Lasst Blumen sprechen!

Es dauert nicht mehr lang: Nur noch wenige Wochen trennen Darmstadt von der großen Entscheidung mit seiner Künstlerkolonie Mathildenhöhe zum UNESCO Weltkulturerbe zu werden. Oder vielleicht doch nicht? Große Zuversicht wechselt sich mit unvermittelten Anflügen von leisem Zweifel. Wir, tatsächlich Welterbe? Aber sicher doch. Die Spannung steigt jedenfalls! Lenken wir uns also ein wenig ab und machen Pause – eine Blaupause.

Das „Blumenhaus“ von Joseph M. Olbrich – eine Blüte als Grundriss.

Neben Architektur und Kunstgewerbe spielten immer auch das Grün, die Farben und die Formen der Natur eine große Rolle bei den vielseitig begabten Künstlern der Darmstädter Kolonie. So durfte auch die Gartengestaltung im Ausstellungsprogramm von 1901 auf keinen Fall fehlen: etwa die Architekturgärten vor den modernen Künstlervillen oder eine durchkomponierte Außenanlage mit langen Buchsbaumreihen und geometrisch-perspektivisch angelegten Rasenflächen vor dem Ernst Ludwig-Haus. Pflanzen und Begrünung waren aber auch als eigenständiges Thema präsent, dem man sogar ein Ausstellungsgebäude auf dem Gelände widmete: das „Haus der Blumen“.

Es ähnelte im Grundriss selber einer Blüte mit seinen fünf abgerundeten Fenstern, die sich wie Blätter um das Innere schmiegten. Hinter den bauchigen Blumenfenstern konnten viele Zimmerpflanzen ausgestellt werden, während draußen vor dem Eingang in zwei großen Holzregalen Balkon- und Gartenpflanzen zu sehen waren. Größere oder exotische Pflanzen, wie Palmen oder tropische Bäume, fanden ihren Platz im hohen, gewächshausähnlichen Rund im Zentrum. Von vorne war der zweigeschossige Glaszylinder nicht zu sehen, da ein mit Tuch bespanntes Portal mit blumigem Eingangsbogen eine blickdichte Fassade zur Straße bildete. Einen wunderbaren zeitgenössischen Eindruck liefert ein Artikel, den das Darmstädter Tagblatt kurz nach der Eröffnung am 20. Mai 1901 veröffentlichte. Darin werden den Leser und Leserinnen in einer Art Rundgang durch das Ausstellungsgelände die Außenanlagen und Nebengebäude vorgestellt:

Wendet man sich vom Eingang rechts, so gelangt man zu dem originellen „Haus der Blumen“, das äußerlich zwar etwas barocke Formen zeigt, im übrigen aber sowohl hinsichtlich seiner Idee als seiner Ausführung eine Zierde der Ausstellung bildet. Der Zweck dieses ist „zu zeigen in wie weit es möglich wäre, auf einem kleinen Raume der gewiß jedem Hause für den Blumenkult abgerungen werden könnte, blühende Pflanzen in geschmackvoller Verbindung mit künstlerisch erdachten und ebenso ausgeführten Schmuckgegenständen – etwa Bronzen oder Keramiken – auszustellen und zu kunstvoller Wirkung zu bringen.“

Zu diesem Zwecke entstanden um ein kleines Palmenhaus fünf Halboktogone, welche in verschiedener Weise teils Bassins für Wasserpflanzen bilden, teils ein aus grünen und blauen Quadraten bestehendes Marmormosaik mit rubinroten Blumen und schönfarbigen Blattpflanzen in Einklang bringen. Ein weiterer Gesichtspunkt hierbei war, darzuthun, mit wie wenig Mitteln sich jedermann mit Geschmack und unter richtiger Wahl der Materialien ein abwechslungsreiches Blumenbeet anlegen und durch den Sinn für den Kultus der Blumen bei sich selbst bethätigen und in anderen anregen und vertiefen kann. Für jeden Monat ist ein anderes Blumenprogramm ausgestellt. Die Ausstellung der Blumen, deren berauschender Duft der das Haus Betretenden entgegenströmt, findet durch Herrn Hofgärtner O. Dittmann hier statt. Aus diesem poesievollen Raum dürfte jeder Besucher die angenehmsten und befriedigendsten Eindrücke mit fortnehmen.

Das Blumenhaus war ein entzückendes kleines Gebäude, auf dessen funktionelle aber zugleich originelle Gestaltung so viel Wert gelegt wurde, als wäre es ein schwerer Bau aus Stein und würde für immer dort stehen bleiben. Leider nicht! Denn ist eines der vielen temporären Bauten, die nur für die die Dauer der Ausstellung von Mai bis Okober 1901 errichtet wurden, und ist heute nicht mehr zu sehen. Es thronte damals schräg gegenüber vom Haus Behrens, auf der anderen Seite des Alexandrawegs.

***


Bildnachweis

Mathildenhöhe Darmstadt (Hrsg.): Joseph Maria Olbrich, 1867 – 1908, Architekt und Gestalter der frühen Moderne. Katalog zur Ausstellung vom 7.2. – 24.5.2010, Ralf Beil, Regina Stephan, Hatje Cantz Verlag, Darmstadt, 2010, S. 180 u. 181 (abfotografiert).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s