1908: Frische Ideen für die Friedhofskunst

„Eine durchgreifende Besserung unserer trostlosen Zustände des Grabmalwesens kann aber nur erreicht werden, wenn es gelingt, die den Grabmalhandel beherrschenden Steinmetzfirmen vor den Friedhöfen wieder künstlerischer Arbeit zuzuführen.“

Dieses schlechte Zeugnis stellte Anfang des 20. Jahrhunderts der Leiter der „Wiesbadener Gesellschaft für bildende Kunst“, Dr. W. von Grolmann, der Zunft der Grabmalsteinmetze aus. Das zu ändern, hatte er sich zur Aufgabe gemacht und nutzte die „Hessische Landesausstellung für freie und angewandte Kunst“ von 1908 auf der Mathildenhöhe in Darmstadt, um neue Gestaltungsideen für Friedhöfe öffentlich vorzuschlagen. Denn neben der erstmaligen Präsentation einer kompletten „Kleinwohnungskolonie“ mit sechs Häusern gehörte auch eine Ausstellung hessischer und nachbarschaftlicher Grabmalgeschäfte zum Programm.

Die Grabmäler, die künstlerisch Zeichen setzen sollten, befanden sich direkt am nördlichen Eingang beim Lukasweg, wie ein Blick auf den Gesamtplan zeigt:

Plan von 1908: Ganz oben befindet sich das Grün für die Friedhofskunst.

Auf den Seiten 94 bis 96 des Aussstellungskatalogs erläuterte der oben erwähnte von Grolmann das gestalterische Konzept des Programmpunkts „Friedhofskunst“ von 1908. So wollte man „auch in der Aufmachung der Grabstätten und der Ausstattung des gesamten Gräberfeldes anregend wirken“. Zur Präsentation der Grabmäler auf der Mathildenhöhe schrieb er: „Die Steine sind auf fortlaufendem Rasenteppich ausgestellt, wodurch die häßliche und kleinliche Unruhe wegfällt, die mit der kastenartigen Umfriedung der Einzelgräber sich einstellt“.

Vor allem bemängelte er die Einführung des Granits, dessen übertriebene Härte jegliche künstlerische Formgebung unmöglich gemacht habe. Sie sei die Erklärung dafür, dass…

… das Grabmal gerade in den letzten 15 Jahren immer tiefer sank, obwohl Architektur und Plastik längst in aufsteigende Bahnen eingetreten waren.

Und weiter heißt es im Ausstellungkatalog: „Überall, wohin wir kommen, empfängt uns dieselbe monotone Reihe schwarz polierter Obelisken“. Als Alternative zum Granitstein, der „durch seine viel zu satte Farbe und die spiegelblanken Flächen frostig und nüchtern aus den weichen Tönen und Linien der Umgebung herausfällt“, schlägt Grolmann zahlreiche, wetterbeständige Kalksteinarten und weißen „Laaser“ vor. Mit diesen Materialien könne man Abwechslung in die eintönige und dunkle Gestaltung der Friedhöfe bringen. Die Ausstellung auf der Mathildenhöhe sollte zeigen, wie „unendlich wohltätig die Heiterkeit der hellen Farben den Ernst des Friedhofes freundlich zu mildern vermag.“

Wie dieses aussehen kann, zeigten auf der Darmstädter Ausstellungsfläche exemplarisch Grabmalgeschäfte aus Darmstadt (P. Karn), Worms, Frankfurt und Wiesbaden, die sich wiederum die Grabsteine, Kruzifixe und Reliefs von Künstlern aus ganz Deutschland hatten gestalten lassen. Auffällig ist, dass unter den vielen Namen der ausstellenden Betriebe und Künstler nicht der von Daniel Greiner zu finden ist. Immerhin war dieser noch bis 1906 Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie und hatte sich mit einer Werkstätte für Grabmalkunst nicht weit enfernt in Jugenheim an der Bergstraße selbstständig gemacht.

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Quelle: Katalog der Hessischen Landesausstellung für freie und angewandte Kunst von 1908. Digital abrufbar unter https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hessische_Landesausstellung1908/

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