Kleine Meisterwerke gebaut aus Buchstaben: Die Ernst Ludwig-Presse

Von allen Initiativen und Gründungen rund um die Künstlerkolonie an der Mathildenhöhe hatte diese am längsten Bestand: die Ernst Ludwig-Presse. Die Künstlerkolonie war schon lange Geschichte, der Großherzog auch bereits verstorben, aber sie druckte weiter: Ganze 37 Jahre lang bis 1944. Auch wenn das ab 1927 in Mainz geschah und nicht mehr in Darmstadt, wo sie im Oktober 1907 als eine der ersten Privatdruckereien in Deutschland und als die einzige in fürstlicher Hand von ihrem Namensgeber Großherzog Ernst Ludwig gegründet worden war.

Die ehemaligen Räume der Ernst Ludwig-Presse kann man immer noch sehen. Denn die Werkstatt wurde im Westflügel des Ateliergebäudes, dem heutigen Museum Künstlerkolonie, im Untergeschoss eingerichtet. Sie liegt einem quasi zu Füßen beim Flanieren.

Das Inventar der Druckerei ist auch wieder zurückgekommen auf die Mathildenhöhe: Die Stadt hat 2018 eine der größten privaten historischen Sammlungen Darmstadts für einen Kaufpreis von 600.000 Euro erworben, und damit auch das sogenannte Kleukens Archiv, das nahezu den kompletten Nachlass der Ernst Ludwig-Presse umfasst sowie 800 bibliophile Schätze. Am Institut Mathildenhöhe wird alles zur Zeit gründlich Stück für Stück inventarisiert, von den Büchern über die Druckpresse und -platten bis zu den unzähligen Druckerzeugnissen, die in der legendären Werkstatt erstellt wurden: Einladungen, Tisch- und Menükarten für den Darmstädter Hof, Urkunden, Konzertprogramme, Plakate, Werbemittel und nicht zuletzt 150 originale Zeichnungen und Aquarelle von Friedrich Wilhelm Kleukens, dem begnadeten Illustrator und erstem Leiter der Ernst Ludwig-Presse.

Dessen Handschrift ist auch den ersten Büchern der Ernst Ludwig-Presse deutlich anzusehen, die für viele Jahre in Kooperation mit dem für den Vertrieb zuständigen Leipziger Insel-Verlag entstanden. Verlagschef Anton Kippenberg hielt sich anfangs aus gestalterischen Fragen heraus und überließ dies Kleukens, der seit 1906 Mitglied der Künstlerkolonie war, und seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Christian Heinrich, den er als technischen Leiter für Satz und Druck zu sich nach Darmstadt geholt hatte. Beide Kleukens-Brüder gaben parallel auch dem Nachwuchs an den gerade ebenfalls vom Großherzog gegründeten „Lehr-Ateliers für Angewandte Kunst“ Unterricht – der ältere seit April 1907 als Professor, der jüngere als Assistent.

Das allererste Buch der Ernst Ludwig-Presse war ein Bibeltext: „Esther“ (1908). Fachleute zählten diesen Band mit seiner prächtigen Doppelseite schon früh „zu den schönsten und künstlerisch kräftigsten jener Zeit.“ (Konrad F. Bauer, 1929). Es erinnert stilistisch sehr an das berühmte Plakat für die Hessische Landesausstellung 1908 auf der Mathildenhöhe, das fast zeitgleich von Friedrich Wilhelm Kleukens entworfen wurde. Auch bei Buch zwei und drei der Ernst Ludwig-Presse, Goethes „Hermann und Dorothea“ (1908) sowie Heines „Die Nordsee“ (1909), arbeitete er mit viel Schwarz und Gold, bei der Gestaltung von Titelseiten ebenso wie bei den Initialien im Text.

Dem vielen Gold wurde Kippenberg wohl mit der Zeit überdrüssig. denn für das vierte Buch, „Helena’s Heimkehr“ (1909) nach einer Übersetzung von Stefan Zweig, formuliert er sehr deutlich seine Wünsche die Gestaltung betreffend: „Ich möchte vorschlagen, den Titel zur Helena ganz einfach zu halten, möglichst ohne alles Ornamentale, jedenfalls ohne figürliche Ornamente, und wenn überhaupt, nicht zu viel Gold für den Titel zu verwenden. Man sieht sich dieses viele Gold in den Büchern leicht über.“

Die edle Gestaltung kam in der Fachwelt dagegen ausgesprochen gut an: Schon drei Jahre nach ihrer Gründung erhielt die Darmstädter Ernst Ludwig-Presse den Grand Prix der Weltausstellung 1910 in Brüssel.

Wechselspiele: Zwischen Illustration und Typografie

Eine immer stärkere Rolle bei der Buchgestaltung spielte in der Zunft die Typografie, der Text in wohl gesetzten und den Inhalt unterstreichenden Lettern. Die Illustration trat in ihrer Bedeutung allgemein zurück. Für die Druckerei des Großherzogs entwickelte Friedrich Wilhelm eine Reihe neuer Schrifttypen wie die Kleukens-Antiqua, die Kleukens-Fraktur, die Ingeborg– und die Helga-Antiqua (benannt nach seinen Töchtern) und die Gotische Antiqua.

Verleger Kippenberg und künstlerischer Leiter Kleukens wurden sich zusehends uneiniger. Der eine dachte in Auflagen und Verkauf, der andere an aufwändig gestaltete Bücher mit vielen Illustrationen. Beide passten, auch was Geschmack und Vorlieben im Stil anging, immer weniger zusammen. Als Gestalter tauchen neben Kleukens nun auch andere Namen auf: Den Auftrag etwa für die Illustration des „Datterich“ (1913) erhielt Emil Preetorius. Der grüne Einband für das „Buch Ruth“ (1914) stammte von Henry van der Velde in der Kunstgewerbeschule Weimar, dem Vorläufer des Bauhauses.

Auch sein Bruder Christian Heinrich war sich nicht immer einig mit Kippenberg, suchte nach Wegen zu größerer Unabhängigkeit vom Verlag, an den man bis 1916 vertraglich exklusiv gebunden war. Doch war er nicht nur ein technisch versierter Fachmann des Buchdrucks, sondern selbst auch als Schriftsteller tätig. Somit war er inhaltlich stärker involviert in das Buchprogramm und wurde zunehmend zum literarischen Berater des Verlegers. Die Rollen der Brüder hatten sich mit einmal verkehrt.

Friedrich Wilhelm Kleukens legte wegen der zunehmenden Spannungen Ende Februar 2014 sein Amt als Leiter der Ernst Ludwig-Presse nieder. Bruder Christian Heinrich wurde zum Mitglied der Künstlerkolonie Darmstadt ernannt und übernahm die Gesamtleitung der großherzoglichen Druckerei.

Die Ernst Ludwig-Presse während und nach dem 1. Weltkrieg

Durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 2014 war jedoch bald Schluss. Beide Kleukens wurden eingezogen, die Druckerpressen auf der Mathildenhöhe standen still. 1917 wurde ein Pachtvertrag mit dem Leipziger Verleger Kurt Wolff geschlossen, verbunden mit der Hoffnung, dass dieser seinen Verlag nach Darmstadt verlegen werde. Nach zehn Jahren begann damit eine neue Zeitrechnung für die Ernst Ludwig-Presse. Die Künstlerkolonie hatte sich im Krieg von selbst aufgelöst, ausgelaufen die Anstellungsverträge mit dem Großherzog, der seit November 1918 auch nicht mehr herrschte im Land.

Christian Heinrich Kleukens gründete 1919 seine eigene Druckerei: die Kleukens-Presse, deren Werkstatt er in seinem Wohnort Trautheim einrichtete. Sie gab in den folgenden Jahren über den Frankfurter Verlag Tiedemann & Uzielli zwölf Bücher heraus. Für die Wolff’sche Ernst Ludwig-Presse druckte er von 1920 -1922 die „Stundenbüchlein“, zehn kleinere Bände mit Lyrik bekannter Autoren. Wolff zog 1922 schließlich mit seinem Verlag nach München. 1923 übernahm Kleukens wieder und diesesmal endgültig die Leitung der Ernst Ludwig-Presse in Darmstadt. Zu seinen herausragenden Leistungen dieser Zeit gehört die Produktion einer Faust-Ausgabe in drei Bänden. 1926 wurde Christian Heinrich Kleukens mit dem Georg Büchner-Preis der Stadt Darmstadt geehrt für „sein bahnbrechendes und weithin wertstiftendes Schaffen im Dienste des Schönen Buches“.

Ende 1927 endete für die Ernst Ludwig-Presse die Darmstädter Zeit. Christian Heinrich Kleukens wurde Leiter der neu gegründeten Mainzer Presse und Professor der ebenfalls neu errichteten Meisterschule für Buchdruck. Die Ernst Ludwig-Presse nahm er mit nach Rheinland-Pfalz, doch dort erreichte sie nie mehr die Bedeutung wie zuvor. Es erschienen nur noch selten Bücher und die letzten Jahre bis zum Ende 1944 wenige Drucke von geringem Umfang und niedriger Auflage.

Eine Bilanz

Insgesamt wurden in der Ernst Ludwig-Presse in den fast vierzig Jahren ihres Bestehens 185 Werke gedruckt, vom Künstlerbuch der Anfänge bis zum Literaturklassiker in tausender Auflage. Auch wenn der jüngere der Kleukens-Brüder, Christian Heinrich, sie mit 25 Jahren deutlich länger leitete, hat sie ihren Höhepunkt unter dem älteren, Friedrich Wilhelm Kleukens, in den ersten sieben Jahren an der Darmstädter Künstlerkolonie erlebt.

Nach dem Tod des Großherzogs 1937 war ein Erinnerungsbuch der Ernst Ludwig-Presse geplant. Das wurde letztendlich nicht realisiert.

Dafür existiert aber eine Bibliogaphie von Christian Heinrich Kleukens. In „Dreissig Jahre Ernst Ludwig-Presse“ zieht er 1937 zum Jubiläum Bilanz. Gedruckt wurde der Band natürlich in der Druckerei, die der Großherzog 1907 gründete und die seinen Namen immer noch trug: die Ernst Ludwig-Presse.

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Nachschlag

Christian Heinrich Kleukens hat heute Geburtstag. Vor 140 Jahren wurde er am 7. März 1880 in Achim bei Bremen geboren. Vielleicht würde man ihn und den heutigen Tag auch ein wenig öffentlicher würdigen, seine vielen Auszeichnungen, besonders auch den Preis der Gutenbergstadt Mainz und die Gutenberg-Medaille, die er 1940 zur 500-Jahr-Feier der Erfindung des Buchdrucks erhielt. Doch dazu waren die letzten Jahre seiner Karriere in Mainz dann doch zu sehr überschattet vom Nationalsozialismus, in der er mehr als nur ein Mitläufer war, wie sich bei einer Überprüfung der Stadt Darmstadt für neue Straßennamen 2019 herausstellte. Das sollte jedoch nicht den Blick auf sein künstlerisches Werk der frühen Jahre trüben, als er mit 27 Jahren an die Darmstädter Künstlerkolonie kam. Da war er ein reformbewegter Mann, der Tiere und besonders Fabeln liebte, die er zeitlebens sammeln, veröffentlichen und selbst schreiben sollte.

Von dieser Zeit zeugt sein kleines, idyllisches Junggesellenhaus aus Bruchstein, das er sich 1911 mit 31 Jahren ganz im Grünen vor den Toren Darmstadts errichtete. Es war das erste reine Wohngebäude der Gartenstadt und späteren Villenkolonie Trautheim, als deren Gründervater er gilt. Das Eingangsportal mit der blauen Keramik empfängt den Besucher heute genau so wie damals Christian Heinrich Kleukens, wenn er von der Arbeit im Ateliergebäude der Künstlerkolonie Darmstadt nach Hause kam.

CH Kleukens Trautheim Eingang


Viel Hintergrund und Informationen zur Ernst Ludwig-Presse und seinen prägenden Figuren finden sich in einem schmalen Spezialband, der in der Hessischen Landes- und Hochschulbibiliothek Darmstadt ausleihbar ist. Aus ihm stammen auch die antiquarischen Buchabbildungen, die abfotografiert und bearbeitet diesen Artikel illustrieren:

Aus der Sammlung Barbara Achilles-Stiftung (Hrsg.): Die Pressen der Brüder Kleukens. Mit einem bio-bibliographischen Abriss von Theo Neteler, Verband Deutscher Antiquare e.V., Stuttgart 2015

Ganz tief ins Detail, in das Leben und die Werke von Friedrich Wilhelm und Christian Heinrich Kleukens, geht das online verfügbare Nachschlagewerk des Kleukens Archiv, das der Darmstädter Harald Ernstberger in jahrzehntelanger Arbeit aufgebaut hat.

Für den schnellen Überblick empfielt sich wie immer das Stadtlexikon Darmstadt in seiner gedruckten oder Online-Ausgabe unter den Stichworten Ernst Ludwig-Presse Kleukens, Christian Heinrich und Kleukens, Friedrich Wilhelm mit Beiträgen von Harald Ernstberger.


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