Ansichtssache: Schöner Wohnen im Souterrain

Hier in diesem Gebäude, das allüberall vom Licht beglänzt und von frischer Luft umweht wird, ist die Anlage eines solch düsteren, dumpfigen Tunnels unbegreiflich.

Ganz schön kritische Worte! Sie gelten dem Untergeschoss des Ernst Ludwig-Hauses und sind in einem dicken Ausstellungsband zu finden, in dem der bekannte Verleger von Kunstzeitschriften, Alexander Koch, 1901 bereits die Darmstädter Premiere zusammenfasste, vorstellte und bewertete. Olbrich was not amused! Doch diese herbe Kritik an seinem an anderer Stelle absolut genialen Ernst Ludwig- Haus muss er sich bis heute gefallen lassen. Denn während man einen Stockwerk höher über einen von vielen Fenstern gesäumten, außen liegenden, hellen Korridor die Ateliers erreicht, erfolgt die Anbindung der unteren Zimmer über einen fensterlosen Flur, der sich im Inneren fast über die ganze Länge des Ateliergebäudes zieht. Durch eine Eingangstür an der östlichen Schmalseite des Gebäudes erhält man Zugang zu dem Flur und seinen an ihm liegenden Räumen.

Von innen war der Zugang 1901 nur über eine äußerst enge Treppe möglich, die unter der Galerie der zentralen Halle seitlich auf kleinstem Raum eingepasst, man ist fast versucht zu sagen „reingequetscht“, wurde. In den Plänen ist sie ursprünglich noch als Wendeltreppe gezeichnet, ausgeführt wurde später eine zweiläufige Stufentreppe. Eine Lösung, die Felix Commichau in seiner Besprechung maßlos enttäuschte:

Von diesem Vor-Raum aus gelangt man zur Treppe, die zum Erd-Geschoss hinunterführt; diese ist unglaublich schmal und erhält zudem weder von unten noch von oben direktes Licht. […]

 Ja, wenn im Erd-Geschosse nur Kohlen und Kartoffeln aufbewahrt würden, — wenn niemand anderes als der Kustos dann und wann mit brennender Laterne hinab zu steigen brauchte in die dunkle Tiefe — dann wäre gegen diese Keller-Stiege nichts einzuwenden, doch unten befinden sich die Wohnungen zweier Kolonie-Mitglieder!

Diesem Umstand ist jedoch noch weniger in der Grundriss-Disposition des Erd-Geschosses Rechnung getragen, dessen sämtliche Räumlichkeiten an einem endlosen Gange liegen, der das ganze Gebäude durchzieht. Die jedes zulässige Maass überschreitende Längs-Ausdehnung des Ganges, und vor allem das Fehlen genügender, direkter Licht-Quellen in ihm ist der schlimmste Missstand.

Die beiden Wohnungen im Souterrain des Ernst Ludwig-Hauses.

Zu Olbrichs Verteidigung muss man hier sagen, dass Wohnungen im Untergeschoss des Ateliergebäudes ursprünglich nicht vorgesehen waren, sondern lediglich Verwaltungs- und Wirtschaftsräume. Die Etage wurde erst nachträglich umfunktioniert, um den beiden jüngsten Mitgliedern der Künstlerkolonie Wohnraum zu geben, was man in den Plänen (hier eine Rekonstruktionszeichnung des Darmstädter Hochbau- und Maschinenamtes von 2000) und den zeitgenössischen Bildern auch deutlich erkennt. Paul Bürck und Patriz Huber waren gerade mal Anfang zwanzig und konnten sich die hohen Baukosten für eine eigene Künstlervilla wie die Älteren und Arrivierteren in ihrem Kreis nicht leisten. Auch ein anderer Künstler der Damstädter Kolonie, Rudolf Bosselt, hatte kein eigenes Künstlerhaus auf der Mathildenhöhe. Das für ihn ursprünglich gedachte, spätere Kleine Glückert Haus, konnte er finanziell nicht stemmen. Sein Name taucht in den Plänen für das Untergeschoss des Ernst Ludwig-Hauses jedoch nicht auf, er muss anderswo seine Bleibe gehabt haben.

Wie Bürck und Huber, die beiden dauerhaften Bewohner der Etage, den Abstieg in die Dunkelkammer des Flures empfanden, ist nicht bekannt. Jedenfalls haben sie es sich in ihren Zwei-Zimmer-Wohnungen, die jeweils ersten Zimmer links und rechts neben dem unteren Zentralraum, recht gemütlich gemacht. Die westliche bewohnte der Dekorationsmaler Bürck, die im östlichen Flügel gelegene der Möbelgestalter Huber. Von ihm stammen auch die Entwürfe der einfachen, aber praktischen Einrichtungsgegenstände. Beide Wohnungen umfassten jeweils ein Schlaf- und ein Wohnzimmer. Toilette und Bad befanden sich außerhalb der Wohnungen, jeweils gegenüber, auf der anderen Seite des Hauptflurs.

Die Wohnung von Paul Bürck

Dass diese Räume anfangs nicht als geschlossene Wohnung gedacht waren, bemerkt man auch daran, dass die Schlafzimmer eine Öffnung zum Hauptflur hatten. Bürck stellte vor seine Schlafzimmeröffnung einen Schrank, Huber behalf sich mit einem Vorhang als Sichtschutz zum Hauptkorridor der Etage. Der Eingang in die Wohnung erfolgte über die Wohnzimmertür. Wohnzimmer und Schlafzimmer waren über eine Zwischentür miteinander verbunden.

Die Wohnung von Patriz Huber

Beide Wohnungen hatten in jedem Zimmer vorgelagerte Erkerbereiche, die von den Haupträumen durch große Rundbögen getrennt waren. Sie lagen genau unter den Fassadenfenstern des Atelierkorridors oben, und öffneten sich mit jeweils zwei Fenstern Richtung Süden. So hatten die beiden Youngster der Künstlerkolonie einen wunderbaren Blick auf die gesamte, künstlerisch gestaltete Villen- und Gartenanlage, die sich unter ihnen bis zum damals am Ende stehenden „Haus der Flächenkunst“ erstreckte. Dazu verfügten Bürck wie Huber im Obergeschoss noch jeweils über ein Atelier mit Wohnstube.

Es gibt schlechtere Adressen für einen ersten Wohnsitz mit Anfang zwanzig!


Aus den Wohnungen schweifte der Blick den Hügel hinab nach Süden.

Wo damals der Blick weit hinunter schweifte, wächst heute dichtes Grün.

Zitate Felix Commichau In: Alexander Koch (Hrsg.): Die Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie, Ein Dokument Deutscher Kunst, Darmstadt, 1901 (Großherzog Ernst Ludwig und die Ausstellung der Künstler-Kolonie in Darmstadt von Mai bis Oktober 1901), Nachdruck des originalen Ausstellungskatalogs, Verlag zur Megede, Darmstadt, 1989, S. 136-137

Bildmaterial historisch: Stadt Darmstadt, Kulturverwaltung und Hochbau- und Maschinenamt: Mathildenhöhe Darmstadt. 100 Jahre Planen und Bauen für die Stadtkrone 1899-1999. Band 2: Ernst-Ludwig-Haus – vom Atelierhaus zum Museum Künstlerkolonie, 2000, S. 56 – 59 (abfotografiert).

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