„Meine Mathildenhöhe“: Flaniert mit Nikolaus Heiss

2021, das Jahr der UNESCO Weltkulturerbe-Verleihung, wird wohl für immer als ein Meilenstein in den Annalen der Mathildenhöhe stehen. Ein ganz besonderes Jahr war es auch für Nikolaus Heiss, der sich in den verschiedensten Rollen und Funktionen jahrzehntelang für das einmalige Architekturensemble und die Künstlerkolonie eingesetzt hat: lange als engagierter Denkmalpfleger wie später auch als Koordinator Mathildenhöhe, der im Sonderauftrag der Stadt Darmstadt maßgeblich an den Vorbereitungen zur Aufnahme des Ensembles Künstlerkolonie in die Welterbeliste beteiligt war. Grund genug für 23 Quer mit dem für viele „wahren Mister Welterbe“, wie das Darmstädter Echo jüngst kommentierte, das Jahr zu beenden. In der Rubrik „Meine Mathildenhöhe“ erzählen Menschen, die die Mathildenhöhe prägen, begleiten und für sie an den unterschiedlichsten Stellen wirken, ihre ganz persönlichen Geschichten zu diesem ganz besonderen Stück Darmstadt. Gemeinsam mit ihnen flanieren wir über den Musenhügel. Drei Orte, drei Stopps, drei Geschichten. Los geht’s!

Stopp 1: Im Platanenhain, seinem „Zaubergarten“ der Kindheit

Was die Mathildenhöhe Darmstadt und Nikolaus Heiss angeht, kann man wahrlich von einer alten Liebe sprechen. Man kann es sogar belegen, genau hier im Platanenhain. Denn ganz am Ende, am Bachus-Brunnen mit dem Mosaik aus wunderbarem Rheinkiesel, entstand vor genau zweiundsiebzig Jahren eine Fotografie, die ihn im Sommer 1949 mit seinem älteren Bruder zeigt, der den Arm um seine Schulter legt. Auf dem Bild ist er fünf Jahre alt und lebt mit seinen Eltern und Geschwistern in der Kittlerstraße. Die ist nicht weit entfernt, und so wurde die wunderbare Mathildenhöhe zum Abenteuer-Spielplatz für den kleinen Nikolaus. „Ich war schon damals angezogen von diesem Ort, er übte auf mich als Kind eine ganz besondere Faszination aus“, so Heiss.

„Die Mathildenhöhe war so spürbar anders als die restliche Stadt, diese eigenartigen Häuser. Eine traumhafte Welt für mich.“ In dem noch mit Wasser gefüllten Brunnen wäre beinahe mal ein Spielkamerad ertrunken, erinnert er sich noch. Auch daran, dass ihm die expressiven Skulpturen vom Bildhauer Bernhard Hoetger mit ihren Fratzengesichtern oben auf der Terrasse vor dem Ausstellungsgebäude immer ein wenig Angst eingejagt hätten.

Da ahnte noch keiner, wie sehr dieser „magische Ort“ sein Leben als Erwachsener prägen sollte. Auch die Liebe zur Fotografie, in der er es über die Jahrzehnte zu einiger Meisterschaft sowie vielen Ausstellungen und Publikationen gebracht hat, steht in engem Zusammenhang mit dem Darmstädter Musenhügel. Zur Konfirmation bekam er seine erste Kamera geschenkt, und die Mathildenhöhe wurde sogleich sein Lieblingsmotiv. Bereits als Vierzehnjähriger wurde er mit ihr zum ersten Mal Preisträger eines Fotografie-Wettbewerbs. Für 23 Quer ist Nikolaus Heiss nochmal ganz tief ins Archiv gegangen – und hier ist es: das Siegerfoto von 1957!

Sie wurde zum Motiv seines Lebens: die Mathildenhöhe. (Foto: Nikolaus Heiss, 1957)

Seit 2010 ist der heute Achtundsiebzigjährige in Rente, doch Denkmalpfleger ist er immer noch, durch und durch. Mit einem Abschluss als Diplom-Ingenieur der Technischen Hochschule Darmstadt startete Heiss seine Laufbahn 1970 zunächst als angestellter, dann als freiberuflicher Architekt in Darmstadt.  In dieser Zeit machte er sich einen Namen bei der Sanierung historischer Gebäude sowie bei städtebaulichen Wettbewerben in Arbeitsgemeinschaften, gewann mit ihnen erste Preise in Mannheim und Viernheim. Als er für Darmstadt städtebauliche Planungen und Platzgestaltungen machte, wurde die Stadt auf ihn aufmerksam. 1981 wurde er ihr Denkmalpfleger und blieb dies fast dreißig Jahre lang.

Dass in der Mathildenhöhe mehr stecke, das habe ihm Mitte der 1980-er Jahre bereits Professor Gottfried Kiesow bewusst gemacht: „Die Mathildenhöhe ist mit ihren Bauten  ein Denkmal von nationaler Bedeutung“ stellte der damalige Landesdenkmalpfleger schon fest, sie sei nicht nur lokal oder regional für Darmstadt oder Hessen von Wichtigkeit. Da war der erste gedankliche Schritt also schon gemacht, auch wenn Begriffe wie „Outstanding Universal Value“ und die UNESCO zu diesem frühen Zeitpunkt noch sehr fern waren.

Der Welterbe-Gedanke hat viele Stadtväter: Heiss, der in seiner Laufbahn unter insgesamt fünf Darmstädter Oberbürgermeistern gearbeitet hat  – Heinz Winfried Sabais, Günther Metzger, Peter Benz, Walter Hoffmann und Jochen Partsch – kann sich erinnern, dass erste Ideen, Sätze, Äußerungen in diese Richtung bereits unter Benz, also schon vor 2005 gefallen sind. Konkreter wurde es dann 2006 unter der Ägide von Hoffmann mit einem „Forum Entwicklung Mathildenhöhe“ mit fünfzig sachkundigen Teilnehmern, auf dem der Welterbegedanke ins Spiel gebracht und 2008 Heiss beauftragt wurde, eine entsprechende Bewerbung vorzubereiten. 2014 konnte unter Partsch der erfolgreiche Antrag zur Aufnahme der Mathildenhöhe in die Deutsche Tentativliste vermeldet werden, die dann in den Folgejahren und weiterer – auch unter Mitwirkung von Heiss – erfolgter Ausarbeitung des Antrags zum bekannt glücklichen Ende vom 24. Juli 2021 führte. Dem Tag, an dem bei der UNESCO-Sitzung im fernen China gegen 15 Uhr der Hammer fiel und es hieß: „Adopted!“ Angenommen, die Mathildenhöhe Darmstadt ist Weltkulturerbe.

Stopp 2: Die Pergolen aus Beton, frische Rosen für Olbrichs innovativen Gartenbau   

Flanieren wir weiter mit Nikolaus Heiss: die Stufen hoch zum Hochzeitsturm und links an ihm vorbei. Jetzt im Winter kann man sie gut sehen, die vielen Pergolen, mit denen Joseph Maria Olbrich das hochaufragende Gebäude mit den Ausstellungshallen ringsherum gerahmt und gefasst hat. Im Sommer blüht und grünt es hier überall, eine einzige Blütenpracht fällt in Kaskaden von oben hinab. Jetzt ist der Blick frei auf die Konstruktion und das ungewohnte und neue Material, das Olbrich Anfang des 20. Jahrhunderts dafür einsetzte: Beton.

Wir stehen vor der nördlichen Pergola, die im Krieg zerstört wurde. 2010 wurde sie wieder aufgebaut und vom Verein der Freunde der Mathildenhöhe 2012 mit Rosen bepflanzt. Seitdem öffnet sie wieder ihre bezaubernd schönen Durchgänge und -blicke. Davon ist jetzt zu dieser Jahreszeit nicht allzu viel zu sehen. Das holt 23 Quer im Frühling dann nach. Einen Vorgeschmack auf die ganze Pracht und die so einmalige Verschmelzung von Architektur und Gartenkunst, die die Künstlerkolonie so besonders macht, gibt es aber schon jetzt:

Im Moment ist noch alles Baustelle, ziehen sich die Absperrgitter die ganze lange Rückfront im Osten entlang. Es geht mit Heiss vorbei an Albin Müllers Brunnennische mit dem Eichhörnchen-Mosaik, die gerade saniert wird. Große Banner zieren die vielen Gitter, die als temporäre Informationstafeln für die Zeit der Groß-Baustelle dienen, eine praktische wie schöne Zwischenlösung. Am Haltepunkt für den neuen Welterbe-Shuttle, an der südöstlichen Ecke der Rückseite, begrüßt die Besucher das Stoff-Plakat zur großen Welterbefeier, die die Stadt am 2. und 3. Oktober dieses Jahres im frisch gekürten UNESCO-Ensemble veranstaltet hat: eine Luftaufnahme der Mathildenhöhe. Auch wenn sein Name darauf nicht vermerkt ist, es ist eines der zahlreichen Bilder, die Nikolaus Heiss aus dem Flugzeug von der markanten Architektur gemacht hat – zu sehen auch auf dem Titelbild dieses Beitrags.

Wenn Denkmalpflege und Architektur zur Leidenschaft wird: Wo anfangen? Wo aufhören? Allein die Liste der größeren Projekte, an denen Nikolaus Heiss als städtischer Denkmalpfleger gearbeitet hat, ist riesig und reicht über die Jahrzehnte vom Jagdschloss Kranichstein über das Jugendstilbad bis zum Darmstadtium mit der Integration der Stadtmauer. Die Publikationen, Bücher und Kalender zu Darmstadt, seiner Umgebung und natürlich der Mathildenhöhe, sind zahlreich, mehr als fünfzig werden es wohl sein. Er hat in vielen Preisgerichten Darmstädter Architektur gesessen: etwa für die Erweiterungen von Hauptbahnhof oder dem Hessischen Landesmuseum, für den Bau des Kongresszentrums oder des neuen Besucherzentrums auf der Mathildenhöhe. Bis zur Entscheidung in 2021 war er Mitglied des internationalen Advisory-Boards zur Beratung des Welterbeantrags für die Mathildenhöhe. Seit 2017 bis heute ist er im Denkmalbeirat der Stadt Darmstadt und dessen stellvertretender Vorsitzender. 2016 erhielt er für sein Wirken die Bronzene Verdienstplakette der Stadt Darmstadt und 2020 eine große Ehrung seiner Branche: die Auszeichnung vom Bund Deutscher Architekten (BDA) für „Baukultur in Hessen“. Er habe „mit seinem Engagement wesentlich und wirksam Baugeschichte und Baukultur zusammengeführt und einem breiten Publikum nahegebracht.“

Stopp 3: Der sanierte Schwanentempel, dank Spende heute wunderschön

Wir biegen am Oktogon und dem Museum Künstlerkolonie rechts rein und spazieren wieder nach Westen, Richtung Russische Kapelle. Hier ist ein weiterer Lieblingsort von Nikolaus Heiss: der Schwanentempel von Albin Müller mit seinen wunderbaren Säulen aus Keramik. Der Rundbau, der die Ausstellung von 1914 zierte, glänzt heute wieder so prächtig wie einst. Zu verdanken ist das vor allen Dingen einer Einzelspende der Hans und Dorrit Michel-Stiftung, die mit 47.000 Euro 2016 die Sanierung großzügig unterstützte.

Denn Nikolaus Heiss ist nicht nur ein engagierter Denkmalpfleger und ausgezeichneter Fotograf, er ist mindestens ebenso erfolgreich im Sammeln von Spenden. Zusammen mit dem Verein der Freunde der Mathildenhöhe, zu dessen stellvertretenden Vorsitzenden er gerade wiedergewählt wurde, hat er seit dessen Gründung in 2006 die Summe von insgesamt 592.000 Euro zusammengetragen. Mehr als eine halbe Million.

Fünfzehn Jahre Fundraising mit Geldern unterschiedlichster Herkunft. Seine Übersicht listet Spenden von der Hessischen Denkmalpflege und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz über die Bürgerstiftung Darmstadt bis zu den beiden Lions Clubs Louise Büchner und Justus von Liebig. Größter Einzelspender war bisher die Merck’sche Gesellschaft für Wissenschaft und Kunst mit 50.000 Euro. Unter den Namen sind der Förderkreis Hochzeitsturm e.V. wie der Altstadtverein. Und es sind auch ganz viele nicht unerheblich große Spenden von Einzelpersonen zu finden, darunter einige aus den Reihen der eigenen „Freunde“.

Eingesetzt wurde das Geld für viele unterschiedliche Projekte und Objekte auf der Mathildenhöhe. Vor allen Dingen der Platanenhain, auf den wir uns jetzt zum Ende des Rundgangs wieder zu bewegen, hat davon sehr profitiert. „Er war 2008 ein Ort des Niedergangs“, beschreibt Heiss den Zustand vor dreizehn Jahren. In der Zwischenzeit hat sich dort viel getan: Wer heute zwischen den altehrwürdigen Baumreihen schlendert, der blickt auf sanierte Reliefs und Skulpturen.

29 hat das einmalige Monumentalkunstwerk von Bernhard Hoetger vorzuweisen. Eine stattliche Zahl, für deren Schutz im Winter er mit finanzieller Hilfe des Förderkreis Hochzeitsturm gesorgt hat, so dass die Schreinerei Uhland zweimal im Jahr für 21 freistehende Figuren Einhausungen aus Holz auf- und wieder abbauen kann. Eine Aktion, bei der auch stets der Verein der Freunde der Mathildenhöhe tatkräftig mitwirkt.

Gesucht wird immer nach Förderprojekten überschaubarer Größenordnung, so etwa die städtische Sanierung des Fliesenspiegels vom Haus Olbrichs, die mit Vereinsgeldern in Höhe von 10.000 Euro unterstützt wurde. Oder die Restaurierung der großen Pflanzschale von Albin Müller vor dem Lilienbecken. Oder die Rankgitter um die vier Reliefs im Platanenhain. Die Restaurierung der beiden Großplastiken „Wut“ und „Rache“ von Hoetger steht noch aus. Die Gelder stehen schon bereit dafür. 

Monitoring, damit alles ein Schmuckstück bleibt: vor dem Hoetger-Relief „Schlaf“.

Sanierung ist der eine Teil der Denkmalpflege, die Erhaltung und das Monitoring der andere. Insbesondere mit der Ernennung zum UNESCO-Weltkulturerbe gewönne dieser Aspekt auf der Mathildenhöhe an Bedeutung, so Heiss. Der Titel ist Ehre, aber eben auch Verpflichtung zugleich.

***

Nachschlag

Eigentlich gäbe es für Nikolaus Heiss momentan mit der Verleihung des UNESCO Welterbetitels an die Darmstädter Mathildenhöhe nur Grund zur Freude. Doch das Jahr 2021 hat für ihn Licht-  wie auch Schattenseiten. Noch im Oktober hat er gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Renate Charlotte Hoffmann für die Stadt Darmstadt Vorträge auf deren Welterbefeier gehalten. Doch das Verhältnis ist zurzeit ein wenig getrübt. Auslöser: Der Bildband „Weltkulturerbe Mathildenhöhe Darmstadt“, den die beiden publikationserfahrenen Experten am 4. Dezember 2021 herausgebracht haben. Die Stadt sah sich jedoch nicht ausreichend informiert und eingebunden von ihrem Berater. Nach einem Stopp der Produktion Ende November ist das fotografisch wie inhaltlich überzeugende Buch aus dem Justus von Liebig-Verlag nun auf dem Markt und verkauft sich hervorragend.

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