Unser Hochzeitsturm macht sich auch als schlanker Weihnachtschmuck ganz ausgezeichnet, finden Sie nicht? Es muss ja nicht immer eine Kugel sein, die unser Auge zu Weihnachten erfreut. Nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern das ganze Jahr über ist uns die Darmstädter Mathildenhöhe einwunderbarer Blickfang. Als Lektüre zum Fest empfiehlt 23 Quer Ihnen an dieser Stelle nochmals eine ganz besondere Weihnachtsgeschichte:
Die Malerin Paula Modersohn-Becker starb am 20. November 1907 im Alter von nur 31 Jahren, kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes. Ihr Grab auf dem Friedhof von Worpswede wurde von Bernhard Hoetger gestaltet, ihrem guten Freund und Ratgeber seit gemeinsamen Pariser Zeiten. Ihr Grabmal inspirierte den Bildhauer unverkennbar bei der Gestaltung des zentralen Denkmals auf dem Platanenhain: die „Sterbende Mutter mit Kind“. Das Darmstädter Kunstwerk entstand erst einige Jahre später, zur Ausstellung der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe von 1914.
Der Blick auf die Frauen der Mathildenhöhe führt auch ein wenig weg von ihr, einige Kilometer südlich in den Stadtteil Darmstadt-Eberstadt. Dort trägt seit diesem Jahr eine Straße ganz neu den Namen „Elisabeth-Duncan-Weg“. Doch was hat eine Tanzpädagogin aus Amerika, wie der Erläuterung am Straßenschild zu entnehmen ist, mit der Stadt Darmstadt zu tun? Was hat sie Erinnerungswürdiges vollbracht in ihrem Leben, dass man sogar eine Straße nach ihr benennt? Und – welche Bezüge gibt es zur Mathildenhöhe?
Ein richtiger „Männerclub“ war sie, die Künstlerkolonie Mathildenhöhe. 23 Künstler zählt man von ihrer Gründung in 1899 bis zu ihrer letzten Ausstellung in 1914 – und alle waren sie männlichen Geschlechts. So überhaupt nicht emanzipatorisch war der Aufbruch in die Moderne in Darmstadt, möchte man meinen. Doch dieses Bild einer Männerdomäne stimmt nicht so ganz. Wie die bahnbrechenden Ausstellungen zu den „Sturm-Frauen“ (2015/16) und den „Fantastischen Frauen“ der Surrealisten (2020) in der Frankfurter Schirn, entdeckt man auch in Darmstadt die „Frauen der Mathildenhöhe“. Die Kunsthistorikerin Renate Charlotte Hoffmann hat sich mit diesem bisher relativ unbeachteten Aspekt der Künstlerkolonie auseinandergesetzt und eine Fülle an Material und Namen zusammengetragen – und siehe da: Der weibliche Beitrag ist erstaunlich.
Sie waren Modelle, Schülerinnen, Assistentinnen, manche sogar als Mitarbeiterin angestellt, aber den Ruhm, Teil einer künstlerischen Avantgarde gewesen zu sein, den heimsten dann in aller Regel die männlichen Künstler ein. Die Frauen der Mathildenhöhe gerieten in Vergessenheit. Besonders interessant sind dabei die Frauenfiguren, die maßgeblich an dem Erscheinungsbild des UNESCO-prämierten Ensembles und seiner Raum- wie Gebrauchskunst mitgestaltet haben, an Objekten, die eigentlich bekannt sind als das Werk eines der bekannten Mathildenhöhenkünstler. Hinter Bernhard Hoetger, Emanuel J. Margold und selbst hinter Joseph M. Olbrich standen jedoch auch starke und beeindruckende Frauen, die ihre künstlerische Handschrift auf der Mathildenhöhe hinterlassen haben.
Siegreiche Kunst: Der Lorbeerkranz ist sicher (Foto: Fabian Fröhlich).
Sie hat es wahrlich nicht einfach, die Kunst: Sie muss oft kämpfen um Aufmerksamkeit, ringen um Anerkennung und Budgets. Aber am Ende wird sie dann doch gewinnen, wird man ihr den Lorbeerkranz der Siegerin überstreifen. So auch in Darmstadt. Hoch oben am mit Gold reich geschmückten Portal des Ernst Ludwig-Hauses stehen zwei Siegesgenien und flankieren den Eingang. Gerüstet mit einem Waffenrock begrüßen sie den zum Kampf bereiten Künstler, der unter ihnen zur Arbeit, zum „heiligen Gottesdienst“, ins Ateliergebäude schreitet und die stärkende Botschaft über ihm wohl vernimmt: „Der Sieg, er ist dir sicher!“
Die beiden Figuren sind von Rudolf Bosselt, angefertigt zur 1. Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie 1901. Mit der wehrhaften Kunst nimmt der Bildhauer ein Motiv auf, das bei der künstlerischen Avantgarde um die Jahrhundertwende sehr in Mode kam. Das führt eindrucksvoll eine große Kunstausstellung vor Augen, die zur Zeit in Berlin die Massen in die Alte Nationalgalerie auf die Museumsinsel lockt: „Secessionen – Klimt, Stuck, Liebermann“ ist ihr Titel. In den Secessionen, was wortwörtlich Abspaltungen bedeutet, fanden sich damals diejenigen Künstler zusammen, die die Kunst und ihre Strukturen im ausgehenden 19. Jahrhundert erneuern und radikal modernisieren wollten. Da war Kampf geradezu vorprogrammiert.
Kein Wunder, dass sich die Secessionisten die griechische Göttin Pallas Athene zur Leitfigur auserkoren hatten. In der Berliner Ausstellung wimmelt es geradezu von Darstellungen der kämpferischen Dame. Die meisten finden sich bei den Abspaltern aus München und Wien.
Heute, am 3. Oktober 2023, wird einer 80 Jahre alt, dem man seine Jahrzehnte nun wirklich nicht ansieht: Nikolaus Heiss alias „Mr. Welterbe“. Diesen inoffiziellen Ehrentitel, der spätestens seit eines Zeitungskommentars von Johannes Breckner im Darmstädter Echo öffentlich und in aller Munde ist, hat er sich wahrlich verdient. Seit frühen Kindheitstagen ist er mit „seiner“ Mathildenhöhe so vertraut wie kein Zweiter. Er hat die Stadt Darmstadt auf ihrem langen Weg zum UNESCO Weltkulturerbe als ihr Berater und Koordinator viele Jahre unterstützt. Er hat das einmalige Ensemble aus Architektur, Gartenanlagen und Skulpturen über Jahrzehnte in Tausenden von Fotografien festgehalten, das Bild von ihr in der Öffentlichkeit damit nachhaltig geprägt. Sei es auf der Webseite der UNESCO, sei es in unzähligen Publikationen – mit grandiosen Luftaufnahmen, aber auch durch die unverkennbare Liebe zu ihren Details.
Der langjährige Leiter der Denkmalpflege Darmstadt hat sie immer wieder dokumentiert, saniert und sich bis heute gemeinsam mit dem Verein „Freunde der Mathildenhöhe“, deren zweiter Vorsitzender er ist, für die Gesamtanlage und besonders für den Platanenhain eingesetzt. Zusammen mit der Kunsthistorikerin Renate Charlotte Hoffmann hat er im Herbst 2021 den mit großformatigen Fotografien reich geschmückten Band über das frisch gebackene Welterbe Mathildenhöhe veröffentlicht. An dieser Stelle sei das ausführliche Portrait über ihn auf 23 Quer zur Lektüre empfohlen: Meine Mathildenhöhe – Flaniert mit Nikolaus Heiss. Auch im Darmstädter Echo, digital allerdings nur lesbar für Abonnenten, wurde er zum Jubiläum nun besonders gewürdigt: Hüter des Darmstädter Welterbes: Nikolaus Heiss wird 80.
Wer Nikolaus Heiss ganz persönlich zum Jubiläum gratulieren will, kann dies jetzt tun: Nutzen Sie die Kommentarfunktion auf 23 Quer! Dann geht Ihr digitaler Geburtstagsgruß online und auf direktem Weg zum Jubilar.
Die kreativen Köpfe der Künstlerkolonie Darmstadt, vor allen Dingen die Generation der 1. Ausstellung von 1901, waren junge Männer als sie auf der Mathildenhöhe Teil des ambitionierten großherzoglichen Projektes wurden. Es sollte sie in der Kunst- und Architektenwelt schlagartig bekannt machen und das südhessische Darmstadt in eine Spitzenposition auf dem Weg in die Moderne katapultieren. Die beiden Jüngsten der „glorreichen Sieben“, die Großherzog Ernst Ludwig bis 1899 zu sich an die neu gegründete Künstlerkolonie nach Darmstadt berief, waren gerade einmal 20 und 21 Jahre alt als sie zu der experimentierfreudigen Künstlergruppe stießen. 26, 28, 30, 31 und 32 Jahre zählten die anderen anfangs.
Doch wie alt wurden sie eigentlich? Wer von ihnen lebte am längsten, wer starb als erstes? Und – lebten die nachfolgenden Generationen der Ausstellungen von 1904, 1908 und 1914 länger? 23 Quer blickt in das kurze oder lange Leben der Protagonisten und klärt auch die Frage, wer das letzte lebende Mitglied der Künstlerkolonie Darmstadt war.
23 Quer ist ein Magazin für Flaneure. Für diese gibt es wohl kaum einen anderen Ort, der sich besser eignen würde zum lustvollen Umherstreifen als die Mathildenhöhe. Viele Perspektiven öffnen sich beim Spazieren durch das weltweit einmalige Ensemble aus Architektur, Skulpturen und Gartenanlagen: von oben, von unten, von gegenüber, die Treppen hinauf und hinab, durch schattige Laubengänge, von Innen wie von Außen. Immer wieder neu und immer wieder zauberhaft – wie auch die Impressionen dieser kleinen sommerlichen Bildergalerie.
Hochzeitsturm und Ausstellungsgebäude: Aus dem Grün ins Blau.
Ohne Natur ist die Architektur von Joseph Maria Olbrich nicht zu denken. Er „komponierte seine Gebäude in die Natur hinein […]: Sie wächst innerhalb der Vegetation, die aber niemals wild und unkultiviert ist, sondern den Eindruck eines Gartens oder Parks beibehält. Das Bauwerk soll eine Erlebniseinheit mit der sie umgebenden Natur bilden“, heißt es bereits 1983 im Katalog, der die Darmstädter Ausstellung zu Olbrichs 75. Todestag begleitete.
Diese enge Verbindung von Natur und Bauwerk zeigt seit 1908 eindrucksvoll der Hochzeitsturm, der förmlich aus einem grünen Fundament Richtung Himmel emporwächst. Olbrich gelingt dieser Effekt durch lange Reihen von prächtig bepflanzten Pergolen, die er in bis zu dreistöckigen Kaskaden um den kompletten Hügel mit dem auf ihn thronenden Ausstellungsgebäude zieht. In seinen Entwurfszeichnungen und auch hier in diesem Aquarell von Olbrich mit der Ansicht von Nordosten, der Rückseite, ist das besonders schön nachzuvollziehen – und wenn die letzten Bauzäune fallen auch schon sehr bald wieder in natura auf der Mathildenhöhe.
Aquarell – Mathildenhöhe Darmstadt (Hrsg.): Joseph Maria Olbrich, 1867 – 1908, Architekt und Gestalter der frühen Moderne. Katalog zur Ausstellung vom 7.2. – 24.5.2010, Ralf Beil, Regina Stephan, Hatje Cantz Verlag, Darmstadt, 2010, S. 391. | Zitat – Wolbert, Klaus: „… wie ein Tempel in einem heiligen Haine“. Olbrichs semantische Architektur und die Utopie eines ästhetisch überhöhten Lebens in Schönheit und Feierlichkeit, S. 76.
In Darmstadt zieren sie oben die massiven Eingangspfeiler zum Platanenhain, doch die beiden fauchenden Raubkatzen aus Bronze sind keineswegs Unikate. Ihr Schöpfer Bernhard Hoetger hat sie gleich mehrfach eingesetzt. Doppelgänger von ihnen findet man sowohl in Worpswede als auch in Bremen.
Denn den gebürtigen Dortmunder zog es in den Norden. Darmstadt war 1911 nur eine kurze Zwischenstation für den Bildhauer, noch dazu unterbrochen von einem zehnmonatigen Aufenthalt in Florenz und einem ersten Umzug nach Fischerhude in 1913. Nach der Ausstellung der Künstlerkolonie Darmstadt von 1914 verabschiedete sich Hoetger endgültig von Südhessen, um zu einem der bekanntesten Vertreter des norddeutschen Expressionismus in Bildhauerei und Architektur zu werden. Wer heute seinen Spuren folgt, hat als Darmstädter nicht selten das Gefühl eines Déjà-vus. Insbesondere den beiden Bronzen mit den sich streckenden Knaben auf dem Rücken kann man auf dieser Reise gleich mehrfach begegnen.
Tierische Wächter: Die Löwen auf dem Platanenhain.
„Die Löwen sind los!“ Das ist das Leitmotiv einer ganzen Reihe aus mittlerweile sechs Artikeln auf 23 Quer, die sich auf Safari über die Mathildenhöhe begeben, immer auf der Jagd nach den Tieren mit der wilden Mähne. Einen regelrechten Raubtier-Zoo beherbergt der Platanenhain, den wir heute durchpirschen – und ausgesprochen reiche Beute machen: Denn der Bildhauer Bernhard Hoetger, der für die Ausstellung von 1914 den Platanenhain mit einem ganzen Skulpturenpark ausstattete, hat Löwen an vielen Stellen seines Monumentalkunstwerks eingesetzt. Wenn man alle seine Arbeiten zusammenzählt, kommt man auf insgesamt 49 Löwendarstellungen, dazu noch die zwei Raubkatzen über dem Eingang. Es faucht und brüllt an allen Ecken!
Na, erkennen Sie in dem historischen Bild, der Schwarz-Weiß-Aufnahme unten, die tierischen Gestalten auf den Säulen oben wieder? Ja, genau, das sind die sechs Löwen, die heute von den Backsteinsäulen am Eingang zur Rosenhöhe hinunterbrüllen. Die „niesenden Igel“, so ihr Spitzname, thronten mit ihrer stacheligen Mähne 1914 über dem Eingang zur letzten Ausstellung der Künstlerkolonie Mathildenhöhe. Sie waren Teil eines monumentalen Eingangsportals zum Ausstellungsgelände, das der leitende Architekt Albin Müller damals am Nicolaiweg vor dem südlichen Eingang zum Platanenhain und vor dem Lilienbecken mit seiner dahinter liegenden Russischen Kapelle positionierte und mit Kassenschaltern versah. Bei seinem Entwurf arbeitete er mit dem Bildhauer Bernhard Hoetger zusammen, Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie wie er, der zeitgleich den Platanenhain mit rund 70 Plastiken ausschmückte.
Doch mit Bernhard Hoetgers Arbeit war Albin Müller dann gar nicht zufrieden, wie seinen Ende der Dreißiger Jahre verfassten Lebenserinnerungen deutlich zu entnehmen ist:
<< Ich hatte für die hochstehenden sechs Löwen je zwei wuchtige Doppelsäulen aus mächtigen Kunststeintrommeln aufgebaut. Als endlich in letzter Stunde die Löwen geliefert wurden, zeigte es sich, daß sich Hötger hierbei weder an meine Angaben, noch an die festgesetzten Maße gehalten hatte. Die massiven, mächtigen Löwenplastiken waren deshalb für meine Säulen viel zu schwer und stören das reine Maßverhältnis meines Säulenunterbaus ganz empfindlich. Darum habe ich bei dem späteren Aufbau auf der Rosenhöhe die sechs Doppelsäulen verworfen und statt deren sechs Pfeiler aufgemauert, die zu den Maßen der Löwen nun im rechten Einklang stehen. >>
ich sagte Ihnen immer: ihr seid niemanden verantwortlich außer der menschheit – und die wird später erst sagen, was gut an euren gedanken ist.
Geradezu prophetische Worte von Großherzog Ernst Ludwig, festgehalten in seiner Autobiografie „Erinnertes“, die er – einige Jahre vor seinem Tod – formulierte und in der er ein wenig wehmütig auf seine jungen Jahre als Regent und sein ambitioniertes Projekt der Künstlerkolonie Darmstadt und ihrer spektakulären Ausstellungen zurückblickt: auf die Aufbruchstimmung, von der er und „seine“ Künstler vor allen Dingen zur Premiere in 1901 erfasst waren; auf den Mut zum Experiment und dem Willen, alles, wirklich alles neu zu denken, das Leben rundum neu zu gestalten.
Vom Aufbruch in die Moderne erzählt die Künstlerkolonie Darmstadt, vom spannenden Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. So einmalig, vielfältig und überzeugend, dass die Mathildenhöhe vor genau zwei Jahren, am Samstag, den 24. Juli 2021, in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen wurde.
Seit diesem Moment heißt es wieder in Darmstadt: „Ihr seid niemandem verantwortlich außer der Menschheit“. Denn genau dieser gehört nun das kunsthistorisch so bedeutende Ensemble aus Architektur, Skulpturen und Gartenanlagen: der Menschheit. Nicht mehr nur den Darmstädtern allein, sondern allen auf der Welt. Auch Ihnen.
Heute beginnt das Sternzeichen des Löwen, und Morgen, am 24. Juli 2023, feiert die Mathildenhöhe Darmstadt ihren zweiten UNESCO-Geburtstag. Damit ist eines sternenklar: Unser Weltkulturerbe ist ein Löwe! Das Datum passt perfekt zur Stadt der Löwen: zu Darmstadt und zu seiner Mathildenhöhe, auf der es von Löwen auf dem gesamten Gelände geradezu wimmelt. Zwölf herrschaftliche Löwenwappen zieren alleine die Eingangsbereiche von Hochzeitsturm und Ausstellungsgebäude sowie den Bacchusbrunnen an der Stützmauer darunter, dazu kommt noch ein ganzer Löwenzoo im Platanenhain.
Der Tag der UNESCO-Entscheidung stand für Darmstadt 2021 also unter einem guten Stern, eine Himmelsfügung sozusagen. Kosmisch wird es auch an einer anderen Stelle der Mathildenhöhe: an der Sonnenuhr vom Hochzeitsturm. Sie wird umrahmt von den zwölf Tierkreiszeichen des Jahres. Ganz oben in dem wunderbaren Mosaik aus Glassteinen finden wir zwischen Krebs und Jungfrau dann selbstverständlich auch das Sternzeichen Löwe.
Sie sind Insignien der Macht, wie einst Krone, Zepter und der Reichsapfel. Nur dass Amtsketten auf Zeit verliehen werden. Auch wenn sie golden glänzen, sie sind letztendlich ein Symbol der Demokratie. Irgendwann, früher oder später, wird man sie wieder ablegen, das schwere Geschmeide weiterreichen an neue Gestalter des politischen Raums. So wandert die Amtskette von Besitzer zu Besitzer. In Darmstadt hat sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nun ihren achten Träger. Nummer sieben war mit Jochen Partsch der erste Grüne im Amt, der dieses am 21. Juni 2011 vom damaligen Oberbürgermeister Walter Hoffmann, SPD, übernahm. Die Amtskette zu tragen war fortan sein Privileg. Zwölf Jahre und zwei Amtszeiten ist das nun her, und gestern, am 25. Juni, hat er die Amtskette während der Feierstunde zur Amtsübergabe im Darmstadtium wieder abgelegt – und Hanno Benz, seinem Nachfolger im Amt, persönlich umgehängt. Prächtig war sie bisher noch an jedem Oberbürgermeister anzuschauen, so nun auch am Sozialdemokraten Benz, der in diesem feierlichen Ornat seine erste Rede als frisch vereidigter neuer Stadtchef hielt.
Riegel war mein bester Goldschmied, der wirklich Stücke von großem Kunstwerk hervorbrachte.
Ein Traum von einem Garten zog sich 1908 den Hang hinauf zum Ernst Ludwig-Haus. Von einem als „Auge“ kreisförmig gestalteten Wasserteich ging es durch einen symmetrisch gestalteten Garten, an Rosenbüschen, Hecken und Buchsbaum in Kübeln vorbei, durch ein Spalier haushoher Pyramidenpappeln, Treppe um Treppe, Terrasse um Terrasse immer weiter hoch, bis man ganz oben angekommen war, am „Tempel der Arbeit“, dem der Kunst geweihten, ganz in Weiß und Gold strahlenden Heiligtum und Thron: dem Ateliergebäude der Künstlerkolonie.
Geburtstag hat sie ja eigentlich erst am 24. Juli, doch wenn die UNESCO weltweit den Welterbetag feiert, da darf Darmstadt und die Mathildenhöhe natürlich nicht fehlen! Schon letztes Jahr war die noch frisch gekürte und 48. von insgesamt 51 Welterbestätten in Deutschland mit dabei und stemmte inmitten vieler Baustellen ein großartiges Programm, zu dem auch schon vor einem Jahr das Grosse Haus Glückert gehörte – noch mitten in der Sanierungsphase. Die frühen Einblicke, die die Denkmalpflege angemeldeten Besuchergruppen gab, waren damals schon hochinteressant. Auch jetzt, 2023 und pünktlich zum UNESCO-Welterbetag wiedereröffnet, war die größte Olbrich-Villa der Künstlerkolonie Darmstadt eine der Hauptattraktionen, die die Stadt Darmstadt den Besucher und Besucherinnen mit Stolz präsentierte.
Dieses Jahr gab es gleich an zwei Tagen ein volles Programm, am 3. wie am 4. Juni, und on Top noch eine riesige Party unter freiem Himmel: das erste UNESCO Welterbe-FEST auf der Mathildenhöhe. Ganz im Geiste der früheren Jugendstilfeste und ganz in der Tradition der historischen Ausstellungen der Künstlerkolonie erstrahlte der Musenhügel über der Stadt in einer „Illumination“, leuchtete im Dunkel der untergehenden Sonne in den herrlichsten Farbtönen. Dazu Lampions und Lichter überall: ein wahrer UNESCO-Sommernachtstraum!
Eröffnung durch Oberbürgermeister Jochen Partsch, der hessischen Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Andrea Dorn, sowie dem Kulturreferenten und Leiter des Welterbebüros der Stadt, Professor Ludger Hünnekens, am Samstagabend. Philipp Gutbrod, Direktor des Instituts Mathildenhöhe Darmstadt, erhielt am Sonntag symbolisch den Schlüssel für das neue Ausstellungsgebäude, für das noch technische Probeläufe zu absolvieren sind. Schlussakkord mit Sekt und Gesang : der Startschuss für eine lange Nacht und ein großes UNESCO-Fest!
Die 23 Quer-Bildergalerie mit Impressionen vom großen UNESCO-Wochenende:
Es ist der „Aufbruch in die Moderne“, der hier, und nur hier, auf der Mathildenhöhe Darmstadt wie in einer Zeitkapsel, die vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 reicht, beobachtet werden kann. Das, und nicht der Jugendstil allein, macht sie für die UNESCO und die Menschheit so einzigartig. Ein wichtiger Baustein, wenn man so will Schlussstein des historischen Bogens, bildet die Ausstellung der Künstlerkolonie von 1914. Es sollte ihre letzte sein – und all zu viel blieb nach der Darmstädter Brandnacht von 1944 auch nicht mehr von ihr übrig. Das Ateliergebäude von Albin Müller ist heute als einziges bauliches Relikt der Miethausgruppe von 1914 noch zu sehen, die sich einst den kompletten oberen Olbrichweg entlangschwang. Gibt es wirklich nicht mehr aus dieser Zeit zu entdecken?
Doch! Denn mit dem Ateliergarten vor dem Gebäude blieb auch ein Stück moderner Gartenkunst von 1914 erhalten. Die städtische und hessische Denkmalpflege hat diesen Garten nach vielen Jahrzehnten wiederentdeckt und letztes Jahr zum UNESCO Welterbetag erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Vor allen Dingen mit dem Bau des neuen Besucherzentrums am Osthang, das vor Ateliergebäude und -garten nun eine große Freifläche vorsieht, werden beide bald verstärkt im Blickpunkt stehen. Lassen wir also jetzt schon Mal den Blick schweifen ins grüne Carrée, auch zurück in seine Vergangenheit zu Zeiten der Künstlerkolonie Darmstadt.
So sah es einmal aus, am Südhang der Mathildenhöhe: Entlang einer zentralen Achse ging es vom Ernst Ludwig-Haus, dem Ateliergebäude der Künstlerkolonie, den Alexandraweg querend durch viel Grün und entlang prächtiger Künstlervillen den Hügel hinunter. Unten angekommen, vom Prinz-Christians-Weg aus, bot sich wie hier 1904 ein fantastischer Blick zurück bis ganz nach oben. Frei war die Aussicht auf das Kleine Haus Glückert links vorne, dahinter ist noch das Walmdach des Haus in Rosen von Hans Christiansen zu erkennen. Rechts vorne erhebt sich das Haus Habich, dahinter leuchtet das Haus Olbrich in seinem originalen gelben Anstrich.