



Ein Bildhauer, der weithin unbekannt ist, aber in engem Zusammenhang mit der Mathildenhöhe Darmstadt und der Künstlerkolonie steht, war in Griesheim Zuhause: Sein Name ist Daniel Dell. Er kannte die Bildhauerateliers der Künstlerkolonie gut, hat die Künstler Ludwig Habich und vor allen Dingen Heinrich Jobst unterstützt, für den er zahlreiche Arbeiten ausführte, glaubt man der zeitgenössischen Presse. Obwohl er nie offiziell zur Künstlerkolonie gehörte, hat ihn die Künstlerkolonie Darmstadt geprägt, von der er sich deutlich inspirieren ließ. Die Griesheimer Kunsthistorikerin Heike Jakowski hat sich intensiv mit Daniel Dell (1868 – 1941) auseinandergesetzt und nun ein Buch veröffentlicht, das erstmals Leben und Werk dieses relativ unbekannten Jugendstilbildhauers umfassend würdigt.
Seine „Steine für die Ewigkeit“, so der Buchtitel, kann man bis heute im Griesheimer Friedhof bestaunen. Die meisten der über 80 historischen Grabdenkmäler dort stammen von ihm und stellen einen einzigartigen Schatz für die Region dar. Ein Spaziergang entlang der alten Friedhofsmauer gleicht förmlich einem Gang durch einen Skulpturenpark. Eine erste Führung der Autorin, zu der der Darmstädter Verein Freunde der Mathildenhöhe am 25. Mai eingeladen hatte, fand großen Anklang. Mehr als 40 Teilnehmer ließen sich von der hohen Steinmetzkunst aus Griesheimer Werkstatt beeindrucken, die für einen Friedhof in seiner Vielfalt und Qualität einmalig ist im Landkreis Darmstadt-Dieburg.






An nicht wenigen Stellen auf dem Gelände sind Bezüge zur Mathildenhöhe herzustellen: Man stand sichtbar im gegenseitigen Austausch, Dell in seiner Griesheimer Werkstatt in der Frankfurter Straße und die Bildhauer in Darmstadt auf der Mathildenhöhe. Etliche Motive und Formen sind von dem, was er in Darmstadt sah, inspiriert. Im Detail ist das alles wunderbar nachzulesen in dem reich bebilderten Band von Heike Jakowski, der ebenfalls eingeht auf die damaligen Gepflogenheiten der Bestattungskultur und wie diese im Rahmen allumfassender Reformbewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts neu gedacht wurden.
Buchtipp: „Steine für die Ewigkeit“ – Jugendstil von Daniel Dell in Griesheim weiterlesen
Viel steht ja nicht mehr von Dir auf der Mathildenhöhe. Blumenvasen im Neo-Barock und eine einsame Bank, auf der wir uns niederlassen können, um Deiner kurz zu gedenken, bevor er schon wieder vorbei ist: Dein Geburtstag. 150 Jahre ist das her, ein weiteres Jubiläum in diesem jubiläumsreichen Jahr 2024. Der Jahrgang 1874 war deutlich überrepräsentiert in der Künstlerkolonie: Bernhard Hoetger am 4. Mai, Heinrich Jobst am 6. Oktober und nun auch Du, am 2. Dezember. Alle hattet Ihr Euren 150. Geburtstag in 2024. Du bist der letzte Jubilar, den wir feiern, Edmund. Das wird 23 Quer auch noch gebührend tun nach Deinem Geburtstagsmonat. Denn nicht Wenige haben zur Ausstellung von 1914 sehr bedauert, dass ein so bedeutender Architekt nur Temporäres auf der Mathildenhöhe hinterlassen durfte. Wo Du doch in Essen ein Gigant Deiner Disziplin warst, weltberühmt wegen des Baus von Europas größter Synagoge, mit dem Du auch den Großherzog Ernst Ludwig auf Dich aufmerksam gemacht hattest.


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Das Ende von Patriz Huber, dem so talentierten und viel versprechenden Innenarchitekten und Gestalter wie Gründungsmitglied der Darmstädter Künstlerkolonie, ist an Dramatik wohl kaum noch zu überbieten: Eine „Verzweiflungstat“, so lautet das Urteil der zeitgenössischen Medien. Aus enttäuschter Liebe zu einer Frau, verraten vom Freund, nimmt er sich am 20. September 1902 im Alter von gerade 24 Jahren in Berlin das Leben. Von Schuldgefühlen geplagt folgt ihm der Darmstädter Kunstkritiker Felix Commichau nur wenige Tage später in den Freitod. Der doppelte Selbstmord schockierte die Nation. Den Schlussakkord zur Tragödie spielte Hubers Begräbnis in Mainz.
Leichenzüge: Der Sarg mit dem Leichnam Patriz Hubers wurde von Berlin per Zug nach Mainz überführt. Denn Huber war zwar am 19. März 1878 in Stuttgart auf die Welt gekommen, verlebte seine Kindheit und Jugend aber in Mainz, wo sein Vater, Anton Huber, als Direktor viele Jahre die örtliche Kunstgewerbeschule leitete, in der auch Patriz Huber die Grundlagen seines Handwerks und seiner Kunst lernte. Auf dem Hauptfriedhof der Stadt am Rhein befand sich das Familiengrab der Hubers, in dem der viel zu früh Verstorbene am Mittwoch, den 24. September 1902, beigesetzt werden sollte. Genau am gleichen Tag, dem Tag der Beerdigung seines Freundes, bestieg Felix Commichau mittags auf dem Stettiner Bahnhof in Berlin ebenfalls einen Zug. Kurz vor der Endstation Neustrelitz jagte er sich eine Revolverkugel in die Schläfe und setzte seinem Leben ein Ende. „Die unselige That dürfte in der Verzweiflung über das traurige Ende seines Freundes begangen sein. Es ist ein höchst beklagenswertes Geschick, das zwei so hochbegabte, hoffnungsvolle junge Leute in den Tod getrieben hat.“ – Aus dem Darmstädter Tagblatt vom 24./25.9.1902.
Travestie mit Sarg und Säge: Tragisch. Komisch. Was ein Ende!
Zur Beerdigung von Patriz Huber fand sich in Mainz eine „ungeheure Menschenmenge“ entlang der Straßen ein, „durch welche sich der Trauerzug mit der Leiche Patriz Hubers vom Centralbahnhof aus bewegte.“ Zuvor hatte es aber schon die ersten Probleme gegeben, als der Sarg aus Berlin aus dem Eisenbahnwagen gehoben wurde, „ein peinlicher Zwischenfall“.
Trauer in Mainz: Patriz Hubers bizarre Beerdigung weiterlesenDer Schicksalssturm, der über den Armen dahinbrauste, war damit indessen noch nicht zu Ende. Er trieb seinen grausamen Spott mit dem Sarge, der in den allzu engen Leichenwagen gezwängt war, und der nur gewaltsam mit Axthieben und durch Umstürzen des Wagens herausgeholt werden konnte. Die Travestie einer Beerdigung.
Friedrich Dernburg (Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, 28.9.1902)
Die Arbeiten von Heinrich Jobst für Bad Nauheim entstanden in engem Zusammenhang mit der in Darmstadt präsentierten Hessischen Landesausstellung für Freie und Angewandte Kunst von 1908. Obwohl er von 1907 bis zu ihrer Fertigstellung 1911 viel Zeit in dem Kurort mit den gesunden Sprudeln verbrachte, blieb Darmstadt und die Mathildenhöhe für ihn stets der Lebensmittelpunkt. Seine Werkstatt befand sich in dem Bildhaueranbau, um den das Ateliergebäude der Künstlerkolonie 1904 erweitert wurde. In den für seine Disziplin optimal ausgestatteten Räumen hat er über mehr als drei Jahrzehnte seine Modelle und Abgüsse für zahllose Medaillen und Büsten prominenter Zeitgenossen, für seine vielen Reliefs, Plastiken, Denkmäler und Brunnen angefertigt.

Über dem Eingang zum achteckigen Turmgebäude, dem „Oktogon“, das den oberen Abschluss der Bildhauerateliers bildet und in dem sich heute der Shop des Museum Künstlerkolonie befindet, ist eine seiner frühen Arbeiten von 1904 zu sehen, die er wohl von München nach Darmstadt mitbrachte: Das quadratische Relief wurde eingepasst in den rechteckigen Raum, der über dem Türrahmen zu füllen war. Es zeigt Apollo, wie er der von ihm begehrten Daphne nachstellt, die sich flugs in einen Lorbeerbaum verwandelt, um ihm zu entkommen.
Dazwischen in der Nische: Bildhauer Heinrich Jobst weiterlesen
Fast jeder Künstler, der zur Ausstellung von 1908 Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie war, hat sich an des Großherzogs großem Bauprojekt dieser Jahre beteiligt: den neuen Kuranlagen von Bad Nauheim. Ernst Ludwig hatte zum Leiter der eigens dafür geschaffenen Baubehörde den in Darmstadt geborenen und an der Technischen Hochschule ausgebildeten jungen Architekten Wilhelm Jost benannt. Dieser schuf zwischen 1905 und 1911 mit dem „Sprudelhof“ und der Trinkkuranlage in Bad Nauheim ein einmaliges Ensemble, das basierend auf Vorbildern der Renaissance und des Barock durch die Elemente des Darmstädter Jugendstils späterer Ausprägung seine ganz eigene Architektursprache fand.
Es entstand wie schon in Darmstadt auf der Mathildenhöhe auch in Bad Nauheim ein Gesamtkunstwerk, zu dem mit dem Bildhauer Heinrich Jobst, dem Keramiker Jakob Julius Scharvogel, dem Schmiedekünstler Ernst Riegel, dem Glasmaler Friedrich W. Kleukens und dem Gestalter Albin Müller gleich fünf der sieben großen Namen der Künstlerkolonie von 1908 beitrugen und das gestalteten, was bis heute ein architektonisches Juwel darstellt. Jobst hat dabei im „Sprudelhof“ seine Akzente gesetzt, mit den Arbeiten für die Badehäuser 2 und 7, mit dem Hessischen Löwen aus Bronze, vor allen Dingen aber mit der Einfassung der Sprudel im zentralen Innenhof der Anlage, darunter der „Große Sprudel“ von Bad Nauheim. Hier hat er sich mit seinem Entwurf im Wettbewerb sogar gegen den leitenden Architekten Jost durchsetzen können.



Das Künstler-Gen hat er anscheinend nicht weitergegeben: Unter seinen Nachfahren hat keiner mehr den Weg eines Bildhauers eingeschlagen. Das war bei ihm noch anders. Heinrich Jobst selbst war Sohn eines Steinmetzes, als er am 6. Oktober 1874 im bayerischen Schönlind nördlich von Regensburg auf die Welt kam. Jung, direkt nach der Schulzeit trat er mit 14 Jahren in die Fußstapfen seines Vaters, wurde zunächst Steinmetz und anschließend an der Münchner Kunstakademie zum Bildhauer ausgebildet. Spät, erst mit 50 Jahren, hat er am 19. November 1924 geheiratet, eine Frau, die erheblich jünger war als er. Der Altersunterschied zwischen ihm und Felicitas Jobst betrug 22 Jahre. Mit ihr bekam er im fortgeschrittenen Alter noch vier Kinder, eine Tochter und drei Söhne.
Zu seinem 150. Geburtstag sind auf diesem Bild vom 6. Oktober 2024 gleich drei Generationen Jobst zu sehen: die beiden Töchter seines Sohnes Heinz, die Enkelinnen Beate Jobst (ganz links) und Sabine Deuker geborene Jobst (ganz rechts), sowie deren Tochter, die Urenkelin Marina mit der Ururenkelin Nora auf dem Schoß. Enkel Steffen Jobst, ebenfalls beim Geburtstagstreffen in Bad Nauheim dabei, stammt aus der Linie seines jüngsten Sohnes Wolfgang. Insgesamt können sich 4 Kinder, 9 Enkel, 8 Urenkel sowie 2 Ururenkel zu seinen Nachfahren zählen.
Gruppenbild mit Raubtier: die Familie Jobst heute weiterlesen
Es ist das letzte Badehaus im Rund der Arkaden: die Nummer 7 im Sprudelhof der historischen Badeanlage von Bad Nauheim. In der luxuriös ausgestatteten Wartehalle empfängt einen noch die Formenstrenge des Art Deco, doch gleich dahinter beginnt ein lustvolles Spielen und Treiben. Denn im Keramikhof von Heinrich Jobst springen Frösche über Bänke, tummeln sich Fische, kriechen Seeschlangen, und ein Brunnen mit nackten Nixen in anregenden Posen steigert das bukolische Lebensgefühl dieses ganz besonderen Badeorts. Für den Bildhauer der Künstlerkolonie Darmstadt war dieses 1907 sein erstes großes Projekt für Großherzog Ernst Ludwig, der ihn als Nachfolger von Ludwig Habich kurz zuvor an die Mathildenhöhe berufen hatte. Er war jung, 32 Jahre alt und sprühte vor Fantasie und Einfallsreichtum.
Sehr inspirierend hat auf ihn wohl eine Italienreise gewirkt, auf die ihn der Großherzog gleich zu Beginn schickte. Zusammen mit dem leitenden Architekten der Bad Nauheimer Anlage, Wilhelm Jost, und seinem Darmstädter Kollegen, dem Keramiker Jakob Julius Scharvogel, reiste er in den Süden. Ihr Auftrag: Anregungen für die Gestaltung und Ausschmückung der im Bau befindlichen Badeanlagen zu gewinnen. Der ganz in Terrakotta gestaltete Innenhof ist das sichtbare Ergebnis dieser italienischen Eindrücke.




Gemeinsam haben die Freunde der Mathildenhöhe und der Jugendstilverein Bad Nauheim den 150. Geburtstag von Heinrich Jobst am 6. Oktober 2024 an dem Ort gefeiert, an dem der Bildhauer aus der Darmstädter Künstlerkolonie so viele bedeutende Werke hinterlassen hat: in Bad Nauheim, im berühmten „Sprudelhof“ der Kurstadt mit seiner einzigartigen Jugendstil-Badeanlage. Im Schmuckhof vom Badehaus 3 versammeln sich im Bild die zahlreichen Gratulanten, um den historischen Moment festzuhalten. Als Ehrengäste geladen: die Familie des Künstlers. Gleich drei ‚Jobst‘-Generationen (drei Enkelkinder, eine Ur- und eine ganz kleine Ururenkelin) feierten mit.
Ein einziges großes Fest für Heinrich Jobst, umrahmt von einem Tagesprogramm, das sein Wirken für Bad Nauheim in seiner ganzen Vielfalt, Kunstfertigkeit und seinem Einfallsreichtum vorstellte. Für das hatte der engagierte Jugendstilverein Bad Nauheim um den Vorsitzenden Gerhard Bennemann und seiner Vorstandskollegin Stefanie Knitterscheidt gesorgt. Unterstützt wurden sie von ausgewiesenen Kennern der Kunst- und Architekturgeschichte der Jahrhundertwende und frühen Moderne – wie der Kunsthistorikerin Dr. Anja Kircher-Kannemann und Manfred Geisler, dem Kunstsammler und Experten, der seine beeindruckende Sammlung wertvoller Jugendstil-Objekte dem neuen Museum stiftete, und die seit 2020 den Kern des ‚Jugendstilforum Bad Nauheim‘ bildet.
Viel zu erfahren über das historische Badewesen und seine Sprudelbäder gab es selbstverständlich auch, wo das Badehaus 3 doch weitestgehend im originalen Zustand von 1905 erhaltenen geblieben ist. Dazu noch der Blick auf die großflächigen Wandmosaike in der gewaltigen Rotunde der Wartehalle: herrlichster Jugendstil, in seiner ganzen Pracht und Fülle, aus einer Zeit, als Ornament noch eine Rolle spielte. Wenn auch schon in fortgeschrittener Spielart geometrischer Motive.



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Der Bildhauer und Medailleur Heinrich Jobst feiert heute seinen 150. Geburtstag. Am 6. Oktober 1874 wurde er als Sohn eines Steinmetzes in einem Dorf in Nordbayern geboren. 1906 wurde er als Nachfolger von Ludwig Habich nach Darmstadt an die Künstlerkolonie berufen. Er hat sowohl für die 3. Ausstellung auf der Mathildenhöhe von 1908 als auch für die letzte von 1914 bedeutende Beiträge geleistet. Sein bekanntestes und sichtbarstes Werk ist das großformatige Relief über dem Eingang des Hochzeitsturms, dem Wahrzeichen der Stadt Darmstadt. Im Rosenhof, der sich früher in der Mitte der einst dreiflügeligen Anlage des Ausstellungsgebäudes befand, stand einst sein großer Löwe aus Bronze, so prächtig und mächtig wie die bekanntesten Raubtiere von Jobst: die zwei Löwen vor dem Landesmuseum in Darmstadt. Der „Schreitende Löwe“ aus dem Rosenhof ist später umgezogen und heute in Bad Nauheim zu bewundern. Denn bei der Gestaltung der Jugendstilanlage und deren berühmten „Sprudelhof“ hat Jobst ganz besondere Akzente gesetzt. Es gibt keinen besseren Ort in Deutschland, um einen Einblick in die ganze Vielseitigkeit dieses Ausnahmekünstlers zu erhalten.
Freuen Sie sich auf ein „Bad Nauheim“-Spezial von 23 Quer!
Morgen geht*s los!

Es war ganz großes Kino, was die Stadt Darmstadt mit dem Welterbefest Mathildenhöhe auf die Beine gestellt hat. Richtig begeistert war 23 Quer aber auch von einem ganz kleinen vor dem Eingang zum Hochzeitsturm: dem „Hoetger Kino“. Ein weißer Pavillon von drei mal drei Metern, darin ein paar Stühle und ein Bildschirm. Zu sehen gab es eine Filmpremiere der besonderen Art: die „Hoetger Geheimnisse erzählt von Dr. Tino Wehner“. Ein kleines Filmjuwel, produziert vom Förderkreis Hochzeitsturm, das mit vielen Geschichten und Details zur Entstehung der Skulpturen im Platanenhain zu überraschen weiß.
Das Welterbefest Mathildenhöhe trumpfte 2024 mit jeder Menge Superlativen auf: Zwei Tage und zwei Nächte lang feierte Darmstadt die erste Ausstellung nach 12 Jahren im prächtig sanierten Ausstellungsgebäude von 1908. Rund 10.000 Besucher und Besucherinnen zog es allein am Eröffnungsabend auf das weitläufige UNESCO-Welterbegelände. Selbst die Sonne strahlte die ganze Zeit unablässig mit, gab der festlichen Eröffnung in den frühen Abendstunden des 20. Septembers seinen warmen, goldenen Glanz. Sonnig war das Welterbefest. Heiter und leicht. So hat man auch Olbrichs Kunst einst beschrieben. Wie passend, wie stimmig. Genauso hätte der berühmte Architekt es sich wahrscheinlich gewünscht, das Fest zur Wiedereröffnung seines Ausstellungsgebäudes. Der Schlussapplaus geht an die Teams von Darmstadt Marketing, an das UNESCO-Welterbebüro und selbstverständlich und zuvorderst an das Institut Mathildenhöhe Darmstadt um Direktor Philipp Gutbrod, das zur Premiere mit der Ausstellung „4-3-2-1 Darmstadt“ den passenden Countdown zur großen Feier der städtischen Kunst und Kultur lieferte.
Welterbefest: Ganz großes und ein ganz kleines Kino weiterlesenAusgebombt!
Ludwig Habichs letzte Jahre
Von den acht Künstlervillen auf der Mathildenhöhe war das „Haus Habich“ im Herbst 1944 das einzige, das noch von seinem namensgebenden Künstler bewohnt war. Während Peter Behrens Darmstadt schon 1902 verließ, Joseph M. Olbrich im Sommer 1908 plötzlich verstarb und Hans Christiansen 1911 gemeinsam mit seiner Frau nach Wiesbaden übersiedelte, war der Bildhauer Ludwig Habich der einzige Künstler aus den Reihen der ersten Generation der Künstlerkolonie, der noch lebte und am Alexandraweg 27 seinen Wohnsitz hatte. Dort, in seiner Jugendstilvilla, wäre der 72jährige sicherlich auch noch bis zu seinem Lebensende wohnen geblieben, wenn sich in der Nacht vom 11. auf den 12. September 1944 sein Leben nicht auf einen Schlag dramatisch geändert hätte.

Ludwig Habich und seine Frau Sophie haben die „Brandnacht“, die vor heute genau achtzig Jahren rund neunzig Prozent der Innenstadt zerstörte und 11.000 Darmstädtern den Tod brachte, überlebt. Doch innerhalb weniger Minuten war der berühmte Bildhauer, Professor und Villenbesitzer obdach- und mittellos, auf der Flucht hinaus aus der brennenden Stadt. Noch in der Nacht flieht er um 4 Uhr nur mit dem Nachthemd bekleidet nach Traisa, wo er zunächst bei einem alleinstehenden Bekannten Zuflucht findet. Von dort schreibt er gut einen Monat später, am 10. Oktober 1944, eine Postkarte:
Lieber Herr Raschert, ich danke für die freundliche Nachfrage, muss ihnen aber sagen daß ich bettelarm geworden bin […]
Peter Weyrauch, der Nachlassverwalter der Familie Habich, hat noch in den Trümmern des „Haus Habich“ persönlich gegraben und das Leben des Künstlers später wissenschaftlich aufbereitet. In seiner Biographie „Der Bildhauer Ludwig Habich“ finden sich sehr lesenswerte Passagen über das Schicksal Habichs und seiner Familie nach dem Bombardement der Mathildenhöhe. Vor allen Dingen die originalen Briefe und Schriftstücke Habichs geben eindrucksvolle Einblicke in den harten Alltag und die Gefühlswelt des ausgebombten Künstlers.
Ausgebombt! Ludwig Habichs letzte Jahre weiterlesenDer Juli ist spätestens seit der Auszeichnung zum UNESCO Weltkulturerbe am 24. Juli 2021 ein besonderer Monat für die Mathildenhöhe Darmstadt und ihre Künstlerkolonie. Drei Jahre ist der große Tag mittlerweile her als das Ensemble aus Architektur, Gartenanlagen und Skulpturen offiziell aufgenommen wurde in die Liste der UNESCO Welterbestätten, damals die insgesamt 48. für Deutschland. Ein bedeutender Tag für die Mathildenhöhe und Darmstadt. Ein Juli war es auch als die vier ersten Künstler der Künstlerkolonie Darmstadt ihre Arbeit vor Ort begannen: Genau am 1.7.1899 fingen Hans Christiansen, Rudolph Bosselt, Patriz Huber und Paul Bürck in Darmstadt an. Zwei Monate später, im September 1899, stießen Ludwig Habich, Peter Behrens und schließlich auch der architektonische und künstlerischer Leiter, Joseph M. Olbrich, zur Gruppe. Die legendären Sieben der ersten Generation waren komplett und starteten das ambitionierte künstlerische Projekt, mit dem sie Großherzog Ernst Ludwig beauftragt hatte. 125 Jahre Künstlerkolonie – das ist definitiv in 2024 auch ein Grund zu feiern.
Aus Anlass dieses Jubiläums stellt 23 Quer sie Ihnen nochmals vor. Wer waren die kreativen Köpfe? Was für ein Gebilde war sie eigentlich genau, die „Künstlerkolonie Darmstadt auf der Mathildenhöhe?“

























Man muss unwillkürlich lachen, wenn man diesen dicken Bauch und den rundlichen Kerl dazu sieht: der „Bonze des Humors“ von Bernhard Hoetger. Bonze, damit bezeichnete man im asiatischen Raum früher einen buddhistischen Mönch oder Priester. Und dieser hier hat offensichtlich Humor, wie der Titel festhält, aber auch die Figur so überzeugend zeigt. Die pure Lebensfreude strahlt sie aus mit ihrem ansteckenden Lachen. Man möchte sich schon fast selbst den Bauch halten.

Anzuschauen ist die so heitere Arbeit in Worpswede in Niedersachsen, in einem Park mit lichten Bäumen mitten im berühmten Künstlerdorf. Der lachende Mönch ist Teil einer größeren Figurengruppe mit denen der Bildhauer Bernhard Hoetger die Licht- und Schattenseiten menschlicher Eigenschaften thematisierte. Der „Bonze des Humors“ gehört wohl selbstredend zu den Lichtseiten menschlicher Natur. Doch auch in Darmstadt können wir Hoetgers lachenden Mönch heute noch entdecken.
„Bonze des Humors“ – eine Lichtgestalt von Hoetger weiterlesenDer Bildhauer und Architekt Bernhard Hoetger wurde vor genau 150 Jahren, am 4. Mai 1874, in Dortmunder Stadtteil Hörde geboren. Wie kaum ein anderer seiner Disziplin begleitete er während seiner künstlerischen Entwicklung den Aufbruch in die Moderne: Er wurde ihr Zeuge und prägte sie selbst maßgeblich. Zeit seines Lebens experimentierte er mit den Stilen und ließ sich von vielen unterschiedlichen Kulturen inspirieren. So auch in Darmstadt, wo er für die letzte Ausstellung der Künstlerkolonie von 1914 auf der Mathildenhöhe wirkte. Dort bilden der von ihm mit über 40 Skulpturen, steinernen Pflanztrögen und Reliefwänden gestaltete Platanenhain sowie eine Reihe weiterer Kunstwerke im Außenraum zentrale Elemente des Darmstädter UNESCO Weltkulturerbes.
Mit dieser zarten Dame aus Bronze fingen die so überaus fruchtbaren Beziehungen des Bildhauers nach Darmstadt überhaupt erst an. Bernhard Hoetger fertigte sie 1909 und gab ihr ursprünglich den Titel „Jugend“. Sie war ein Auftragswerk für Großherzog Ernst Ludwig, bestellt von seinem Kabinettschef Gustav von Römheld.
Nur wenige Jahre später, 1911, wurde Hoetger vom Großherzog an die Künstlerkolonie Darmstadt berufen. Seitdem ist die Skulptur, nicht nur in Südhessen, bekannt unter ihrem zweiten Namen: der „Darmstädter Torso“.

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„Es war mir nie recht verständlich, warum Menschen sich mit der Gestaltung der Kleidung, ihrer zweiten Haut, so wenig abgeben, daß sie sie anderen überlassen und sich dadurch in Abhängigkeiten bringen.“ (OT HOFFMANN, 2003)
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Diese Worte stammen von einem Architekten, nicht von einem Mode-Designer. Der Darmstädter Architekt Ot Hoffmann hat sich viele Jahre intensiv mit dieser „zweiten Haut“ beschäftigt und folgte damit einer langen Tradition seiner Zunft. Denn bereits vor mehr als hundert Jahren machten sich um 1900 herum nicht nur Damenschneider, sondern namhafte Architekten Gedanken um das Gewand und seine Gestalt. Im Zuge der den gesamten Alltag des Menschen umfassenden Lebensreform wurde auch neu gedacht, wie sich vor allen Dingen die Frau dem neuen Denken und Zeitgeist entsprechend kleiden sollte: nicht mehr eingezwängt in ein Korsett, die Organe zusammengequetscht durch Horn und Fischbein, sondern in Kleidern, in denen sie sich frei bewegen konnte: Das Reformkleid war geboren. Es sollte nicht nur bequem und gesund sein, sondern auch unbedingt ästhetisch ansprechen und sich im Idealfall einfügen in das Gesamtkunstwerk eines Architekten, der bereits das Äußere wie das Innere eines Hauses künstlerisch gestaltet hatte. Die Trägerin eines Reformkleides und Hüterin des Hauses sollte perfekt an- und eingepasst in ihre häusliche „moderne“ Umgebung sein.
Protagonisten dieses Ansatzes waren damals die vom Jugendstil inspirierten Architekten Peter Behrens wie Henry van de Velde, der so radikal wie kein anderer seiner Zeitgenossen nach diesem Prinzip arbeitete: So entwarf er zur Jahrhundertwende in Weimar nicht nur sein Haus, die dazugehörige Einrichtung, das Geschirr, Gläser und Besteck, sondern auch das perfekt darauf abgestimmte Kleid seiner Frau Maria.
Maßgeschneidert: Das passende Kleid zum Haus weiterlesen
Ein Frühwerk von Joseph M. Olbrich: Die äußerst floral gestaltete Titelseite eines Buches, das 1899 verlegt Beispiele aus der Wiener Tätigkeit des Architekten enthält. Es ist Großherzog Ernst Ludwig in Darmstadt gewidmet. Heute soll es 23 Quer Anlass sein, den Frühling auf der Mathildenhöhe zu begrüßen. Meteorologisch hat er ja schon angefangen! Der Zyklus allen Lebens beginnt von Neuem.
Es grüßt der Frühling! weiterlesen
In diesem Garten hinter einer prächtigen Gründerzeitvilla in Berlin-Charlottenburg lebte und arbeitete Patriz Huber in den letzten Monaten seines Lebens. Nachdem der Vertrag für das hochgelobte Talent der Darmstädter Künstlerkolonie „nach Querelen“ nicht verlängert wurde, bezog er auf diesem Gelände ein bescheidenes Gartenatelier. Auf diese Fenster wird er wohl tagtäglich geblickt haben. So auch an dem Tag, an dem er sich mit einem Revolver erschoss. Doch das Drama war mit seinem Tod am 20. September 1902 noch längst nicht zu Ende. Es fand seine Fortsetzung in einem Zug von Berlin nach Neustrelitz.
Als am 15. Mai 1901 die 1. Ausstellung der Künstlerkolonie Darmstadt ihre Pforten öffnete, war Patriz Huber gerade 23 Jahre alt. Zwei äußerst arbeitsreiche Jahre lagen hinter ihm, in denen der junge Möbelgestalter und Innenarchitekt sich für eine vielversprechende Zukunft empfahl. Die Auftragsbücher waren voll, sein moderner, aber dennoch elegant-gediegener Einrichtungsstil war gefragt. Doch es sollte alles ganz anders kommen. Nur ein Jahr nach dem Ende der Ausstellung im Herbst 1901 setzte er sich am 20. September 1902 in seiner Wohnung in Berlin, nach einem Besuch des Darmstädter Redakteurs Felix Commichau, einen Revolver an die rechte Schläfe und war sofort tot.

„Mysteriöser Selbstmord“ titelte das Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, die am Montag, den 22. September 1902, als erstes von diesem Vorfall am Wochenende im Stadtteil Charlottenburg Bericht erstattete. Noch am gleichen Tag folgte die Berliner Neueste Nachrichten:
Selbstmord eines Künstlers. Der Architekt Patriz Huber, der von Darmstadt erst im Frühjahr nach Berlin übergesiedelt war, hat sich, einem hiesigen Montagsblatte zu Folge, am Sonnabend Abend erschossen. Huber, welcher im Gartenhaus der Fasanenstraße 24 wohnte, erhielt Sonnabend Abend den Besuch eines Herrn von außerhalb, der sein bester Freund gewesen sein soll. Bald hörte man einen heftigen Wortwechsel. In dem Augenblick, als der Herr die Wohnung verlassen wollte, krachte ein Schuß. Der Besuch, der schnell wieder eintrat, fand den H. mit einer Schußwunde in der rechten Schläfe im Blute auf dem Boden liegen. Der herbeigerufene Arzt konnte nur den bereits eingetretenen Tod konstatieren. Als Ursache der an ein amerikanisches Duell erinnernden That nennt man eine Liebesaffäre.
Das Ende: Patriz Huber – voller Pläne, so enttäuscht weiterlesen