Ein Bild von der Moderne: das Ernst Ludwig-Haus

Hocherfreulich ist die formale Ausgestaltung des Gebäudes nach dem Hauptplatze zu. Innerhalb aller Schöpfungen der sogenannten „modernen“ Architektur, stellt sie sich als eine hervorragende Leistung dar, und ist ohne Zweifel das beste, reifste, was Olbrich bisher geschaffen. Die große Front ist von wohltuendem Ebenmaasse. Grosse, stille Ruhe, schwungvolle energische Bewegung sind gegeneinander mit überraschender Sicherheit abgewogen und in ein inniges Verhältnis gebracht.

Die Zeilen, 1901 geschrieben, haben auch heute ihre Gültigkeit nicht verloren. Sie stammen von Felix Commichau, der Autor vieler Texte im Katalog zur ersten Ausstellung der Künstlerkolonie Darmstadt ist, und mit Kritik an anderer Stelle wahrlich nicht sparte. Doch der Südfassade des zentralen Ateliergebäudes der Künstlerkolonie Darmstadt schenkte der Architekturkritiker seinen uneingeschränkten Respekt und Anerkennung.

Die besonderen Merkmale des Ernst Ludwig-Hauses, dem heutigen Museum Künstlerkolonie Darmstadt, sind schon in ganz frühen Zeichnungen zu erkennen. Joseph Maria Olbrich hat sich in zahlreichen Skizzen und Aufrissen an den endgültigen Entwurf herangearbeitet. Viele von ihnen sind erhalten, da der zeichnerische Nachlass Olbrichs – über 2.000 Blätter, Entwürfe und Pläne – von der Kunstbibliothek Berlin 1912 erworben wurde. Sie wurden in den 60er Jahren von Karl Heinz Schreyl wissenschaftlich bearbeitet und in eine chronologische Reihenfolge gebracht. So kann man auch im Falle des Ernst Ludwig-Hauses die einzelne Entwurfsstadien wie in einem Bilderbuch verfolgen. Sie sind zwischen September und Dezember 1899 entstanden.

Eine der schönsten Zeichnungen aus der Hand Olbrichs ist das Titelbild dieses Beitrags. Es handelt sich um eine vorbereitende Skizze, einen Aufriss der Südfassade mit Feder und Aquarell, im Original 9,1 x 20,9 Zentimeter breit. Hier sind bereits schon wesentliche Elemente des späteren Baus zu erkennen: Das Omega-Portal mit seinen Monumentalfiguren zu beiden Seiten des Eingangs, der horizontale Dachabschluss mit Wellenornamentik, die hochgezogenen Eckpfeiler mit den Querstreifen, die flächige Fassade sowie der gestalterische Einsatz von Kugelbäumchen. Der über die gesamte Querfront lang gezogene Giebel ist in späteren Stadien nicht mehr zu finden.

More to come!

Es ist nicht der Jugendstil, mit dem sich Darmstadt um die Auszeichnung als UNESCO-Weltkulturerbe bewirbt. Es ist die Künstlerkolonie, in der die Moderne in Kunst und Architektur des 20. Jahrhunderts eine ihrer Keimzellen fand. Sie bildet die Brücke zwischen Jugendstil und Moderne. Sie ist Zeugin einer Zeit gewaltiger Umbrüche in Politik, Gesellschaft und Kultur, die auf der Mathildenhöhe in Darmstadt in einer Vielfalt unterschiedlicher Disziplinen in Kunst und Gestaltung erlebbar werden wie nirgendwo sonst.

Ein guter Grund für 23 Quer, den strahlend weißen „Tempel der Arbeit“ von Darmstadt, der für die Moderne der Architektur ausgesprochen stilbildend war, in den nächsten Wochen dieses besonderen und entscheidenden Jahres 2021 gebührend zu würdigen!



Quelle für Bilder wie Text:

Stadt Darmstadt, Kulturverwaltung und Hochbau- und Maschinenamt: Mathildenhöhe Darmstadt. 100 Jahre Planen und Bauen für die Stadtkrone 1899-1999. Band 2: Ernst-Ludwig-Haus – vom Atelierhaus zum Museum Künstlerkolonie, Stadt Darmstadt, 2000, S. 19 ff.

Alexander Koch (Hrsg.): Die Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie. Ein Dokument Deutscher Kunst, Darmstadt, 1901 (Großherzog Ernst Ludwig und die Ausstellung der Künstler-Kolonie in Darmstadt von Mai bis Oktober 1901), Nachdruck des originalen Ausstellungskatalogs, Verlag zur Megede, Darmstadt, 1989, S. 137 (Zitat Felix Commichau).

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