„Meine Mathildenhöhe“: Flanieren mit Renate Charlotte Hoffmann

Wir treffen uns im Platanenhain. Wo auch sonst? Ist doch keiner der vielen bemerkenswerten Orte auf der Darmstädter Mathildenhöhe so eng verbunden mit ihrem Namen: Renate Charlotte Hoffmann gilt nicht Wenigen als seine Retterin. Mit ihr startet 23 Quer seine neue Rubrik „Meine Mathildenhöhe“. Hier erzählen Menschen, die die Mathildenhöhe prägen, begleiten und für sie an den unterschiedlichsten Stellen wirken, ihre ganz persönlichen Geschichten zu diesem ganz besonderen Stück Darmstadt. Gemeinsam mit ihnen flanieren wir über den  Musenhügel. Drei Orte, drei Stopps, drei Geschichten. Los geht’s!

Stopp 1: Der Platanenhain

Ja, der Platanenhain. Die Bäume dort müssten ihr eigentlich für immer dankbar sein. Jedenfalls mindestens 60 von ihnen. Denn diese sind nach neueren Erkenntnissen eines von der Stadt Darmstadt in Auftrag gegebenen Sachverständigengutachtens nun doch noch zu retten. Der anfänglichen Initiative von Renate Charlotte Hoffmann ist es letztendlich zu verdanken, dass statt eines Kahlschlags heute nun die Sanierung des altehrwürdigen, aber leider auch betonharten Bodens des Platanenhains im Fokus steht.

„Wäre es nach den alten Planungen gegangen, gäbe es den Platanenhain bald nicht mehr. Dann hätten wir in der Mitte für lange Zeit ein relativ kahles Rechteck von der Größe 100 gefällter Bäume gehabt, umrahmt von einem äußeren Ring noch stehen gebliebener Platanen“, erzählt sie. Alternativlos? Mit diesem Gedanken wollte sie sich nach Bekanntwerden der ersten erschütternden Nachrichten in 2017 nicht anfreunden. Es musste eine andere Lösung geben oder wie sie rückblickend festhält: „Da wurde sie dann unbequem.“

Es sind gar nicht mal so sehr die alten Bäume, die unter der extremen Bodenbeschaffenheit des Platanenhains leiden. Denn Platanen sind extrem robuste Pflanzen, können bis zu 300 Jahre alt werden. Wie das Gutachten zeigt, sind es – insbesondere im Inneren des Hains – etliche der jüngeren Bäume, die ohne Hilfe kaum noch überlebensfähig sind. Das liegt an der besonderen Bodenbeschaffenheit, die die Ausbildung von Wurzeln erschwert. Es liegt aber auch an der Trockenheit der letzten Jahre, die den jungen Platanen stark zu schaffen gemacht hat. Ihr Wassermangel ist extrem. Sie genießen daher die besondere Aufmerksamkeit der Gärtner und des Grünflächenamtes.

Beim regelmäßigem Bewässern helfen grüne Wassersäcke, die zur Zeit am Fuß vieler junger Bäume in den Reihen des Hains zu sehen sind. Dabei handelt es sich um einen sehr breiten Schlauch, der um den Stamm gelegt und mit einem Reißverschluss zum Ring geschlossen wird. Von oben wird dieser mit Wasser befüllt, das unten langsam über einen durchlässigen Boden in den Untergrund sickert und das Wurzelwerk des Platanennachwuchses somit kontinuierlich bewässert.

Renate Charlotte Hoffmann freut sich über den guten Zustand des Platanenhains: „Selten habe ich ihn um diese Jahreszeit so grün, mit so viel Blattwerk gesehen“. Sie liebt diesen Ort, weil sie um seine kunsthistorische Bedeutung weiß, als ein Gesamtkunstwerk aus 29 Objekten mit weit über 60 Figuren, das sich dem Wunder der Natur und dem Zyklus allen Lebens auf der Erde widmet. Sie liebt ihn aber auch, weil sich in ihm soviel Leben zeigt: Die Boulespieler, die ihre Kugeln werfen. Die Mütter, die ihre Kinderwagen in den Schatten der Platanen stellen. Die Studenten, die hier unter freiem Himmel lernen. Die Besucher, die im Café an den Platanen sich eine Auszeit gönnen. Alles sei durchströmt von einem Geist der Freiheit. Es sei für sie ein Ort, der Melancholie und Heiterkeit gleichermaßen ausstrahle und von dieser Spannung lebe.

1 Platanenhain RC Hoffmann
„Und was ihn auch auszeichnet: seine freie Zugänglichkeit. Er ist offen für jedermann. Kostenlos, zu jeder Zeit steht er allen Menschen offen. Hoffen wir, dass es so bleibt.“

Stopp 2: Die Russische Kapelle

Mit Renate Charlotte Hoffmann ziehen wir weiter über die Mathildenhöhe. Die gebürtige Darmstädterin kennt das Gelände wie ihre Westentasche, schon seit ihrer Kindheit. An seinem Fuße ist sie aufgewachsen. Die 67-jährige erinnert sich noch gut an die Zeit, als sie auf den Trümmergrundstücken der Nachkriegszeit gespielt hat oder wie sie nach der Schule ihre Freundinnen in den heute so berühmten Jugendstilvillen der Künstlerkolonie besuchte.

Nach Kindheit und Jugend in Darmstadt zog es die junge Frau allerdings erstmal weg aus Hessen. Zunächst ging es nach Heidelberg zum Studium der Kunstgeschichte, das sie später in Hamburg abschließen sollte. Auf dem Weg zum akademischen Titel lagen zwei weitere berufliche Stationen, in denen sie ihre praktisch-handwerklichen Fähigkeiten auslebte. Denn die Kunsthistorikerin ist zugleich noch Möbelrestauratorin mit Gesellenbrief. Und als wäre das noch nicht genug, ist sie zudem Vergolderin, sogar eine Meisterin in diesem Fach. Das bringt uns jetzt zur nächsten Geschichte und dem zweiten Stopp mit ihr auf der Mathildenhöhe: die Russische Kapelle.

Nicht nur von außen glänzt dort das Gold, strahlen drei vergoldete Turmhauben weit sichtbar in der Nachmittagssonne. Auch innen ist in dem russisch-orthodoxen Gotteshaus, das Ende des 19. Jahrhunderts für den letzten Zaren von Russland und seine Frau errichtet wurde, viel in Gold gearbeitet und verziert. Selbst die Ziergitter vor der Heizung in der Apsis leuchten gülden. Und genau diesen profanen Gegenstand der Betrachtung hat keine andere als die Hauptperson unserer Geschichte zum Glänzen gebracht. Nachts habe sie die Arbeit erledigt, erzählt sie. Man müsse beim Vergolden auf eine sehr staubfreie Umgegung achten, daher sei es tagsüber nicht möglich gewesen, das Heizungsgitter sauber mit Gold zu überziehen.

Als sie Mitten in der Nacht mit Blattgold und Pinsel in dem Allerheiligsten stand, habe sie einmal Besuch bekommen. Ein Mann habe plötzlich vor ihr gestanden und sie ordentlich erschreckt. Was macht man auch um diese Uhrzeit allein in der russischen Kapelle, umgeben von lauter Engeln als Begleitern? Nun, es war der priesterliche Hausherr höchstpersönlich, der sich wohl davon überzeugen wollte, dass hier alles mit rechten Dingen zuging.

Stopp 3: Olbrichs Künstlervillen

Renate Charlotte Hoffmann lebt selbst in einem originalen Olbrich-Haus, in der Dreihäuser-Gruppe ganz am Anfang des Prinz-Christian-Wegs. Die drei ineinander verschachtelten Gebäude hat Joseph Maria Olbrich für die zweite Aussstellung der Künstlerkolonie 1904 entworfen. Das mittlere Gebäude gehörte ihren Großeltern. Nach deren Tod zog sie 2005 von Hamburg nach Darmstadt zurück, und fühlt sich seitdem sehr wohl in ihrer alten, neuen Heimatstadt und in ihrem schönen Jugendstilhaus. Mit Olbrich verbindet sie noch mehr: Ihr Meisterstück als Vergolderin widmete sie ihm, es ist ein Spiegelrahmen mit Olbrichmotiven.

Gefragt nach ihrem Lieblingsgebäude auf der Künstlerkolonie, kommt sehr schnell die Antwort: das Haus Habich. So, wie es damals von Olbrich entworfen wurde, mit seinem gewagten Flachdach und seiner grandiosen Dachterrasse, auf der im Juli 1901 auch Großherzog Ernst Ludwig stand, um die Illumination in Grün und das Feuerwerk zu genießen. Auch dieses Gebäude der Künstlerkolonie wurde im Krieg stark beschädigt, auch dieses versprüht leider nicht mehr das mediterrane Flair, was es einst so einmalig auszeichnete. Genauso wie gegenüber das Wohnhaus von Olbrich nur noch rudimentär den Eindruck vermittelt, den es mit seinem asymmetrischen Walmdach und den vorgehängten Balkonen ursprünglich weckte. Daran wird sich auch nach der zurzeit laufenden Sanierung der Untergeschosse und des Gartens nicht viel ändern. Renate Charlotte Hoffmann hätte sich eine andere Lösung gewünscht, das hört man sofort heraus. Die Stadt habe hier eine große Chance vertan, sich dem Originalbau von Olbrich zu nähern: „Was wir jetzt sehen, ist doch nur ein dekorierter Schuppen.“

Ja, jetzt könnte sie wieder unbequem werden. Aber sie konzentriert sich lieber auf das, was ihre Passion ist: Im Team mit Nikolaus Heiss für das UNESCO Welterbe Künstlerkolonie kämpfen, Vorträge halten, kunsthistorische Texte schreiben und Führungen anbieten. Rund um die Mathildenhöhe ist sie natürlich die Fachfrau, aber sehr viel Freude bereiten ihr auch die Ausstellungsführungen für Darmstädter Museen. Da geht es nicht immer um Jugendstil, Bauen und Raumkunst, sondern auch Mal um den Beuys-Block des Hessischen Landesmuseums. Sehr gerne führt sie auch zu Kunst im öffentlichen Raum – in der Innenstadt rund ums Schloss und auch über die Mathildenhöhe bis hinaus auf die Rosenhöhe. Sich in neue Themen einzuarbeiten, das mache ihr immer wieder großen Spaß.

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