Dazwischen in der Nische: Bildhauer Heinrich Jobst

Die Arbeiten von Heinrich Jobst für Bad Nauheim entstanden in engem Zusammenhang mit der in Darmstadt präsentierten Hessischen Landesausstellung für Freie und Angewandte Kunst von 1908. Obwohl er von 1907 bis zu ihrer Fertigstellung 1911 viel Zeit in dem Kurort mit den gesunden Sprudeln verbrachte, blieb Darmstadt und die Mathildenhöhe für ihn stets der Lebensmittelpunkt. Seine Werkstatt befand sich in dem Bildhaueranbau, um den das Ateliergebäude der Künstlerkolonie 1904 erweitert wurde. In den für seine Disziplin optimal ausgestatteten Räumen hat er über mehr als drei Jahrzehnte seine Modelle und Abgüsse für zahllose Medaillen und Büsten prominenter Zeitgenossen, für seine vielen Reliefs, Plastiken, Denkmäler und Brunnen angefertigt.

Über dem Eingang zum achteckigen Turmgebäude, dem „Oktogon“, das den oberen Abschluss der Bildhauerateliers bildet und in dem sich heute der Shop des Museum Künstlerkolonie befindet, ist eine seiner frühen Arbeiten von 1904 zu sehen, die er wohl von München nach Darmstadt mitbrachte: Das quadratische Relief wurde eingepasst in den rechteckigen Raum, der über dem Türrahmen zu füllen war. Es zeigt Apollo, wie er der von ihm begehrten Daphne nachstellt, die sich flugs in einen Lorbeerbaum verwandelt, um ihm zu entkommen.

Dazwischen in der Nische: Bildhauer Heinrich Jobst weiterlesen

Heinrich Jobst oder drei Bayern in Bad Nauheim

Fast jeder Künstler, der zur Ausstellung von 1908 Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie war, hat sich an des Großherzogs großem Bauprojekt dieser Jahre beteiligt: den neuen Kuranlagen von Bad Nauheim. Ernst Ludwig hatte zum Leiter der eigens dafür geschaffenen Baubehörde den in Darmstadt geborenen und an der Technischen Hochschule ausgebildeten jungen Architekten Wilhelm Jost benannt. Dieser schuf zwischen 1905 und 1911 mit dem „Sprudelhof“ und der Trinkkuranlage in Bad Nauheim ein einmaliges Ensemble, das basierend auf Vorbildern der Renaissance und des Barock durch die Elemente des Darmstädter Jugendstils späterer Ausprägung seine ganz eigene Architektursprache fand.

Es entstand wie schon in Darmstadt auf der Mathildenhöhe auch in Bad Nauheim ein Gesamtkunstwerk, zu dem mit dem Bildhauer Heinrich Jobst, dem Keramiker Jakob Julius Scharvogel, dem Schmiedekünstler Ernst Riegel, dem Glasmaler Friedrich W. Kleukens und dem Gestalter Albin Müller gleich fünf der sieben großen Namen der Künstlerkolonie von 1908 beitrugen und das gestalteten, was bis heute ein architektonisches Juwel darstellt. Jobst hat dabei im „Sprudelhof“ seine Akzente gesetzt, mit den Arbeiten für die Badehäuser 2 und 7, mit dem Hessischen Löwen aus Bronze, vor allen Dingen aber mit der Einfassung der Sprudel im zentralen Innenhof der Anlage, darunter der „Große Sprudel“ von Bad Nauheim. Hier hat er sich mit seinem Entwurf im Wettbewerb sogar gegen den leitenden Architekten Jost durchsetzen können.

Heinrich Jobst oder drei Bayern in Bad Nauheim weiterlesen

Gruppenbild mit Raubtier: die Familie Jobst heute

Das Künstler-Gen hat er anscheinend nicht weitergegeben: Unter seinen Nachfahren hat keiner mehr den Weg eines Bildhauers eingeschlagen. Das war bei ihm noch anders. Heinrich Jobst selbst war Sohn eines Steinmetzes, als er am 6. Oktober 1874 im bayerischen Schönlind nördlich von Regensburg auf die Welt kam. Jung, direkt nach der Schulzeit trat er mit 14 Jahren in die Fußstapfen seines Vaters, wurde zunächst Steinmetz und anschließend an der Münchner Kunstakademie zum Bildhauer ausgebildet. Spät, erst mit 50 Jahren, hat er am 19. November 1924 geheiratet, eine Frau, die erheblich jünger war als er. Der Altersunterschied zwischen ihm und Felicitas Jobst betrug 22 Jahre. Mit ihr bekam er im fortgeschrittenen Alter noch vier Kinder, eine Tochter und drei Söhne.

Zu seinem 150. Geburtstag sind auf diesem Bild vom 6. Oktober 2024 gleich drei Generationen Jobst zu sehen: die beiden Töchter seines Sohnes Heinz, die Enkelinnen Beate Jobst (ganz links) und Sabine Deuker geborene Jobst (ganz rechts), sowie deren Tochter, die Urenkelin Marina mit der Ururenkelin Nora auf dem Schoß. Enkel Steffen Jobst, ebenfalls beim Geburtstagstreffen in Bad Nauheim dabei, stammt aus der Linie seines jüngsten Sohnes Wolfgang. Insgesamt können sich 4 Kinder, 9 Enkel, 8 Urenkel sowie 2 Ururenkel zu seinen Nachfahren zählen.

Gruppenbild mit Raubtier: die Familie Jobst heute weiterlesen

Tierisch erotisch: Der Keramikhof im Badehaus

Es ist das letzte Badehaus im Rund der Arkaden: die Nummer 7 im Sprudelhof der historischen Badeanlage von Bad Nauheim. In der luxuriös ausgestatteten Wartehalle empfängt einen noch die Formenstrenge des Art Deco, doch gleich dahinter beginnt ein lustvolles Spielen und Treiben. Denn im Keramikhof von Heinrich Jobst springen Frösche über Bänke, tummeln sich Fische, kriechen Seeschlangen, und ein Brunnen mit nackten Nixen in anregenden Posen steigert das bukolische Lebensgefühl dieses ganz besonderen Badeorts. Für den Bildhauer der Künstlerkolonie Darmstadt war dieses 1907 sein erstes großes Projekt für Großherzog Ernst Ludwig, der ihn als Nachfolger von Ludwig Habich kurz zuvor an die Mathildenhöhe berufen hatte. Er war jung, 32 Jahre alt und sprühte vor Fantasie und Einfallsreichtum.

Sehr inspirierend hat auf ihn wohl eine Italienreise gewirkt, auf die ihn der Großherzog gleich zu Beginn schickte. Zusammen mit dem leitenden Architekten der Bad Nauheimer Anlage, Wilhelm Jost, und seinem Darmstädter Kollegen, dem Keramiker Jakob Julius Scharvogel, reiste er in den Süden. Ihr Auftrag: Anregungen für die Gestaltung und Ausschmückung der im Bau befindlichen Badeanlagen zu gewinnen. Der ganz in Terrakotta gestaltete Innenhof ist das sichtbare Ergebnis dieser italienischen Eindrücke.

Tierisch erotisch: Der Keramikhof im Badehaus weiterlesen

Eine richtig runde Sache zum runden Geburtstag!

***

Let’s Celebrate! Jubiläum: 150 Jahre Heinrich Jobst

Am Hochzeitsturm: feinste Bildhauerarbeit von Heinrich Jobst (1874 – 1943).

Der Bildhauer und Medailleur Heinrich Jobst feiert heute seinen 150. Geburtstag. Am 6. Oktober 1874 wurde er als Sohn eines Steinmetzes in einem Dorf in Nordbayern geboren. 1906 wurde er als Nachfolger von Ludwig Habich nach Darmstadt an die Künstlerkolonie berufen. Er hat sowohl für die 3. Ausstellung auf der Mathildenhöhe von 1908 als auch für die letzte von 1914 bedeutende Beiträge geleistet. Sein bekanntestes und sichtbarstes Werk ist das großformatige Relief über dem Eingang des Hochzeitsturms, dem Wahrzeichen der Stadt Darmstadt. Im Rosenhof, der sich früher in der Mitte der einst dreiflügeligen Anlage des Ausstellungsgebäudes befand, stand einst sein großer Löwe aus Bronze, so prächtig und mächtig wie die bekanntesten Raubtiere von Jobst: die zwei Löwen vor dem Landesmuseum in Darmstadt. Der „Schreitende Löwe“ aus dem Rosenhof ist später umgezogen und heute in Bad Nauheim zu bewundern. Denn bei der Gestaltung der Jugendstilanlage und deren berühmten „Sprudelhof“ hat Jobst ganz besondere Akzente gesetzt. Es gibt keinen besseren Ort in Deutschland, um einen Einblick in die ganze Vielseitigkeit dieses Ausnahmekünstlers zu erhalten.

Freuen Sie sich auf ein „Bad Nauheim“-Spezial von 23 Quer!

Morgen geht*s los!

Gedenkmedaille von Gewicht: Für die Generationen nach uns

Ein historischer Moment war es wahrlich, als Darmstadts Oberbürgermeister Hanno Benz bei strahlender Abendsonne das Ausstellungsgebäude auf der Mathildenhöhe am 20. September 2024 für wiedereröffnet erklärte. Einer, der festgehalten wurde, nicht nur auf unzähligen Smartphones und mit vielen Kameras, sondern auch ganz real, physisch fassbar, anfassbar. Denn von dem Großereignis wird zukünftigen Generationen auch eine Gedenkmedaille berichten. Das hat Tradition an diesem Ort, an dem die Medaillenkunst schon immer einen ganz besonderen Ruf genoss, an dem Großherzog Ernst Ludwig einst bestimmte, dass „immer eine namhafter Vertreter der Medaillenkunst Mitglied der Künstlerkolonie sein muss.“ Die Gedenkmedaillen zu den vier historischen Ausstellungen von 1901, 1904, 1908 und 1914 sind auf der Aussichtsplattform im Hochzeitsturm ausgestellt. Von den Mitgliedern der Künstlerkolonie sind insbesondere Rudolf Bosselt, Daniel Greiner, Paul Haustein und Heinrich Jobst als Medailleure hervorzuheben.

Das jüngste Exemplar zur Ausstellungseröffnung von 2024 wurde von der Schweizer Bildhauerin und Medailleurin Maya Graber gestaltet und hat ein ordentliches Gewicht: Fast ein Pfund schwer – genau 450 Gramm – ist die 10,5 mal 10,5 Zentimeter große Gedenkmedaille. Gefertigt ist sie aus dem silbrig grau schimmernden Schwermetall Wismut, und zeigt auf der Vorderseite das sanierte Ausstellungsgebäude sowie auf der Rückseite den Architekten Joseph M. Olbrich. Sie ist in einer Auflage von 50 Stück erschienen und wird zu einem Preis von 80,- € zzgl. Versand herausgegeben. Zu bestellen ist die Gedenkmedaille im Verkaufsshop im Hochzeitsturm, im Shop des Museum Mathildenhöhe, im Info-Point von Darmstadt Marketing am Luisenplatz sowie direkt über die Münzfreunde Darmstadt.

***

Welterbefest: Ganz großes und ein ganz kleines Kino

Es war ganz großes Kino, was die Stadt Darmstadt mit dem Welterbefest Mathildenhöhe auf die Beine gestellt hat. Richtig begeistert war 23 Quer aber auch von einem ganz kleinen vor dem Eingang zum Hochzeitsturm: dem „Hoetger Kino“. Ein weißer Pavillon von drei mal drei Metern, darin ein paar Stühle und ein Bildschirm. Zu sehen gab es eine Filmpremiere der besonderen Art: die „Hoetger Geheimnisse erzählt von Dr. Tino Wehner“. Ein kleines Filmjuwel, produziert vom Förderkreis Hochzeitsturm, das mit vielen Geschichten und Details zur Entstehung der Skulpturen im Platanenhain zu überraschen weiß.

Welterbefest: Ganz großes und ein ganz kleines Kino weiterlesen

Ausgebombt!

Ludwig Habichs letzte Jahre

Von den acht Künstlervillen auf der Mathildenhöhe war das „Haus Habich“ im Herbst 1944 das einzige, das noch von seinem namensgebenden Künstler bewohnt war. Während Peter Behrens Darmstadt schon 1902 verließ, Joseph M. Olbrich im Sommer 1908 plötzlich verstarb und Hans Christiansen 1911 gemeinsam mit seiner Frau nach Wiesbaden übersiedelte, war der Bildhauer Ludwig Habich der einzige Künstler aus den Reihen der ersten Generation der Künstlerkolonie, der noch lebte und am Alexandraweg 27 seinen Wohnsitz hatte. Dort, in seiner Jugendstilvilla, wäre der 72jährige sicherlich auch noch bis zu seinem Lebensende wohnen geblieben, wenn sich in der Nacht vom 11. auf den 12. September 1944 sein Leben nicht auf einen Schlag dramatisch geändert hätte.

Ludwig Habich und seine Frau Sophie haben die „Brandnacht“, die vor heute genau achtzig Jahren rund neunzig Prozent der Innenstadt zerstörte und 11.000 Darmstädtern den Tod brachte, überlebt. Doch innerhalb weniger Minuten war der berühmte Bildhauer, Professor und Villenbesitzer obdach- und mittellos, auf der Flucht hinaus aus der brennenden Stadt. Noch in der Nacht flieht er um 4 Uhr nur mit dem Nachthemd bekleidet nach Traisa, wo er zunächst bei einem alleinstehenden Bekannten Zuflucht findet. Von dort schreibt er gut einen Monat später, am 10. Oktober 1944, eine Postkarte:

Peter Weyrauch, der Nachlassverwalter der Familie Habich, hat noch in den Trümmern des „Haus Habich“ persönlich gegraben und das Leben des Künstlers später wissenschaftlich aufbereitet. In seiner Biographie „Der Bildhauer Ludwig Habich“ finden sich sehr lesenswerte Passagen über das Schicksal Habichs und seiner Familie nach dem Bombardement der Mathildenhöhe. Vor allen Dingen die originalen Briefe und Schriftstücke Habichs geben eindrucksvolle Einblicke in den harten Alltag und die Gefühlswelt des ausgebombten Künstlers.

Ausgebombt! Ludwig Habichs letzte Jahre weiterlesen

Danke, Heidi Kriegbaum!

Spenden, die waren schon Anfang des 20. Jahrhunderts ein wichtiger Baustein um große Kunst zum Leben zu erwecken auf der Mathildenhöhe. Angefangen beim Großherzog Ernst Ludwig, dem Initiator und Geldgeber dieses ambitionierten Projekts, bis zur künstlerischen Ausgestaltung des Platanenhains für die Ausstellung von 1914, die durch Spenden von Kunstfreunden aus Frankfurt und Wuppertal-Elberfeld finanziert wurde. Eine Tradition, die sich bis in unsere Tage erhalten hat. Die Spendenkultur auf der Mathildenhöhe ist ungebrochen! Die Sanierung vieler Objekte auf dem Gelände der UNESCO-Welterbestätte, das ein einzigartiges Ensemble aus Architektur, Skulpturen und Gärten bildet, wurden mit der finanziellen Hilfe und Unterstützung einzelner Menschen und Institutionen realisiert. Dafür wollen wir ihnen mit dieser neuen Rubrik einmal „Danke“ sagen.

Den Anfang macht Heidi Kriegbaum, die schon seit rund 50 Jahren Führungen zu und durch Darmstadt konzipiert und anbietet, und sich außerdem seit langem beim Verein Freunde der Mathildenhöhe engagiert, in dessen Vorstand sie auch noch mit über achtzig Jahren als Beirätin aktiv ist. Auch räumlich ist sie der Mathildenhöhe ganz nah: Mit ihrer Penthouse-Wohnung im obersten Stockwerk des Neufert-Baus in der Pützerstraße hat sie den Logenplatz schlechthin und einen der atemberaubendsten Ausblicke auf den magischen Hügel.

Heidi Kriegbaum im Sommer 2024 am großen Blumenpokal von Albinmüller: Dank ihrer großzügigen Spende konnte 2019 diese auffallende Bildhauerarbeit am Rande des Lilienbeckens saniert werden. Seitdem läuft kein Wasser mehr an der Seite des Steinkübels heraus. Denn das war Heidi Kriegbaum bei einer ihrer Führungen über das Mathildenhöhengelände aufgefallen. Hier wollte und konnte sie ganz konkret Abhilfe schaffen. Auch wenn sie keinen besonderen Bezug zum zweiten Leiter der Künstlerkolonie Darmstadt, dem Architekten und Gestalter Albinmüller, gehabt habe, so Kriegbaum. Aber die Form und Gestalt der Vase haben ihr schon immer gefallen. Am Ende beliefen sich die Kosten auf rund 13.000 Euro, die sie komplett übernahm.
Danke, Heidi Kriegbaum!

***

3 Jahre UNESCO Welterbe, 125 Jahre Künstlerkolonie

Der Juli ist spätestens seit der Auszeichnung zum UNESCO Weltkulturerbe am 24. Juli 2021 ein besonderer Monat für die Mathildenhöhe Darmstadt und ihre Künstlerkolonie. Drei Jahre ist der große Tag mittlerweile her als das Ensemble aus Architektur, Gartenanlagen und Skulpturen offiziell aufgenommen wurde in die Liste der UNESCO Welterbestätten, damals die insgesamt 48. für Deutschland. Ein bedeutender Tag für die Mathildenhöhe und Darmstadt. Ein Juli war es auch als die vier ersten Künstler der Künstlerkolonie Darmstadt ihre Arbeit vor Ort begannen: Genau am 1.7.1899 fingen Hans Christiansen, Rudolph Bosselt, Patriz Huber und Paul Bürck in Darmstadt an. Zwei Monate später, im September 1899, stießen Ludwig Habich, Peter Behrens und schließlich auch der architektonische und künstlerischer Leiter, Joseph M. Olbrich, zur Gruppe. Die legendären Sieben der ersten Generation waren komplett und starteten das ambitionierte künstlerische Projekt, mit dem sie Großherzog Ernst Ludwig beauftragt hatte. 125 Jahre Künstlerkolonie – das ist definitiv in 2024 auch ein Grund zu feiern.

Aus Anlass dieses Jubiläums stellt 23 Quer sie Ihnen nochmals vor. Wer waren die kreativen Köpfe? Was für ein Gebilde war sie eigentlich genau, die „Künstlerkolonie Darmstadt auf der Mathildenhöhe?“

3 Jahre UNESCO Welterbe, 125 Jahre Künstlerkolonie weiterlesen

Olbrichs Erfindung: Ein Flügel mit acht Ecken

Der Gestaltungwille der Künstlerkolonie Darmstadt umfasste viele Bereiche des Lebens und machte auch vor der Musik nicht halt. Insbesondere reizte der Flügel als ein Musikinstrument, das viel Fläche für ornamentalen Schmuck bietet, zur künstlerischen Bearbeitung. War ein Flügel doch integraler Bestandteil der Wohnkultur großbürgerlicher Kreise, gehörte ein repräsentatives Musikzimmer zur Ausstattung eines jeden kunstbeflissenen Hauses. Ein solches besaß selbstverständlich auch Großherzog Ernst Ludwig in seinem Neuen Palais, das sich ehemals auf dem heutigen Georg-Büchner-Platz vor dem Staatstheater befand. Dort stand ab 1906 ein ganz besonderes Tasteninstrument: der „Olbrich-Mand-Flügel“. Erstmals öffentlich vorgestellt wurde er zur ersten Ausstellung der Künstlerkolonie von 1901 auf der Mathildenhöhe.

Eigentlich ist dieser spezielle Flügeltyp gar kein richtiger Flügel, denn ihm fehlt die charakteristische Flügelform, die dem Instrument überhaupt erst seinen Namen gegeben hat. Dieser Flügel hat acht Ecken und ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit von Joseph Maria Olbrich mit der vielfach prämierten Klavierbaufirma Mand aus Koblenz. Für die technische Innovation und die neue achteckige Form wurde vom Hersteller sogar ein Patent angemeldet.

Olbrichs Erfindung: Ein Flügel mit acht Ecken weiterlesen

Was wäre das Ausstellungsgebäude auf der Mathildenhöhe ohne seinen Rahmen, ohne die vielen bepflanzten Pergolen aus Gussbeton, die alles mit wunderbarem Grün umkränzen? Schon die ersten Grundrisszeichnungen von Joseph M. Olbrich zeigen einen Bau, der bereits 1908 von einem Raster aus unzähligen Pergolen-Quadraten komplett eingefasst ist. An einigen Stellen sind diese sogar mehrgeschossig angelegt, so dass Wein und Rosen wie Kaskaden am Gerüst aus Beton hinabranken können. Die Verschmelzung von Architektur und Natur – hier am Fuße des Ausstellungshügels ist sie nun nach langjähriger Sanierung wieder zu bewundern.

Kaskaden aus wildem Wein und roten Rosen weiterlesen

UNESCO Welterbetag- What a Wonderful Day!

Am deutschen Welterbetag, den die UNESCO 2024 am Sonntag, den 2. Juni, feierte, war die Mathildenhöhe Darmstadt als eine von insgesamt 52 Welterbestätten des Landes mit von der Partie – und alle ihre Freunde und Förderer selbstverständlich auch!

Die Freunde der Mathildenhöhe hatten wie gewohnt viele Informationen und jede Menge Bilder zum Welterbe mitgebracht. Direkt hinter der Russischen Kapelle war eine Litfaßsäule aufgebaut mit Plakaten zu Architektur, Skulpturen und Gartenanlagen, die nochmals vor Augen führten, was die Mathildenhöhe und ihre Künstlerkolonie eigentlich so einzigartig in und für die Welt macht. Nebenan, vor dem hohen Wahrzeichen der Stadt, kredenzte der Förderkreis Hochzeitsturm neben vielen anderen Getränken mit dem „Mathilden-Sekt“ das passende Gläschen, um an diesem Feiertag kräftig anzustoßen auf den bildschönen UNESCO-Musenhügel. (Fotos obere Reihe: Nikolaus Heiss, Peter Engels und Heidi Kriegbaum; mittlere Reihe li.: Renate Charlotte Hoffmann im Gespräch; Armin Riegel, Vorsitzender vom Förderkreis Hochzeitsturm.)

Im Mittelpunkt stand an diesem Tag jedoch eindeutig das Ausstellungsgebäude, das fertig saniert in ganzer Pracht und mit hochmoderner technischer Ausstattung zu besichtigen war. Es war gut besucht, dieses dritte Welterbefest für Darmstadt: Mehr als 2.000 Besucher und Besucherinnen zählte Gabriele König, Kulturreferentin der Stadt und Leiterin des UNESCO Welterbebüros Mathildenhöhe, die sich diese Gelegenheit nicht entgehen ließen und durch das weit geöffnete Gitter des Eingangs die rund 1.000 Quadratmeter große Ausstellungsfläche mit ihrem nagelneuen Hirnholzparkett aus Kiefer betraten.

UNESCO Welterbetag- What a Wonderful Day! weiterlesen

„Bonze des Humors“ – eine Lichtgestalt von Hoetger

Man muss unwillkürlich lachen, wenn man diesen dicken Bauch und den rundlichen Kerl dazu sieht: der „Bonze des Humors“ von Bernhard Hoetger. Bonze, damit bezeichnete man im asiatischen Raum früher einen buddhistischen Mönch oder Priester. Und dieser hier hat offensichtlich Humor, wie der Titel festhält, aber auch die Figur so überzeugend zeigt. Die pure Lebensfreude strahlt sie aus mit ihrem ansteckenden Lachen. Man möchte sich schon fast selbst den Bauch halten.

Zum Kugeln: Da lacht der Mönch und hält sich den Bauch (Bernhard Hoetger, 1914).

Anzuschauen ist die so heitere Arbeit in Worpswede in Niedersachsen, in einem Park mit lichten Bäumen mitten im berühmten Künstlerdorf. Der lachende Mönch ist Teil einer größeren Figurengruppe mit denen der Bildhauer Bernhard Hoetger die Licht- und Schattenseiten menschlicher Eigenschaften thematisierte. Der „Bonze des Humors“ gehört wohl selbstredend zu den Lichtseiten menschlicher Natur. Doch auch in Darmstadt können wir Hoetgers lachenden Mönch heute noch entdecken.

„Bonze des Humors“ – eine Lichtgestalt von Hoetger weiterlesen

Bernhard Hoetger und sein „Darmstädter Torso“

Der Bildhauer und Architekt Bernhard Hoetger wurde vor genau 150 Jahren, am 4. Mai 1874, in Dortmunder Stadtteil Hörde geboren. Wie kaum ein anderer seiner Disziplin begleitete er während seiner künstlerischen Entwicklung den Aufbruch in die Moderne: Er wurde ihr Zeuge und prägte sie selbst maßgeblich. Zeit seines Lebens experimentierte er mit den Stilen und ließ sich von vielen unterschiedlichen Kulturen inspirieren. So auch in Darmstadt, wo er für die letzte Ausstellung der Künstlerkolonie von 1914 auf der Mathildenhöhe wirkte. Dort bilden der von ihm mit über 40 Skulpturen, steinernen Pflanztrögen und Reliefwänden gestaltete Platanenhain sowie eine Reihe weiterer Kunstwerke im Außenraum zentrale Elemente des Darmstädter UNESCO Weltkulturerbes.

Mit dieser zarten Dame aus Bronze fingen die so überaus fruchtbaren Beziehungen des Bildhauers nach Darmstadt überhaupt erst an. Bernhard Hoetger fertigte sie 1909 und gab ihr ursprünglich den Titel „Jugend“. Sie war ein Auftragswerk für Großherzog Ernst Ludwig, bestellt von seinem Kabinettschef Gustav von Römheld.

Nur wenige Jahre später, 1911, wurde Hoetger vom Großherzog an die Künstlerkolonie Darmstadt berufen. Seitdem ist die Skulptur, nicht nur in Südhessen, bekannt unter ihrem zweiten Namen: der „Darmstädter Torso“.

Bernhard Hoetger und sein „Darmstädter Torso“ weiterlesen

„Meine Mathildenhöhe“: Flanieren mit Anja Herdel

Mit der Bewerbung um den UNESCO Welterbe-Titel für die Mathildenhöhe und ihre Künstlerkolonie war von Anfang an auch die Erwartung verbunden, dem Tourismus in Darmstadt einen gehörigen Schub zu geben. Unterbrochen von Pandemie und aufwändiger Sanierungen erstrahlt der Musenhügel Darmstadts im Frühjahr 2024 so schön wie nie. Auch das Ausstellungsgebäude hat mit dem 20. September 2024 nun den lang ersehnten offiziellen Eröffnungstermin. Alles bereit für viele Besucher aus dem In- und Ausland? Darüber hat sich 23 Quer mit Anja Herdel unterhalten und mit ihr einen kleinen Streifzug über die Mathildenhöhe unternommen. Denn wer könnte besser um die Zahlen und Fakten und um die Pläne und Erwartungen an den städtischen Tourismus wissen als die Geschäftsführerin der Wissenschaftsstadt Darmstadt Marketing GmbH, die mit ihrem 24-köpfigen Team sowie rund 50 Gästeführern die touristische Vermarktung der Stadt sowie ihres Leuchtturms Mathildenhöhe vorantreibt.

In der Rubrik „Meine Mathildenhöhe“ erzählen Menschen, die die Mathildenhöhe prägen, begleiten und für sie an den unterschiedlichsten Stellen wirken, ihre ganz persönlichen Geschichten zu diesem ganz besonderen Stück Darmstadt. Gemeinsam mit ihnen flanieren wir über den Musenhügel. Drei Orte, drei Stopps, drei Geschichten. Los geht’s!

Stopp 1: Das Große Haus Glückert mit dem Omega-Portal

Keine Frage, dass dieser Ort den ersten Stopp wert ist. Denn das Große Haus Glückert ist – ganz neu – nun wieder Bestandteil der öffentlichen aber auch individuell gebuchten 90-minütigen Führungen über die Mathildenhöhe, die Darmstadt Marketing anbietet. Damit ermöglicht diese größte aller Künstlervillen auf der Mathildenhöhe wieder regelmäßig einen Einblick in das Innere eines der berühmten UNESCO-Bauten. Schließlich waren alle acht einst als Gesamtkunstwerk konzipiert. Hier kann man eines komplett in seiner ganzen Raumwirkung erleben: das Highlight jeder Führung.

Zugänglich ist die von Joseph M. Olbrich gebaute Jugendstilvilla nur im Rahmen von geführten Rundgängen von Darmstadt Marketing oder spezieller Veranstaltungen. Gesichert sind Tor und Eingang durch viele Schlösser. Und mit dem Großen Haus Glückert hatte auch Anja Herdel ihre erste „Schlüsselerfahrung“ auf der Mathildenhöhe. Gut 30 Jahre ist es mittlerweile her, dass sie als junge Frau zum ersten Mal den Schlüssel für diese herrliche Jugendstilvilla in den Händen hielt. Als Gästeführerin. Denn damit ging für sie, die sich in ihrem Studium auch mit Baugeschichte auseinandergesetzt hatte, 1993 ihre Karriere bei der Stadt Darmstadt los. Sie erinnert sich: „Ich wurde zu dieser Zeit gebeten, im Großen Haus Glückert die Aufsicht für einen Tag zu machen. Stunden habe ich auf dem von Olbrich eingebauten Stuhl an der Holztreppe links neben dem Kamin gesessen.“

„Meine Mathildenhöhe“: Flanieren mit Anja Herdel weiterlesen

An der frischen Luft: die Platanenhain-Skulpturen

„Same procedure as every year“: Wie jedes Jahr galt es auch in diesem Frühjahr wieder, die Skulpturen im Platanenhain von ihrem Winterschutz zu befreien. Denn in der kalten Jahreszeit ist von 21 Figuren des Bildhauers Bernhard Hoetger nicht viel zu sehen. Die 7 Krugträgerinnen (ohne die 3 der Brunnengruppe) und die 10 Löwenvasen der Nord- und Südseite sowie die 4 Schakalsvasen neben dem Denkmal der „Sterbenden Mutter mit Kind“ werden in der Wintersaison allesamt von einem Holzhäuschen ummantelt und vor der Witterung geschützt. Um Ostern herum ist es jedes Jahr wieder soweit, werden die Wintereinhausungen mit vereinten Kräften wieder abgebaut. Seit heute sind die wunderbaren Bildhauerarbeiten wieder befreit und können die frische Luft genießen.

An vorderster Stelle ist hier die Darmstädter Schreinerei Uhland zu nennen, die mittlerweile sehr routiniert die über 110 einzelnen Bauteile abmontiert und zur Firma Schenck abtransportiert, wo diese kostenlos eingelagert werden können. Der Transport der schweren Holzplatten wird mit luftbereiften Handkarren durchgeführt, um den Boden des Platanenhains zu schonen. Die Transportfahrzeuge selbst stehen außerhalb des Platanenhains.

Seit vielen Jahren sehr engagiert mit dabei sind auch die beiden Fördervereine der Mathildenhöhe: Der Förderkreis Hochzeitsturm e.V. trägt 2024 wieder die Kosten für den Abbau der Einhausungen in Höhe von 2.300 Euro. Insgesamt hat der Förderkreis damit in 18 Jahren bisher über 40.000 Euro zum Schutz der Hoetger-Skulpturen aufgewendet. Auch die Mitglieder des Vereins Freunde der Mathildenhöhe e.V. haben die Firma Uhland in diesem Jahr wieder beim Abbau unterstützt, der 23. Einsatz seit 2012.

***

Hochstapelei oder mit Ot Hoffmann in die Vertikale

Das große „Baumhausfest“ feierte heute in Darmstadt den Architekten Ot Hoffmann, den sprühenden Meister des Experiments und Pionier ökologischen Bauens in seinem außergewöhnlichen Wohn- und Geschäftsgebäude, das 1972 einen Meilenstein setzte.

In Kürze folgt dazu ein Artikel auf 23 Quer.

Seien Sie gespannt auf jede Menge „Quer“-Bezüge zur Mathildenhöhe.

***

Maßgeschneidert: Das passende Kleid zum Haus

■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□

„Es war mir nie recht verständlich, warum Menschen sich mit der Gestaltung der Kleidung, ihrer zweiten Haut, so wenig abgeben, daß sie sie anderen überlassen und sich dadurch in Abhängigkeiten bringen.“ (OT HOFFMANN, 2003)

■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□■□

Maßgeschneidert: Das passende Kleid zum Haus weiterlesen