Geburt einer Schönheit: Die Künstlerkolonie oder am Anfang war das Wort

Während alle Welt, zumindest die christliche, im Monat Dezember bis 24 zählt, legt 23 Quer bereits heute, einen Tag vor Heiligabend, einen Stopp ein, um ebenfalls von einer Geburt und Aufbruch zu etwas ganz Neuem zu berichten. Denn nichts anderes bedeutete die Gründung der Künstlerkolonie im Jahre 1899 in Darmstadt. Mit ihr heiligte man der Schönheit des Lebens und der Kunst. Das Ateliergebäude war ein Musentempel, der über allem thronte und den man zur Eröffnung so feierlich wie eine Kirche weihte. Ein Hauch von Göttlichem schwebte anfangs über Allem, zelebriert mit einer gehörigen Portion Pathos.

Wenn wir den Blick auf die geistigen Väter und Verkünder der Künstlerkolonie richten, dann fallen vor allen Dingen zu Beginn ganz weltliche Argumente.

„Denn was heute nicht geschieht, kann morgen schon unmöglich sein.“

(Alexander Koch)

Von ganz besonderer Wichtigkeit ist für Darmstadt aber die neu erweckte angewandte Kunst, das sog. Künstler-Gewerbe. Außer München gibt es für diese Kunst, die so mächtig aufblüht, und, wie das Beispiel von England, Belgien, Holland, Frankreich zeigt, schon in naher Zukunft eine große Rolle im Leben der Nation spielen wird, keinen Mittelpunkt. Wer hier rechtzeitig den maßgebenden Künstlern und den jüngeren Talenten, die sich ausbilden wollen, das bietet, was sie suchen, der wird eine Institution von bleibendem Werte und großer idealer und materieller Nützlichkeit gewinnen.

Nur noch wenige Monate vielleicht, und in München, Karlsruhe, Dresden oder Berlin wird eine solche Anstalt in dieser oder jener Form ins Leben treten, und dann ist es für Darmstadt zu spät! Wir glauben die Verantwortung für eine solche Verzögerung nicht übernehmen zu können und schließen uns mit aufrichtiger Begeisterung den von unserem Allergnädigsten Landesherrn ausgehenden Ideen an. Diese aber leiten uns zur Errichtung von Ateliers für angewandte Kunst unter der Leitung echter, von neuem Geiste erfüllter Künstler![1]

Am Anfang war das Wort, so auch bei der Künstlerkolonie Darmstadt. Das Zitat stammt aus einer Denkschrift, die vom Darmstädter Verleger Alexander Koch verfasst wurde. Sie gilt als das Dokument, das den entscheidenden Anstoß zu dem ehrgeizigen Projekt Künstlerkolonie gab, und zur Folge hatte, dass man es umgehend in hoher Geschwindigkeit in Angriff nahm und umsetzte. Mit diesen drängenden Zeilen holte Koch die Behörden des Landes und die Darmstädter Bürger mit ins Boot, denen wohl auch der Gedanke gefiel, den bekannten deutschen Metropolen der Kunst, wie etwa München, eine Nasenspitze voraus zu sein.

Diesem Dokument ist ebenfalls zu entnehmen, wie sehr auch der Großherzog Ernst Ludwig als „Ideengeber“ und treibende Kraft hinter dem Vorhaben stand. Der Lieblingsenkel von Queen Victoria war während vieler Aufenthalte bei seinen Verwandten auf der Insel in Kontakt gekommen mit den britischen Lebensreformern. Inspiriert von der Arts and Crafts-Bewegung hatte er sich bereits 1897 in seinem Darmstädter Neuen Palais von zwei englischen Reformkünstlern Räume im modernen Stil einrichten lassen.[2] Da war er Ende Zwanzig.

Die Verschönerung des Alltags, seiner Gegenstände und Umgebung, die Verschmelzung von Kunst und Handwerk, die Verbindung von Schönheit mit dem Praktischem – das war etwas, was dem kunstsinnigen und für alles Schöne empfänglichen jungen Herrscher sehr zusagte und wofür er sich auch in der hessischen Heimat und Darmstadt einsetzen wollte. Auf Künstlerseite hatte er in dem Darmstädter Bildhauer Ludwig Habich einen ersten Vertrauten gefunden: „Der erste war unser Habich, den ich schon lange kannte und der mir sehr nahe stand. Mit ihm habe ich meine Gedanken über die ganze Idee genau besprochen.“[3]

Denn neben allen guten Argumenten für die Förderung von Wirtschaft und Handwerk in seinem Großherzogtum inspirierte den Monarchen der Gedanke, „ein persönliches Werk aufzurichten mit Gleichgesinnten.“ Er wollte seinen Künstlern die nötige Freiheit geben und das Gefühl, mit ihnen wie „mit einem Künstlerkollegen zusammenzuarbeiten“[4]. Was sicherlich angesichts der tatsächlichen Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse ein allzu idealistisches Unterfangen gewesen sein dürfte. Immerhin verfügte er über den 296.000 Mark schweren Garantiefonds, stiftete die Grundstücke auf der Mathildenhöhe und bezahlte die Gehälter der Künstler. Er stellte die Mittel und damit auch die Macht. Aber Ernst Ludwig hatte alles andere im Sinn, als ein klassischer, nur Geld gebender Mäzen zu sein. Er wollte gestalten.

„Das Schöne war immer in meinem Sinne.“

(Großherzog Ernst Ludwig)

Wenn man den Großherzog als den geistigen Vater der „Künstlerkolonie Mathildenhöhe“ betrachten will, ihren Mentor, dann ist der Darmstädter Verleger Alexander Koch ihr Verkünder. Denn durch seine Zeitschriften, die Themen und neueste Entwicklungen zu Innenausstattung, Dekoration und Kunstgewerbe behandelten, wurden Stilfragen rund um das Gestalten von Räumen erstmals öffentlich diskutiert. In seinen Publikationen wurden neue Einrichtungsvorschläge, dekorative Kunst und viel versprechende Künstler einem breiten Publikum vorgestellt und erst bekannt gemacht.

Auch Koch war ein Mensch, den die Schönheit trieb, und der das Publizieren darüber für sich als eine Richtung entdeckt hatte, „in der zum erstenmal die sämtlichen Anlagen meiner Natur zusammenwirken konnten: Das Kaufmännische, das Organisatorische, die künstlerische Anlage, die geschmackliche Begabung, das Streben nach dem Ideal eines vollkommen durchgeformten, von der Schönheit geadelten Lebens.“[5]

Ursprünglich war er im Druckgewerbe ausgebildet. Durch seine Heirat mit einer Tochter des Darmstädter Tapetenfabrikanten Carl Hochstätter und Einstieg in dessen Firma beschäftigte er sich beruflich mit der Gestaltung von Innenräumen. Für die Tapetenbranche entwickelte er zunächst eine Publikation zur Verkaufsförderung: die „Tapeten-Zeitung“ (1888). Die innovative PR-Idee hatte großen Erfolg und machte Koch zum selbstständigen Verleger: Er gründete mit der „Innendekoration“ (1890) und der „Deutsche Kunst und Dekoration“ (1896) zwei weitere bekannte Fachzeitschriften.

Besonders die letzte war sehr einflussreich auf den Geschmack und die Einrichtungsmoden der Zeit, wirkte so Koch selbst „als eine Art Dauerausstellung im Bild. Ein „sehr wirksames Instrument“ sah er auch in den vielen redaktionellen Wettbewerben, die immer wieder von ihm und seinen Redakteuren initiiert wurden: „Durch sie wurde eine ganze Reihe junger Talente ans Licht gezogen.“ Die noch ganz Jungen der Darmstädter Künstlerkolonie, wie Patriz Huber oder Paul Bürck, wurden so von Koch entdeckt. Auf Josef Maria Olbrich, den später so prägenden Architekten seines Projekts, ist Großherzog Ernst Ludwig durch eine Abbildung in einer der Zeitschriften Kochs aufmerksam geworden.

Auch im Ausstellungswesen war der stets umtriebige Verleger und Kunstfreund sehr rege: Am 20. September 1898 gab es in Darmstadt eine Premiere: Unter dem Protektorat des Großherzogs wurde die erste Darmstädter Kunst- und Kunstgewerbe-Ausstellung in der Kunsthalle eröffnet. Alexander Koch hatte hierfür eine eigene Abteilung für „Modernes Kunstgewerbe, Kleinkunst und Zimmerausstattung“ eingerichtet. Sie nahm das Konzept der späteren Ausstellungen der Künstlerkolonie im Prinzip vorweg: Die Ausstellungsobjekte wurden erstmals im Rahmen kompletter Raumensembles vorgestellt. Es sollte ein in sich geschlossener Raumeindruck vermittelt werden, und nicht zusammenhanglos ausgestellte Einzelstücke zu sehen sein.

Koch war ein begnadeter PR-Mann. Einen „Verkünder des Herrn“ könnte man ihn vielleicht auch nennen. Der Eröffnung der Künstler-Kolonie und ihrer ersten Ausstellung 1901 in Darmstadt ist ein wahres PR-Feuerwerk voraus gegangen. Für Aufmerksamkeit, „Awareness and Visibility“ würden Marketingstrategen das heute wohl nennen, sorgte auch ein Auftritt, den die gerade formierte Gruppe der Künstlerkolonie 1900 auf der Weltausstellung in Paris hinlegte, noch vor ihrer ersten eigenen Ausstellung in Darmstadt. Der Ausflug nach Frankreich wurde wiederum in den Zeitschriften Kochs gebührend redaktionell gefeiert. Die „Deutsche Kunst und Dekoration“ brachte gleich in dem ersten Heft zu ihrer Serie über die Pariser Welt-Ausstellung im Juli 1900 einen „ausführlichen, illustrierten Bericht über die Teilnahme der Kolonie“.

Koch selbst schreibt in seinem Ausstellungsband über Darmstadt dazu später: „Durch diese Beschickung der Welt-Ausstellung war die Spannung, welche die Kolonie in allen gebildeten und kunstfreundlichen Kreisen Deutschlands und darüber hinaus hervorgerufen hatte, noch gesteigert worden. Von allen Seiten trugen die Zeitungen und die Zeitschriften heran, dass man allenthalben der Entwickelung der Dinge in Darmstadt mit außergewöhnlichem Interesse entgegensähe.“[6]

Selbst das Format einer exklusiven Vorschau, heute wohl „Preview“ genannt, hatte Koch schon in seinem strategischen PR-Werkzeugkasten. Denn einer der Räume, die für die Weltausstellung im Sommer in Paris entworfen wurden, war bereits im Frühjahr in Darmstadt zu sehen: Anlässlich der Grundsteinlegung für das Ernst Ludwig-Haus am 24. März 1900 wurde das ganz im neuen Stil vom Sofa, Schrank, über Kissen, Vorhänge bis zum Glasfenster entworfene  „Empfangszimmer“ in Räumen der Möbelfirma Glückert vollständig montiert und in einer kleinen Ausstellung den illustren Gästen dort vorab gezeigt.

Zur Weihe des Grundsteins sprach Großherzog Ernst Ludwig seinen berühmten Satz „Mein Hessenland blühe und in ihm die Kunst“. Die feierliche Veranstaltung eröffnete ein „Festliches Spiel“ aus der Feder von Kochs Redakteur Georg Fuchs. Der formulierte ein inbrünstiges Gebet an die Göttin der Kunst, die Schönheit:

Es sei ein Tempel, flüsternd von Gebeten

Bebend von geheimnisvollen Wehn

Der Schönheit, die wir uns mit steten

Inbrünstigen Bitten rein erflehn.

Mit der Eröffnung der ersten Ausstellung der Künstlerkolonie war die Zeit des Verkündens für Alexander Koch endgültig vorbei. Schließlich war das Motto seines Lebens „Factis Non Verbis“, lasst Taten sprechen und nicht Worte. Endlich, an einem strahlenden Mittwoch, dem 15. Mai 1901, konnte die ganze Welt zur Eröffnung der ersten Ausstellung das Neugeborene, die Schöne, die „Künstlerkolonie Darmstadt“, mit eigenen Augen sehen. Für ihre Protagonisten war sie das Resultat eines „heiligen Gottesdienstes“: der Arbeit der ersten sieben Künstler.

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Nachschlag

Wie das so ist mit den Kindern, ob heilig oder nicht, sie gehen ihren eigenen Weg, nicht alles erfüllt sich, was man sich mit und von ihnen erwünscht hat. Sehr viel Melancholie klingt aus den Worten, mit denen Großherzog Ernst Ludwig viele Jahrzehnte später, Anfang der Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, diese „ganz herrliche Zeit“ Revue passieren lässt. Die „Künstlerkolonie“ nimmt in seinen Memoiren, den „Erinnertes“, auffällig wenig Raum ein: Nur etwas mehr als zwei von insgesamt etwa 150 Druckseiten Autobiografisches sind darin dem Herzensprojekt seiner ersten Regierungsjahre gewidmet.

Heute würde er der aussichtsreichen Kandidatin auf Auszeichnung zur Welterbestätte der UNESCO seine zweifelnden Fragen wohl nicht mehr stellen:  

„Wenn ich jetzt die Gebäude sehe und vieles so ganz anders und verlassen kommt ein Gefühl der Wehmut über mich und oft der Gedanke: Wieviel war alles dies ein Anstoß? Wieviel hat es unserem Kunstgefühl und unserem Volk genützt? Aber als Trost muss ich daran denken, wie ich ihnen allen immer sagte: Später erst wird man unsere Tat beurteilen können, denn nur durch die Zeit bekommt man klare Augen.“

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Fußnoten und Quellen

[1] Anm. des Verf.: Das Original der „Denkschrift“ von Alexander Koch existiert nicht mehr, allerdings Zeitungsartikel mit dem genauen Wortlaut, der früheste vom Darmstädter Tagblatt, veröffentlich am 4. April 1899. Alexander Koch selbst erinnert sich in einem Aufsatz, den er 1925 selbst verfasst hat, am Zustandekommen der „Künstler-Kolonie“ mitgewirkt zu haben, „vor allem durch eine Denkschrift, die ich im Sommer 1899 dem unternehmungsfrohen fürstlichem Kunstfreund und wenige Tage darauf den Behörden überreichte.“ (S. 109) Demnach wäre die „Denkschrift“ auf das Jahr 1899 zu datieren und nicht auf 1898 wie in manchen Quellen genannt.

[2] Wolfgang Pehnt: „Das hatte uns noch Niemand geboten“. Quellen, Motive und Wirkungen der Bauten auf der Darmstädter Mathildenhöhe. In: Mathildenhöhe Darmstadt, 100 Jahre Planen und Bauen für die Stadtkrone, 1899 – 1999, Bd. 1, Darmstadt, 1999, S. 16-19

[3] Großherzog Ernst Ludwig von Hessen: Erinnertes, Arbeiten der Hessischen Historischen Kommission Darmstadt (Aufzeichnungen des letzten Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein. Mit einem biographischen Essay von Golo Mann, herausgegeben von Eckhart G. Franz), Darmstadt, Eduard Roether Verlag, 1983, Zitat 1: S. 115 / Zitat 2: S. 17 / Zitat 3: S. 116 / Nachschlag: S. 116

[4] Alfred Rehm: Eine Institution von bleibendem Wert und großer idealer und materieller Nützlichkeit. Künstlerkolonie, Jugendstil und Stadtmarketing. In: Archiv für Hessische Geschichte, Band 71, 2013, S. 117

[5] Alexander Koch In: Gerhard Menz (Hrsg.): Der Deutsche Buchhandel der Gegenwart in Selbstdarstellungen, Leipzig, 1925 In: Hans-Rolf Ropertz: Alexander Koch – ein Beweger. Aus einem DIN-A4-Blatt entsteht ein Weltkulturerbe, Selbstverlag, Dezember 2012, Zitat 1: S. 92 / Zitat 2: S. 97

[6] Alexander Koch (Hrsg.): Die Ausstellung der Darmstädter Künstler-Kolonie. Ein Dokument Deutscher Kunst, Darmstadt, 1901. Nachdruck, Verlag zu Megede, Darmstadt, 1989, S.45 / Strophe aus dem Festspiel: S. 48

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