Sanierung Haus Olbrich – jetzt auch unten ohne

Das Jahr 2020 ist für die Mathildenhöhe ein ganz besonderes Schaltjahr: Alles wartet gespannt auf die Entscheidung der UNESCO im Sommer – und bis dahin wird gründlich saniert. Denn das wird auf jeden Fall bleiben als Resultat der großen Anstrengung um die Auszeichnung als Weltkulturerbe: eine Künstlerkolonie, die so glänzt wie lange nicht mehr. Sie wird wohl zwar nie mehr ganz wie im Original von 1901 erstrahlen, aber immerhin fast.

Haus Olbrich Zeichnung anno 1901_lightAusgerechnet dem Haus des alles überragenden Künstlers und Architekten des Ensembles, dem Haus Olbrich, sind die Folgen des schnellen Nachkriegsaufbaus bis heute anzusehen. Momentan wird das Gebäude auf dem leicht abschüssigen Eckgrundstück am Alexandraweg gründlich saniert. Doch selbst nach Abschluss dieser denkmalpflegerischen Maßnahmen wird es sich nicht originalgetreu präsentieren.

Denn was ihm auch in Zukunft maßgeblich fehlen wird, ist die überaus prägende Dachgestaltung des Originalbaus: ein asymmetrisch gestaltetes Krüppelwalmdach, das auf der Nordseite tief herunter gezogen war. Auf der Südseite war es mit einer angehängten Blumengalerie geschmückt und ganz oben mit dreifenstrigen Gaupen unter dem Giebel versehen. Mit seinem fröhlich gelben Anstrich entstand hier ein von der österreichischen Heimat Olbrichs inspirierter Bau im modernen Landhausstil. Auch das riesige Fenster der Halle zur Westseite setzte früher einen überaus markanten Akzent.

All dieses wurde im Krieg zerstört und nicht wiederaufgebaut, als man sich 1950 daran machte, mit bescheidenen Mitteln ein neues Ober- und Dachgeschoss auf dem noch erhaltenen Erdgeschoss von Olbrich zu errichten. Eine Zwischendecke wurde in die zweigeschossige Halle eingezogen, der Eingang über die offene Loggia geschlossen, die Treppe davor entfernt und an dieser Stelle unten Garagen eingebaut mit Zufahrt über den ehemaligen Architektengarten. Das folgte alles überaus praktischen Erwägungen, entfernte sich aber gewaltig von dem Originalzustand des Hauses, in dem Olbrich bis zu seinem Tod 1908 und seine Familie bis 1940 lebte.

Der Verein der Freunde der Mathildenhöhe hatte sich 2017 in einem Positionspapier für eine „originalgetreue Teilrekonstruktion“ des Haus Olbrich eingesetzt, insbesondere, was die Dachgestaltung angeht. Dazu konnten sich die zuständigen Gremien und Bauträger aus Kosten- und Nutzungsgründen letztendlich nicht entschließen. Aber immerhin tut sich unten herum Einiges:

Haus Olbrich Feb 2020

Im Februar 2020 präsentierte sich der Bau ganz nackt nach außen. Vom umlaufenden Fliesenband mit seinem berühmten Schachbrettmuster aus blauen und weißen Quadraten ist nur ein kleines Stück unten links in der Ecke zu sehen. Ohne dieses ist das Haus Olbrich im Vergleich zum Original kaum noch zu erkennen. Denn das Fliesenband setzt tatsächlich einen der stärksten Effekte in der Fassade. Es hat einen sehr hohen Wiedererkennungswert – nicht umsonst ist es zu einem kleinen Wahrzeichen, zu einem Signet für die gesamte Künstlerkolonie geworden.

Um das wird sich daher ausgesprochen sorgfältig bemüht. Der Fliesenspiegel vom Haus Olbrich ist auch eines der großen Projekte, das der Verein der Freunde der Mathildenhöhe unter Federführung von Nikolaus Heiss seit vielen Jahren maßgeblich unterstützt, mit Sachverstand und vielen Geldspenden. Zusammen mit der Merck’schen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft kamen dabei insgesamt 28.000 Euro zusammen. Über die Geschichte dieses besonderen Engagements informiert die Webseite des Freunde-Vereins.

Rund 400 Fliesen zählt das Keramikband am Haus Olbrich insgesamt. Laut den Denkmalpflegern kann der Fliesenspiegel zu achtzig Prozent mit den vorhandenen Fliesen an den jeweiligen Originalplätzen wiederhergestellt werden. Die Originalfliesen haben auf der Rückseite jeweils die Artikelnummer 2661, so wie sie auch im alten und originalen Produktionsbuch der ungarischen Firma Zsolnay in Pécs (Fünfkirchen) aufgeführt und abgebildet sind. Sie hat die Originalfliesen einst angefertigt für Olbrich. Erst 2017 hatte man die Seiten in dem uralten Produktionsbuch wieder neu entdeckt.

Bei 20 Prozent des Fliesenspiegels, das sind etwa 80 Fliesen, müssen die Originale im Zuge der Sanierung allerdings mit Repliken ersetzt werden. Die neu angefertigten Repliken für das Haus Obrich sind gekennzeichnet und somit in Zukunft als nicht originale Bestandteile deutlich erkennbar.

Unten herum tut sich also gerade Einiges am Haus Olbrich. Neben dem Fliesenspiegel betrifft das vor allem auch den Eingangsbereich. Der wird wieder wie zu Lebzeiten des Architekten in den Westen in die frühere Loggia verlegt. Auch die Außenanlagen sind Teil der umfangreichen Sanierungsmaßnahmen: Das „Sonnentor“, die originale und originelle Gartenpforte nach einem Entwurf Olbrichs, wird gerade generalüberholt.

Noch dieses Jahr soll alles fertig werden. Wenn alles klappt, vielleicht sogar schon im Juni. Just in time!

***

(Quelle Zeichnung Haus Olbrich: Wasmuth-Mappen 1901-14, S. 1)

 

 

 

 

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