägypten versehen. Während der linke, westliche, mit dem Brunnen-Thema spielt und in Worten auf den ganz reellen in der gegenüberliegenden Nische hinweist, preist der rechte, östliche, die ganze Schönheit und Kraft der Sonne. Die Zeilen stammen aus dem berühmten Großen Sonnenhymnus des Echnaton, in dem der Pharao die Sonne als Schöpferin alles Lebens besingt und sie – und sich gleich mit – zum Zentrum des Seins macht.

Im Original grüßten die Farben Ägyptens: Blau und Gold

Das Eingangsportal vom Platanenhain zeigt sich uns heute einfarbig in granitgrauem Stein. Lediglich die beiden Raubkatzen oben, türkisgrün oxidiert, bringen ein wenig Farbe ins Spiel. Das war zur Entstehungszeit und zur Ausstellungseröffnung in 1914 noch ganz anders. Durch einen Augenzeugenbericht aus jener Zeit, verfasst von Hans Hildebrandt, ist das ursprüngliche Aussehen sehr anschaulich überliefert: Ein Blau sorgte damals im Eingang für starke farbliche Kontraste. Denn in dieser Farbe waren die Außenflächen der beiden Portalpfeiler gehalten. Vor dem blauen Hintergrund stachen die grauen Buchstaben und Zeichen der blockförmigen Schrift Hoetgers besonders gut hervor. Die Tierskulpturen auf den Rechteckpostamenten waren aus Goldbronze gefertigt und krönten das Blau unten mit einem strahlenden Goldton.

Mit den Blau und dem Gold nahm Hoetger ganz typische Farbtöne altägyptischer Kunst auf. Über die Farben hielt er auch optisch weit Entferntes zusammen. Denn der Eingangsbereich ist auf vielfältige Weise mit dem gegenüberliegenen Brunnen verknüpft. Neben der Zentralperspektive und dem verbindenden Brunnen- beziehungsweise Wasserthema ist es eben auch das Blau, das die Elemente Portal und Brunnen geschickt miteinander verwebt. Denn die Farbe des Portals taucht auch an zentralen Stellen des Brunnens wieder auf. Ebenso wie das Gold, das im ganz fein gezeichnetem Gitter die Nische der Brunnengruppe zum Platanenhain hin abschließt.

So hatte die Hauptfigur des Brunnens, die Trägerin des Wasserkruges in der Mitte – was heute auch nicht mehr sichtbar ist – ein blaues Gewand. Die rechteckige Nische der Rückwand zieren oben eine Reihe von vier geflügelten Engelsköpfen, die ihr Wasser über Rinnen in das Brunnenbecken speien, dessen Hintergrund ebenfalls in Blau gehalten war. Und nicht zuletzt griff das große Wandrelief des Brunnens selbst die Farbe Blau auf. Sie bildete damals den Grundton, auf dem sich Text und Bilder entfalteten. Von allem ist heute nichts mehr zu sehen, nur noch zu erahnen.

Ein Flachrelief im Stil der alten ägyptischen Meister

Am Augenfälligsten tritt ägyptische Kunst im Relief der Brunnenwand selbst in Erscheinung. Die beiden sich gegenüber sitzenden Figuren erinnern deutlich an die Flachreliefs, die man so ganz ähnlich in der Kunst des alten Ägyptens findet. Das Paar zeigt sich im Profil von der Seite, während sich ihrer beider Schulter und Füße nach vorne drehen. Sie haben Tücher um die Hüften geschlungen, hinter ihnen wachsen Getreidepflanzen, in ihren Händen halten sie Gefäße.

Dieser expressive Stil, den man im ägyptischen Amarna Echnatons pflegte, war für den deutschen Pionier des Expressionismus Hoetger, eine sehr passende Ausdrucksform. Denn die Szene soll über die individuelle Darstellung eines Mannes und einer Frau hinausweisen. Sie steht sinnbildlich für das Weiterleben des Menschen, für seine Unsterblichkeit. Die religiöse Idee von der Welt beruhte bei den Ägyptern auf dem Glauben,

 … daß der Weg des Menschen kontinuierlich über seinen leiblichen Tod hinaus weiterführe, bis in alle Ewigkeit; daß das „Jenseits“ das „Gegenland“ von Himmel und Erde sei, bevölkert von den Verstorbenen, wenn ihnen die rechten Bedingungen der Existenz mitgegeben werden konnten (…) Nur dann war es möglich, dass die nach dem Tode frei umherflatternde „Seele“ (ägyptisch „baj“) den Körper, zu dem sie gehörte, jederzeit wiederzufinden vermochte, ebenso wie sein Schutzgeist, der „Ka“, die Personifikation seiner Lebenskraft, die mit ihm geboren wurde, aber nicht mit dem Tode des Leibes verging, sondern weiterlebte, um dem Verstorbenen im Jenseits die nötige Kraft zu gewähren – im Jenseits, wo das Getreide sieben Ellen hoch wächst, aber dennoch bestellt sein will.

Das Relief ähnelt der Getreideernte in den Jenseitsvorstellungen der Ägypter.

Fingerübungen für Hoetgers ägyptische Monumentalbauten

Auf gleich drei Ebenen – in Text, in Farbe und in der Ausgestaltung des Reliefs – hat sich Hoetger also die alten Ägypter zum Vorbild genommen, um auf einmaliger Weise der Sonne zu huldigen. Beim nächsten Sommerspaziergang über den Platanenhain sollte man daher die Augen offen halten und auch manchmal etwas schließen, um sich den originalen Farbeindruck quasi vor das innere Auge zu führen mit seinem göttlichen Blau und Gold.

Auf dem Platanenhain bereitete Hoetger die „ägyptische Phase“ seiner an höchst unterschiedlichen Phasen reichen Künstlerlaufbahn vor. Sie sollte nach seiner Darmstädter Zeit noch mehrere Jahre andauern und zu voller Blüte und Entfaltung ab 1916 in Hannover kommen, als er eine komplette, ägyptisch inspirierte Arbeiter- und Fabrikstadt für den Unternehmer Hermann Bahlsen entwarf. Das ist aber eine ganz andere Geschichte…


Literatur

Jan Assmann: Echnaton, Tutanchamun und Moses: Ägypten im kulturellen Gedächtnis des Abendlandes In: Wolfgang Wettengel: Mythos Tutanchamun, 2. Auflage, Nördlingen, 2003, S. 62 – 72.

C. W. Ceram: Götter, Gräber und Gelehrte. Roman der Archäologie, Kapitel: Petrie und das Grab des Amenemhet, S. 199 – 200.

Mathildenhöhe Darmstadt, Ralf Beil und Philipp Gutbrod (Hrsg.): Bernhard Hoetger. Der Platanenhain. Ein Gesamtkunstwerk auf der Mathildenhöhe Darmstadt,  26. Mai bis 25. August 2013, Ausstellungskatalog.

Hans Hildebrandt: Der Platanenhain. Ein Monumentalwerk Bernhard Hoetger’s, Verlag Paul Cassirer, Berlin, 1915.

Bildnachweis: Das Titelbild zeigt den Katalog der Ausstellung „Nofrete – Echnaton“ im Haus der Kunst München, 1976 .

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