Wunderschön unpraktisch: Das Ernst Ludwig-Haus als Atelier und Werkstatt

Eines muss man den ersten sieben der Darmstädter Künstlerkolonie ja lassen: Sie waren unglaublich fleißig – Workaholics würde man sie heute wohl nennen. Was diese sieben kreativen Köpfe von ihrer Gründung als künstlerische Arbeitsgemeinschaft, die sich im Wesentlichen in den Sommermonaten des Jahres 1899 vollzog, bis zur Eröffnung der ersten Ausstellung der Künstlerkolonie am 15. Mai 1901 auf die Beine stellten, war gewaltig. Vielleicht half ihnen bei ihrem enormen Arbeitspensum ja auch die Aussicht auf ein außergewöhnliches Ateliergebäude: das Ernst Ludwig-Haus. Als Tempel der Arbeit thronte es über allem, lud ein zum täglichen Gottesdienst des Gestaltens, will man die schwülstig-pathetischen Reden und das Weihespiel beim Worte nehmen, mit denen es eröffnet wurde.

Großbaustelle Künstlerkolonie: Das Ernst Ludwig-Haus wird auf dem Hügel errichtet.

Ganz so heilig ging es im Alltag dort oben dann wohl doch nicht zu. Schließlich handelte es sich um einen Funktionsbau, in dem die Ateliers der Künstler die wichtigste Rolle spielten. Von Anfang an, bereits vom großherzoglichen Förderer Ernst Ludwig, war solch ein Künstlerheim für die Mitglieder der Künstlerkolonie vorgesehen. Die Umsetzung erfolgte im Eiltempo:  Im Herbst 1899 legte der von Wien nach Darmstadt berufene Architekt Joseph Maria Olbrich los, Ende des Jahres standen bereits die Entwurfspläne und am 24. März 1900 war schon die Grundsteinlegung zu dem weißen Gebäuderiegel, der künftigen Schaltzentrale der Künstlerkolonie.

Acht Ateliers reihen sich im Ernst Ludwig-Haus nebeneinander, immer entlang eines außen liegenden Verbindungskorridors, der sich die gesamte Südfassade von West nach Ost entlangstreckt. In der Mitte, nach vier Ateliers, wird die Reihe unterbrochen von einem Gemeinschaftsraum, einem kleinen Saal für Festlichkeiten und Aufführungen, auf den auch die lange Außentreppe hinauf zum „Tempel“ mittig ausgerichtet ist.

Olbrich hatte zudem bei der Planung sehr viel Wert darauf gelegt, die Künstlerateliers optimal auszuleuchten. Sie erhalten alle aus großen, schräg stehenden Fensterfronten, die exakt nach Norden ausgerichtet sind, bestes Arbeitslicht von oben.

Dieser Längsschnitt durch das Gebäude zeigt gut die Grundidee des Entwurfs: den Zugang über den Korridor, den Arbeitsraum sowie die zu jedem Atelier gehörende wohnliche „Meisterstube“. So hoch wie die Ateliers sind, so klein sind sie in ihrer Grundfläche. Nur 27 qm misst das Standardatelier: 6 Meter lang und 4,50 Meter breit, ein schmales Handtuch. Lediglich die beiden äußeren Ateliers sind mit 33 qm ein wenig größer, haben eine Breite von 5,50 Meter.

Fehlende Funktionalität, das war auch der Hauptvorwurf, den kritische Stimmen Olbrich machten. Die zeigte sich auch an anderen Stellen im Ernst Ludwig-Haus, der Erschließung des Untergeschosses etwa. Aber hier in der Hauptebene war das eben keine triviale Frage: Wie ließ es sich eigentlich arbeiten in den Olbrich-Ateliers?

Betrachtet man die Verteilung der Räume, dann ergibt sich folgendes Bild: Im Westen war das äußere große Atelier vom Dekorationskünstler Hans Christiansen belegt, ein Atelier weiter war der Maler Paul Bürck Zuhause, gefolgt vom Möbelgestalter Patriz Huber. Das Atelier von Rudolf Bosselt, dem Kleinplastiker und Medailleur, war das letzte vor der Halle. Im Osten arbeitete im äußeren großen Atelier der Maler und Kunsthandwerker Peter Behrens. Der anfangs einzige Architekt und Chefplaner der Künstlerkolonie, Joseph Maria Olbrich, hatte die zwei Ateliers neben dran zu seinem Büro für sich und seine Mitarbeiter ausgebaut. Das letzte Atelier vor der Halle war für den Bildhauer Ludwig Habich reserviert.

Die Besetzung der Ateliers 1901 von links (West) nach rechts (Ost): Hans Christiansen, Paul Bürck, Patriz Huber und Rudolf Bosselt – Saal – dann Ludwig Habich, Joseph Maria Olbich (2) und Peter Behrens.

Besonders für Habich dürfte die Atelierlösung nicht geeignet gewesen sein, wie auch wohl für Bosselt, der große Bronzeguss-Arbeiten anfertigte, und dafür eher eine Werkstatt brauchte als ein chices Atelier. Für die Bildhauer schuf Olbrich auch recht schnell Abhilfe mit einem Anbau, den Bildhauerwerkstätten, die 1904 der nordöstlichen Ecke des Ernst Ludwig-Hauses hinzugefügt wurden. Bosselt war da schon weg, mit Behrens nach Düsseldorf gegangen, aber der spätere Daniel Greiner, ebenfalls Bildhauer, mag sich gefreut haben. Streng genommen war ein einzelnes Atelier eigentlich nur für einen Künstler geeignet, der sich mit eher kleinteiliger, dekorativer Kunst beschäftigte.

Original-Bildansichten von drei der sieben Ateliers der berühmten ersten Künstlerkolonie haben sich bis heute erhalten: Im Westen ist es das Atelier von Hans Christiansen, das man sehr gut am mit Rosen bestickten Vorhang erkennen kann, der die Meisterstube vom Hauptraum trennt. Dann das Atelier von Paul Bürck gleich daneben, dessen Wände mit Skizzen und Zeichnungen des Künstlers behangen sind. Im Osten ist das große Doppel-Atelier von Olbrich in mehreren Bildausschnitten überliefert, die nicht nur Möbel, sondern auch Menschen bei der Arbeit zeigen. Dieser hier liefert einen guten Raumeindruck vom Olbrich-Büro: Viele Arbeitstische sind zu erkennen, die Möblierung, der große Kachelofen rechts, die Holzdiele und auch die Dekoration des Ateliers.

Das Doppel-Atelier Olbrich (1901 – 1908).

Wie die Künstler letztendlich miteinander und untereinander gearbeitet haben, bleibt ein Rätsel. Ist man sich eher selten oder oft begegnet im Ateliergebäude? Ist man in der Halle auch zu anderen Anlässen als zu offiziellen Feiern zusammen gekommen? Wenn, wo gab es Gespräche, Versammlungen, Meetings? Wann fing man morgens an zu arbeiten? Wann hörte man abends auf? Wo aß man zu Mittag? Ist jeder für sich den langen Gang entlang und dann stur in sein Atelier? Oder hat man mal geguckt, wer alles so da ist? Standen die Türen zu den Ateliers offen? Oder waren sie geschlossen? Ist man von der Halle mal schnell links zum Bosselt rein oder rechts zum Habich?

Das umfangreiche Werk der berühmten ersten Ausstellung von 1901 ist ohnehin nicht im neuen Ateliergebäude entworfen worden, sondern im Prinz-Georg-Palais am Herrngarten, dem Porzellanschlösschen, und anderen Ateliers in Darmstadt, in denen die Künstler bis zur Fertigstellung des Neubaus arbeiteten. Im fertigen Ateliergebäude waren die „glorreichen Sieben“ der ersten Künstlerkolonie, wenn man es recht bedenkt, nur sehr kurz zusammen: nach der Eröffnung vielleicht noch ein Jahr. Im Sommer 1902 liefen die mit dem Großherzog abgeschlossenen dreijährigen Arbeitsverträge aus. Die meisten der Meister verließen die Künstlerkolonie Darmstadt.

Man weiß wenig vom Alltag der ersten Künstlerkolonisten. Und noch weniger von den Generationen danach: Wer zog in die fünf frei gewordenen Ateliers ein, nachdem von der ersten Generation nach der ersten Ausstellung von 1901 nur noch Olbrich und Habich in Darmstadt blieben? Wo nahmen die 16, die noch folgen sollten, ihren Platz ein?

***

Wer heute die Ateliers im Ernst Ludwig-Haus nutzt, ist dagegen sonnenklar: Hier hat das Institut Mathildenhöhe das „Museum Künstlerkolonie“ eingerichtet und informiert über die Künstler und ihre Werke sowie über die innovative Kraft, die von der Künstlerkolonie Darmstadt für Design und Architektur zu Anfang des 20. Jahrhunderts ausging.

Die aktuellen Öffnungszeiten sind auf der Webseite des Museums zu finden. Voraussichtlich ab dem 11. Mai können wieder Zeitfenstertickets gebucht werden.

Literatur und Bldmaterial

Ausführliche Informationen zur Entstehungs-, Bau- und Restaurierungsgeschichte des Ernst Ludwig-Hauses finden sich In: Stadt Darmstadt, Kulturverwaltung und Hochbau- und Maschinenamt: Mathildenhöhe Darmstadt. 100 Jahre Planen und Bauen für die Stadtkrone 1899-1999, Band 2: Ernst-Ludwig-Haus – vom Atelierhaus zum Museum Künstlerkolonie. Diesem Band sind auch die (abfotografierten) Skizzen und Bilder für diesen Beitrag entnommen.

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