Zeichen setzen: Müllers Villa am Platanenhain

Sie war wirklich nicht zu übersehen: Wer in den Jahren zwischen 1911 und 1944 auf die Mathildenhöhe ging, dessen Blick auf Ausstellungsgebäude und Hochzeitsturm streifte unweigerlich diese Villa: das Haus Albin Müller. Ähnlich wie sein Vorgänger im Amt, Joseph Maria Olbrich, hatte auch Albin Müller seinen privaten Wohnsitz auf dem Gelände der Künstlerkolonie errichtet – und zwar in prominenter Lage, direkt am Eingang vor dem Platanenhain. Heute ist davon nichts mehr vorhanden: Grüne Wiese erstreckt sich dort, wo einst der Chefarchitekt und künstlerische Leiter der Mathildenhöhe residierte.

Städtebaulich war das Projekt nicht unumstritten, veränderte der Neubau, der zwischen 1911 und 1912 errichtet wurde, doch erheblich die Gesamtwirkung des Mathildenhöhe-Ensembles. Deutlich ist aber auch zu sehen, wie sehr Müller seinen Entwurf auf das dominante Ausstellungsgebäude von Olbrich abstimmte, indem er dessen langgezogene Säulenreihen für die vordere Fensterfront zitierte oder auch die Form des Pyramidendachs aufgriff. Er hatte seinen Neubau durchaus eingebunden in das Vorhandene, aber zweifelsohne ein starkes Zeichen seiner Rolle an dieser Stelle gesetzt. Gut dreißig Jahre, bis zu seinem Tod 1941, lebte Albin Müller in diesem privaten Refugium auf der Mathildenhöhe.

Haus Albin Müller (1911 – 1944) – eine stattliche Villa direkt vor dem Platanenhain.

Das Haus Albin Müller wurde 1914 nicht als Ausstellungsgebäude der Künstlerkolonie eingesetzt, wie das bei den Künstlervillen 1901 noch der Fall war. Dennoch ließ Müller Fotografien zu Dokumentations- und Werbezwecken anfertigen – so wie es auch Olbrich und Behrens zuvor taten. Sie zeigten das Haus von Außen wie Innen und sollten wohl späteren Publikationsplänen dienen, wie Sandra Bornemann Quecke , die Kuratorin der Albin Müller-Ausstellung auf der Mathildenhöhe, vermutet. Sie sind im Bestand der Universitäts – und Landesbibliothek Darmstadt und geben uns heute einen Eindruck von der Villa, die wie so vieles aus der Hand des Architekten Albin Müller im Zweiten Weltkrieg auf der Mathildenhöhe zerstört wurde. Er selbst hat dieses, glücklicherweise, nicht mehr erlebt.

Die Villa von hinten – vor der Gestaltung des Platanenhains durch Hoetger 1914.

Sein privates Domizil war ein Haus in großbürgerlich-repräsentativem Stil. Doch dieses war für Müller, der oft sehr schwere, kubische Architektur entwarf, ein außergewöhnlicher Bau. Es wirkte modern, verhältnismäßig leicht, mit klaren Linien, die insbesondere durch das nicht verputze Obergeschoss die Horizontale betonten. Mit seinen ausgewogenen Proportionen war es für manche sogar ein „Musterbau der zeitgenössischen Villa“.

Es hatte zwei deutlich voneinander unterscheidbare Baukörper: einen quadratischen, zweigeschossigen Hauptbau mit einem Spitzdach sowie einen eingeschossigen Anbau mit Flachdach. Auf dem befand sich sich eine luftige Dachterrasse mit vielen Pfeilern, die sich mit weißen Vorhängen blickdicht schließen ließ.

Der Zugang ins Haus erfolgte über einen über eine Treppe erreichbaren Windfang, der zum einen von ganz praktischem Nutzen war, aber auch eine Art Begrüßung und Visitenkarte des Hausherrn darstellte. Während Olbrich in seiner eigenen Jugendstilvilla durch viel Farbigkeit auffiel, sind es bei Müller eher die Töne schwarz und crèmeweiß, die zu kontrastreichen Mustern gefügt werden – wie beispielsweise beim Bodenbelag, der in einem Quadratmuster verlegt ist. Dieses Muster wird auch an der Kassettendecke mit seinen tiefschwarzen Quadraten aufgegriffen.

Programmatisch: Windfang und Eingang in das Haus Albin Müller.

Müller hat wie Olbrich mit seinen berühmten blau-weißen Fliesenspiegel auch für sein Privathaus ein Fliesendesign entwickelt, das sehr stilbildend ist: In der Mitte befindet sich ein großes Quadrat, in schwarz oder weiß. Dieses ist umgeben von einem Fries aus hellen Kreisen, in denen sich wiederum ein an den Ecken gezogenes dunkles Quadrat befindet. Diese Fliesen setzte er in anderer Kombination auch für den Bodenbelag seiner Dachterrasse ein.

Das Leitmotiv von Quadrat und Kreis variierte er an verschiedenen Stellen des Hauses: Es findet sich etwa im Fenstergitter an der Zwischentür des Windfangs: Auch hier befindet sich ein Quadrat in der Mitte umgeben von einem größeren Kreis. Doch die Ecken dieses Quadrats sind dieses Mal ganz lang zu Diagonalen gezogen, die bis in die Ecken des ebenfalls quadratischen Glasfensters reichen. Wenn man genau hinguckt, entdeckt man dieses Motiv der Diagonalen im Kreis auch im rückwärtigen Gartenzaun wieder.

Während Windfang und Dachterrasse einer künstlerischen Leitidee folgten, war das Innere der Müllerschen Villa ohne eine verbindende Gestaltung ausgeführt. Die Räume waren allerdings ausgestattet mit exquisiten Möbeln und Dekorationsobjekten, vieles eigene Entwürfe aus der umfangreichen Raumkunst-Kollektion des Hausherrn. Als Schmuckfarbe wurde häufig auch Gold eingesetzt. So war der Farbklang im Haus in einigen Bereichen auch dem ähnlich, der zur Ausstellung von 1908 das Erscheinungsbild der Künstlerkolonie prägte: Schwarz-Weiß-Gold. Zu sehen etwa auf dem Ausstellungsplakat, in dem Künstlerbuch Esther von Friedrich Wilhelm Kleukens, aber auch im Entwurf einer Porzellanvase von Albin Müller aus dem Jahr 1909, die dieser in zweifacher Ausführung auf einem Zierschrank seines Arbeitszimmers präsentierte.

Das Sternenkreuz im Kreis wie auch der Dreiklang aus Schwarz-Weiß-Gold fanden sich bei Albin Müller geradezu idealtypisch wieder in einem recht profanen Gegenstand des Alltags: einem Tischtusch aus Leinen, das er um 1910 entworfen hat. Es zeigt kunstvolle, geometrische Jugendstil-Stickereien in Schwarz und Gold auf einem weißen Tuch. Das Leinentuch schmückte den Tisch seiner Dachterrasse, doch folgte konzeptionell dem, was eine Etage tiefer im Windfang bereits angelegt war.

***

Literaturhinweise: Bornemann-Quecke, Sandra: Kommunikation, Vermittlung, Positionierung. Albin Müllers Werk im Spiegel seiner Publikationen In: Gutbrod, Philipp und Bornemann-Quecke, Sandra (Hrsg.) albinmüller3 – Architekt, Gestalter, Lehrer. Ausstellungskatalog der Mathiledenhöhe Darmstadt, Justus von Liebig Verlag, 2021, hier Seite 72 – 81.

Stadt Darmstadt, Kulturverwaltung und Hochbau- und Maschinenamt: Mathildenhöhe Darmstadt. 100 Jahre Planen und Bauen für die Stadtkrone 1899-1999, Band 1: Die Mathildenhöhe – ein Jahrhundertwerk, Darmstadt, 1999, 2. Auflage, 2004, hier S. 46 – 51.

Bildhinweise: Die historischen Aufnahmen vom Albin Müller Haus befinden sich in der Universtäts- und Landesbibliothek Darmstadt. Sie wurden im Ausstellungskatalog zu albinmüller3 von 2021 abgebildet und für diesen Artikel abfotografiert. Das Tischtuch ist ein Pressefoto vom Institut Mathildenhöhe Darmstadt, das Titelbild eigenes Bildmaterial.

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