Tierische Wächter: Die Löwen auf dem Platanenhain.
„Die Löwen sind los!“ Das ist das Leitmotiv einer ganzen Reihe aus mittlerweile sechs Artikeln auf 23 Quer, die sich auf Safari über die Mathildenhöhe begeben, immer auf der Jagd nach den Tieren mit der wilden Mähne. Einen regelrechten Raubtier-Zoo beherbergt der Platanenhain, den wir heute durchpirschen – und ausgesprochen reiche Beute machen: Denn der Bildhauer Bernhard Hoetger, der für die Ausstellung von 1914 den Platanenhain mit einem ganzen Skulpturenpark ausstattete, hat Löwen an vielen Stellen seines Monumentalkunstwerks eingesetzt. Wenn man alle seine Arbeiten zusammenzählt, kommt man auf insgesamt 49 Löwendarstellungen, dazu noch die zwei Raubkatzen über dem Eingang. Es faucht und brüllt an allen Ecken!
Na, erkennen Sie in dem historischen Bild, der Schwarz-Weiß-Aufnahme unten, die tierischen Gestalten auf den Säulen oben wieder? Ja, genau, das sind die sechs Löwen, die heute von den Backsteinsäulen am Eingang zur Rosenhöhe hinunterbrüllen. Die „niesenden Igel“, so ihr Spitzname, thronten mit ihrer stacheligen Mähne 1914 über dem Eingang zur letzten Ausstellung der Künstlerkolonie Mathildenhöhe. Sie waren Teil eines monumentalen Eingangsportals zum Ausstellungsgelände, das der leitende Architekt Albin Müller damals am Nicolaiweg vor dem südlichen Eingang zum Platanenhain und vor dem Lilienbecken mit seiner dahinter liegenden Russischen Kapelle positionierte und mit Kassenschaltern versah. Bei seinem Entwurf arbeitete er mit dem Bildhauer Bernhard Hoetger zusammen, Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie wie er, der zeitgleich den Platanenhain mit rund 70 Plastiken ausschmückte.
Doch mit Bernhard Hoetgers Arbeit war Albin Müller dann gar nicht zufrieden, wie seinen Ende der Dreißiger Jahre verfassten Lebenserinnerungen deutlich zu entnehmen ist:
<< Ich hatte für die hochstehenden sechs Löwen je zwei wuchtige Doppelsäulen aus mächtigen Kunststeintrommeln aufgebaut. Als endlich in letzter Stunde die Löwen geliefert wurden, zeigte es sich, daß sich Hötger hierbei weder an meine Angaben, noch an die festgesetzten Maße gehalten hatte. Die massiven, mächtigen Löwenplastiken waren deshalb für meine Säulen viel zu schwer und stören das reine Maßverhältnis meines Säulenunterbaus ganz empfindlich. Darum habe ich bei dem späteren Aufbau auf der Rosenhöhe die sechs Doppelsäulen verworfen und statt deren sechs Pfeiler aufgemauert, die zu den Maßen der Löwen nun im rechten Einklang stehen. >>
ich sagte Ihnen immer: ihr seid niemanden verantwortlich außer der menschheit – und die wird später erst sagen, was gut an euren gedanken ist.
Geradezu prophetische Worte von Großherzog Ernst Ludwig, festgehalten in seiner Autobiografie „Erinnertes“, die er – einige Jahre vor seinem Tod – formulierte und in der er ein wenig wehmütig auf seine jungen Jahre als Regent und sein ambitioniertes Projekt der Künstlerkolonie Darmstadt und ihrer spektakulären Ausstellungen zurückblickt: auf die Aufbruchstimmung, von der er und „seine“ Künstler vor allen Dingen zur Premiere in 1901 erfasst waren; auf den Mut zum Experiment und dem Willen, alles, wirklich alles neu zu denken, das Leben rundum neu zu gestalten.
Vom Aufbruch in die Moderne erzählt die Künstlerkolonie Darmstadt, vom spannenden Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. So einmalig, vielfältig und überzeugend, dass die Mathildenhöhe vor genau zwei Jahren, am Samstag, den 24. Juli 2021, in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen wurde.
Seit diesem Moment heißt es wieder in Darmstadt: „Ihr seid niemandem verantwortlich außer der Menschheit“. Denn genau dieser gehört nun das kunsthistorisch so bedeutende Ensemble aus Architektur, Skulpturen und Gartenanlagen: der Menschheit. Nicht mehr nur den Darmstädtern allein, sondern allen auf der Welt. Auch Ihnen.
Heute beginnt das Sternzeichen des Löwen, und Morgen, am 24. Juli 2023, feiert die Mathildenhöhe Darmstadt ihren zweiten UNESCO-Geburtstag. Damit ist eines sternenklar: Unser Weltkulturerbe ist ein Löwe! Das Datum passt perfekt zur Stadt der Löwen: zu Darmstadt und zu seiner Mathildenhöhe, auf der es von Löwen auf dem gesamten Gelände geradezu wimmelt. Zwölf herrschaftliche Löwenwappen zieren alleine die Eingangsbereiche von Hochzeitsturm und Ausstellungsgebäude sowie den Bacchusbrunnen an der Stützmauer darunter, dazu kommt noch ein ganzer Löwenzoo im Platanenhain.
Der Tag der UNESCO-Entscheidung stand für Darmstadt 2021 also unter einem guten Stern, eine Himmelsfügung sozusagen. Kosmisch wird es auch an einer anderen Stelle der Mathildenhöhe: an der Sonnenuhr vom Hochzeitsturm. Sie wird umrahmt von den zwölf Tierkreiszeichen des Jahres. Ganz oben in dem wunderbaren Mosaik aus Glassteinen finden wir zwischen Krebs und Jungfrau dann selbstverständlich auch das Sternzeichen Löwe.
23 Querreihen mal 8 Längsreihen – das macht ein Raster von 184 Punkten. Und genau so viel Bäume zählt jetzt auch der frisch sanierte Platanenhain auf der Mathildenhöhe Darmstadt. Zum ersten Mal seit langer Zeit ist das Raster des grünen Rechtecks wieder komplett gefüllt mit den knorrigen, schattenspendenden Bäumen. Den kühlen Schatten des Blätterdachs genoss man besonders am Tag der Wiedereröffnung, dem 7. Juli 2023, der zu den heißesten des Jahres zählen sollte. Das Grünflächenamt und dessen Leiterin Anke Bosch hatte das „Platanenhain-Team“ zu einem Fest im kleinen Kreis geladen, um mit all jenen zu feiern, die sich jahrelang und engagiert für diesen ältesten Bestandteil des UNESCO-Areals und die Rettung möglichst vieler seiner Platanen eingesetzt hatten.Grünflächendezernent Michael Kolmer hatte schon einen Tag zuvor per städtischer Pressemitteilung die Sanierung des Platanenhains offiziell für beendet erklärt und gab den Park nun auch persönlich wieder frei für die Öffentlichkeit – zusammen mit Annette Hennemann vom Grünflächenamt. Die Landschaftsarchitektin hat das anspruchsvolle gärtnerische Großprojekt seit 2019 geleitet und mit einer Reihe von Experten an ihrer Seite erfolgreich zum Abschluss geführt.
Sie sind Insignien der Macht, wie einst Krone, Zepter und der Reichsapfel. Nur dass Amtsketten auf Zeit verliehen werden. Auch wenn sie golden glänzen, sie sind letztendlich ein Symbol der Demokratie. Irgendwann, früher oder später, wird man sie wieder ablegen, das schwere Geschmeide weiterreichen an neue Gestalter des politischen Raums. So wandert die Amtskette von Besitzer zu Besitzer. In Darmstadt hat sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nun ihren achten Träger. Nummer sieben war mit Jochen Partsch der erste Grüne im Amt, der dieses am 21. Juni 2011 vom damaligen Oberbürgermeister Walter Hoffmann, SPD, übernahm. Die Amtskette zu tragen war fortan sein Privileg. Zwölf Jahre und zwei Amtszeiten ist das nun her, und gestern, am 25. Juni, hat er die Amtskette während der Feierstunde zur Amtsübergabe im Darmstadtium wieder abgelegt – und Hanno Benz, seinem Nachfolger im Amt, persönlich umgehängt. Prächtig war sie bisher noch an jedem Oberbürgermeister anzuschauen, so nun auch am Sozialdemokraten Benz, der in diesem feierlichen Ornat seine erste Rede als frisch vereidigter neuer Stadtchef hielt.
Riegel war mein bester Goldschmied, der wirklich Stücke von großem Kunstwerk hervorbrachte.
Ein Traum von einem Garten zog sich 1908 den Hang hinauf zum Ernst Ludwig-Haus. Von einem als „Auge“ kreisförmig gestalteten Wasserteich ging es durch einen symmetrisch gestalteten Garten, an Rosenbüschen, Hecken und Buchsbaum in Kübeln vorbei, durch ein Spalier haushoher Pyramidenpappeln, Treppe um Treppe, Terrasse um Terrasse immer weiter hoch, bis man ganz oben angekommen war, am „Tempel der Arbeit“, dem der Kunst geweihten, ganz in Weiß und Gold strahlenden Heiligtum und Thron: dem Ateliergebäude der Künstlerkolonie.
Geburtstag hat sie ja eigentlich erst am 24. Juli, doch wenn die UNESCO weltweit den Welterbetag feiert, da darf Darmstadt und die Mathildenhöhe natürlich nicht fehlen! Schon letztes Jahr war die noch frisch gekürte und 48. von insgesamt 51 Welterbestätten in Deutschland mit dabei und stemmte inmitten vieler Baustellen ein großartiges Programm, zu dem auch schon vor einem Jahr das Grosse Haus Glückert gehörte – noch mitten in der Sanierungsphase. Die frühen Einblicke, die die Denkmalpflege angemeldeten Besuchergruppen gab, waren damals schon hochinteressant. Auch jetzt, 2023 und pünktlich zum UNESCO-Welterbetag wiedereröffnet, war die größte Olbrich-Villa der Künstlerkolonie Darmstadt eine der Hauptattraktionen, die die Stadt Darmstadt den Besucher und Besucherinnen mit Stolz präsentierte.
Dieses Jahr gab es gleich an zwei Tagen ein volles Programm, am 3. wie am 4. Juni, und on Top noch eine riesige Party unter freiem Himmel: das erste UNESCO Welterbe-FEST auf der Mathildenhöhe. Ganz im Geiste der früheren Jugendstilfeste und ganz in der Tradition der historischen Ausstellungen der Künstlerkolonie erstrahlte der Musenhügel über der Stadt in einer „Illumination“, leuchtete im Dunkel der untergehenden Sonne in den herrlichsten Farbtönen. Dazu Lampions und Lichter überall: ein wahrer UNESCO-Sommernachtstraum!
Eröffnung durch Oberbürgermeister Jochen Partsch, der hessischen Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Andrea Dorn, sowie dem Kulturreferenten und Leiter des Welterbebüros der Stadt, Professor Ludger Hünnekens, am Samstagabend. Philipp Gutbrod, Direktor des Instituts Mathildenhöhe Darmstadt, erhielt am Sonntag symbolisch den Schlüssel für das neue Ausstellungsgebäude, für das noch technische Probeläufe zu absolvieren sind. Schlussakkord mit Sekt und Gesang : der Startschuss für eine lange Nacht und ein großes UNESCO-Fest!
Die 23 Quer-Bildergalerie mit Impressionen vom großen UNESCO-Wochenende:
Es ist der „Aufbruch in die Moderne“, der hier, und nur hier, auf der Mathildenhöhe Darmstadt wie in einer Zeitkapsel, die vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 reicht, beobachtet werden kann. Das, und nicht der Jugendstil allein, macht sie für die UNESCO und die Menschheit so einzigartig. Ein wichtiger Baustein, wenn man so will Schlussstein des historischen Bogens, bildet die Ausstellung der Künstlerkolonie von 1914. Es sollte ihre letzte sein – und all zu viel blieb nach der Darmstädter Brandnacht von 1944 auch nicht mehr von ihr übrig. Das Ateliergebäude von Albin Müller ist heute als einziges bauliches Relikt der Miethausgruppe von 1914 noch zu sehen, die sich einst den kompletten oberen Olbrichweg entlangschwang. Gibt es wirklich nicht mehr aus dieser Zeit zu entdecken?
Doch! Denn mit dem Ateliergarten vor dem Gebäude blieb auch ein Stück moderner Gartenkunst von 1914 erhalten. Die städtische und hessische Denkmalpflege hat diesen Garten nach vielen Jahrzehnten wiederentdeckt und letztes Jahr zum UNESCO Welterbetag erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Vor allen Dingen mit dem Bau des neuen Besucherzentrums am Osthang, das vor Ateliergebäude und -garten nun eine große Freifläche vorsieht, werden beide bald verstärkt im Blickpunkt stehen. Lassen wir also jetzt schon Mal den Blick schweifen ins grüne Carrée, auch zurück in seine Vergangenheit zu Zeiten der Künstlerkolonie Darmstadt.
Ein Besucherzentrum mitten in der besonders geschützten Kernzone des historisch wertvollen Welterbes Mathildenhöhe errichten? Das geht gar nicht – und hätte beinahe im Sommer vor zwei Jahren Darmstadt den UNESCO-Titel gekostet. Doch die Stadt reagierte unverzüglich auf die vorab vernommene Kritik aus der UNESCO-Zentrale in Paris und zog noch während der laufenden Bewerbung in Rekordgeschwindigkeit das bereits geplante Besucherzentrum aus dieser „No-Go“-Zone. Ohne dieses beherzte Eingreifen der Stadtoberen wäre die Entscheidung der UNESCO am 24. Juli 2021 wohl vertagt worden, hätte die Stadt Darmstadt trotz kunsthistorisch einmaligem Wert für die Menschheit wohl heute noch kein Welterbe Mathildenhöhe.
Gestern, am 9. Mai 2023, war es nun so weit: Oberbürgermeister Jochen Partsch stellte der Öffentlichkeit im voll besetzten Foyer der h_da am Fachbereich Gestaltung auf der Mathildenhöhe erstmals die neue Planung für das Besucherzentrum vor. Das Büro Marte.Marte Architekten aus Feldkirch in Österreich hatte 2018 den Wettbewerb sehr klar für sich entschieden. Ihr Entwurf damals: ein eleganter lang gestreckter Riegel, der sich als eingeschossiger Streifen bis ganz nach oben an die oberste Ecke des Olbrichwegs legte. Die Herausforderung für die Architekten war dieselbe geblieben, wie Stefan Marte zu Beginn seiner Präsentation ausführte: „Aus dem Hintereingang der Mathildenhöhe eine attraktive Vorderseite zu machen.“
Es geht hier nicht um Charles III., den frisch gesalbten und nun gekrönten König von Großbritannien, sondern um seinen Enkel Louis Arthur Charles, dem aktuell Vierten in der britischen Thronfolge, dem momentan besten Entertainer des Hauses Mountbatten Windsor. Sein herzhaftes Gähnen während der fast zwei Stunden dauernden Krönungszeremonie in der Londoner Westminster Abbey sorgte am 6. Mai einmal mehr für Erheiterung beim Boulevard und an den Bildschirmen. Insgesamt hat sich der gerade fünf Jahre alte Prinz von Wales, Sohn von William und Kate, vor den Augen einer Weltöffentlichkeit und den stets präsenten Kameras jedoch wacker geschlagen – der kleine Louis, der Lui.
Aber, wie kam der quirlige britische Prinz eigentlich zu seinem Namen – und was hat das hessische Darmstadt und die Mathildenhöhe damit zu tun?
So sah es einmal aus, am Südhang der Mathildenhöhe: Entlang einer zentralen Achse ging es vom Ernst Ludwig-Haus, dem Ateliergebäude der Künstlerkolonie, den Alexandraweg querend durch viel Grün und entlang prächtiger Künstlervillen den Hügel hinunter. Unten angekommen, vom Prinz-Christians-Weg aus, bot sich wie hier 1904 ein fantastischer Blick zurück bis ganz nach oben. Frei war die Aussicht auf das Kleine Haus Glückert links vorne, dahinter ist noch das Walmdach des Haus in Rosen von Hans Christiansen zu erkennen. Rechts vorne erhebt sich das Haus Habich, dahinter leuchtet das Haus Olbrich in seinem originalen gelben Anstrich.
Das Gebäude heißt tatsächlich „Haus Ostermann“ und macht seinem Namen alle Ehre: Wie große Ostereier aus Stein zieren viele ovale Kugeln die gesamte Eingangsfront und stützen einen langen, geschwungenen Handlauf. Es steht in der Villenkolonie der Mathildenhöhe, im Eugen-Bracht-Weg 6. Da bleibt 23 Quer Ihnen eigentlich nur noch eines zu wünschen:
Die Löwen der Mathildenhöhe: Gut gebrüllt, Stadtkrone!
Hier herrscht der Regent von Hessen-Darmstadt, hier ist großherzogliches Gelände. An vielen Stellen des einzigartigen Ensembles Mathildenhöhe wird dies sichtbar. Das beliebteste Motiv der Künstler dabei: ganz viele Wappen mit einem Löwen. Wie auch zu sehen an diesem Relief, das den Eingang des Hochzeitsturms außen krönt. Bildhauer Heinrich Jobst, Mitglied der Künstlerkolonie, liefert mit dieser Bildtafel aus Stein wichtige Informationen über das Geschenk, das die Stadt Darmstadt dem Paar errichtet hat: Zum Gedächtnis der Vermählung Ihrer Königlichen Hoheiten | des Großherzogs Ernst Ludwig und der Großherzogin Eleonore | errichtet von der Stadt Darmstadt anno 1907/1908. Zwischen der dreigeteilten Inschrift finden sich die herrschaftlichen Wappenschilder von Braut wie Bräutigam. Und da beide Hoheiten einen Löwen als Wappentier besitzen, tritt das Raubtier hier gleich doppelt auf.
Anno 1905 war die Vermählung, wie ebenfalls zu lesen, ganz oben zwischen den vier Allegorien. Mit Stärke und Weisheit, Gerechtigkeit und Milde soll der Herrscher walten über sein Großherzogtum. Wenn man genau hinguckt, dann sieht man in diesem Relief noch einen dritten Löwen, allerdings nicht in einem Wappen, sondern als eigenständige plastische Arbeit bei einer der vier Figuren. „Stärke“, wer könnte das besser symbolisieren als ein Löwe, der die erste allegorische Dame von links begleitet und dessen Schwanz man sehr gut zu ihren Füßen erkennen kann?
Darmstadt hat seine Lilien – und Darmstadt hat seine Löwen. Davon wimmelt es im Stadtbild geradezu überall, auf Stadtwappen, über Eingängen, an Brunnen. Von Hunderten gar sprechen die, die sich auf die Löwenjagd am Woog begeben haben und sie zählten. Einer, der besonders gewaltige Exemplare hinterlassen hat, ist der Bildhauer Heinrich Jobst, Mitglied der Künstlerkolonie. Nicht so sehr oben auf der Mathildenhöhe, sondern eher unten in der City sehen wir sein Werk – genauer am Cityring. Dort, vor dem Hessischen Landesmuseum Darmstadt (HLMD), stehen seit 1912 zwei besonders prächtige Exemplare aus seinem Atelier, und lassen heute täglich den Berufsverkehr an sich vorbeiziehen.
Wenn wir von „der Mathildenhöhe“ sprechen, dann denken wir in aller Regel an die „Künstlerkolonie Darmstadt“ und ihre bekannten Architekten wie Olbrich, Behrens und Albinmüller. Doch schon beim Spaziergang hinauf zum Weltkulturerbe fällt einem die besondere Bebauung unterhalb der Jugendstilhäuser auf: die prächtigen historischen Villen, die fast alle Straßenzüge säumen. Ist das alles auch schon Welterbe? Nein. Aber diese Bauten könnten viel erzählen von der spannenden Debatte, die Anfang des 20. Jahrhunderts über den zeitgemäßen und modernen Wohnbau geführt wurde. Fragt man Frank Oppermann, den langjährigen Professor für Architektur und Städtebau an der Hochschule Darmstadt, zu besonderen Orten auf der Mathildenhöhe, dann fallen ihm sofort die Gebäude ein, die die Brüder Heinrich und Georg Metzendorf errichtet haben. Höchste Zeit also, gemeinsam mit ihm umherzustreifen.
In der Rubrik „Meine Mathildenhöhe“ erzählen Menschen, die die Mathildenhöhe prägen, begleiten und für sie an den unterschiedlichsten Stellen wirken, ihre ganz persönlichen Geschichten zu diesem ganz besonderen Stück Darmstadt. Gemeinsam mit ihnen flanieren wir über den Musenhügel. — Drei Orte, drei Stopps, drei Geschichten. Los geht’s!
Stopp 1: Westwärts – zur „Villa Kaiser“ von Heinrich Metzendorf
Heute flaniert 23 Quer nicht oben über die Mathildenhöhe, sondern durch das Villenviertel zu ihren Füßen. Und das hat seinen Grund: Denn mit Frank Oppermann haben wir den Experten schlechthin zum „Baumeister der Bergstraße“, zu Heinrich Metzendorf, an unserer Seite. Er wie sein jüngerer Bruder Georg haben ihre Spuren auch auf der Mathildenhöhe hinterlassen. Und zu der ersten geht es nun: Alexandraweg Nummer 6, einer großen Villa im „heimatlichen Landhausstil“. Sie wurde 1903 von Heinrich Metzendorf für den Kaufmann Georg Kaiser errichtet. Die „Villa Kaiser“ sticht besonders wegen ihrer künstlerisch wertvollen Steinmetzarbeiten ins Auge, etwa beim Erker aus massiven gelben Sandsteinblöcken im Erdgeschoss. Hier ist sie sichtbar, die Echtheit der Materialien und die sorgfältige handwerkliche Verarbeitung auf die Metzendorf als Architekt viel Wert legte. Oppermann kann sich begeistern über dessen Arbeit mit dem Material, wie die großen Rosetten und die schräglaufende Schraffur etwa aus mehreren übereinander gemauerten Steinen herausgeschlagen sind – und demonstriert das gern gleich mal selbst am Objekt.
Februar und Fastnacht: Das ist traditionell der Monat und die Zeit der Reinigung. Zwischenzeit. Das alte Jahr ist nun tatsächlich Vergangenheit, vorbei. Das neue hat noch nicht so ganz begonnen. Daher hier ein letzter Blick zurück auf die schönsten Baustellen-Momente von der Mathildenhöhe. Darmstadts Weltkulturerbe war vor allen Dingen 2022 vielerorts verhüllt, versperrt und eingerüstet. Danach machen wir aber ganz schnell die Augen zu und freuen uns auf unser bald komplett saniertes Schmuckstück. Denn in 2023 wird sie so glänzen und strahlen wie nie, unsere Mathildenhöhe!
Es gibt einen Ort auf der Mathildenhöhe, der jetzt in der Wintersaison einen Besuch besonders wert ist: das Museum Künstlerkolonie im Ernst Ludwig-Haus. Neben dem Vorteil warmer Zimmertemperaturen sprechen dafür gleich mehrere Gründe:
Es ist von der regen Bau- und Sanierungstätigkeit auf dem Welterbe-Hügel nicht betroffen und ohne Einschränkungen in ganzer Pracht zu besichtigen.
Die Auszeichnung zum Welterbe hat stark die Architektur in den Mittelpunkt gestellt. Es wäre mal wieder an der Zeit, sich mit den ebenfalls beeindruckenden Möbelentwürfen und Dekorationen für den Innenraum zu beschäftigen. Schließlich war alles von den innovativen Geistern der Künstlerkolonie als Gesamtkunstwerk konzipiert.
Das Große Haus Glückert wird zukünftig genau diesen Einblick in die Gestaltung des Innern erlauben, momentan bleibt die wunderbare Eingangstür unter dem Rundbogen wegen Sanierung jedoch noch geschlossen.
Wer das Konzept der Halle, typisch für die Künstlervillen von Joseph Maria Olbrich, selbst erleben will, der kann das zurzeit nur im Museum Künstlerkolonie tun und dabei sogar auf originalen Möbeln des Meisters Platz nehmen.
Jubiläum: 3 Jahre 23 Quer! „Best Of“ mit 23 Lesetipps
Er liest sich wie aus einer anderen Zeit: Der erste Beitrag für 23 Quer im Januar 2020 zählte die Tage bis zur erwarteten UNESCO-Entscheidung über das Welterbe „Mathildenhöhe Darmstadt“. Für den Sommer des gleichen Jahres war das geplant. Doch dann sollte alles anders kommen. Corona überschattete bald das Leben aller – und wurde zur Herausforderung auch für 23 Quer: eine Online-Publikation, die mehr ist als ein Blog. Es ist ein kleines digitales Magazin, geschrieben aus den Reihen der Freunde der Mathildenhöhe. Dem Verein, der die Stadt viele Jahre kräftig unterstützt hat auf ihrem erfolgreichen Weg zum Weltkulturerbe. 23 Quer informiert über Geschichte und Gegenwart, lädt zum Flanieren ein und stellt all jene vor, die sich privat wie beruflich an den unterschiedlichsten Stellen für die Mathildenhöhe einsetzen.
Jeden Monat (jedenfalls meistens) erscheinen drei Artikel. Da kommt in 3 x 12 Monaten und drei Jahren jede Menge Lesestoff auf 23 Quer zusammen. Zum Jubiläum gibt es jetzt für Sie eine Spezial-Auswahl von 23 Artikeln zur Mathildenhöhe, die besonders lesenswert waren und es immer noch sind: