Hereinspaziert! Hier ging es mal rein, damals 1908

Hätten Sie es erkannt? Das ist der Platanenhain auf der Mathildenhöhe. Auch heute geht es auf dieser Seite des Parks hinein in das Areal mit seinen 23 Baumreihen, das sich unterhalb des Hochzeitsturms im langen Rechteck von West nach Ost erstreckt. 1908 war der Eingang zum Platanenhain jedoch auch gleichzeitig der Haupteingang in die Hessische Landesausstellung für Freie und Angewandte Kunst, die von Mai bis Ende Oktober ihre Pforten auf der Mathildenhöhe öffnete. Sie war nach 1901 und 1904 die dritte Ausstellung, gleichzeitig aber auch die erste, die die Künstlerkolonie und deren Ateliers, das Ernst-Ludwig-Haus, nicht zum Thema hatten. Im Mittelpunkt standen das Handwerk und die Kunstindustrie in Hessen, deren Aufschwung man hier demonstrieren wollte. Verantwortlicher Architekt für die Gesamtplanung des Ausstellungsgeländes war Albin Müller, der sich in einem städtischen Wettbewerb durchgesetzt hatte.

Joseph Maria Olbrich, die prägende Figur der Künstlerkolonie, war zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich in Düsseldorf und Umgebung aktiv. Mit dem Hochzeitsturm und dem Gebäude für freie Kunst, die pünktlich zur Ausstellung 1908 fertiggestellt wurden, hatte Olbrich seine architektonischen Zeichen bereits gesetzt. So starke, dass sie zur Stadtkrone Darmstadts, ja sogar zu seinem Wahrzeichen werden sollten.

1908 Ausstellungsplan

Während die beiden Olbrich-Bauten von Anfang an auf Dauer geplant waren, sollten alle andere Neubauten östlich davon nur temporär für die Dauer der Ausstellung errichtet werden. Dazu gehörten neben dem Gebäude für angewandte Kunst der sich daran anschließende Atriumgarten sowie der Querriegel des Architekturgebäudes hinüber zur Kolonie mit den Kleinwohnungen – auch diese alle vergängliche Ausstellungsgebäude. Aus heutiger Sicht sehr bedauerlich, denn „nie wieder wurde ein so stimmige städtebauliche und durchlässige Verbindung von der Stadtkrone zur Landschaft der Odenwaldausläufer geschaffen“, kommentierte Jochen Rahe im Jubiläumsband der Stadt Darmstadt zur Mathildenhöhe noch 1999. Bis auf drei Muster-Arbeiterhäuser, die man später an der Erbacher Straße wieder aufbaute, und die drei herrschaftlichen Villen entlang des Olbrichwegs wurde tatsächlich alles nach der Hessischen Landesausstellung wie geplant wieder abgerissen – zum Leidwesen von Albin Müller.

Dazu gehörte auch das von ihm entworfene Eingangsportal ganz im Westen, was den Zugang zum Ausstellungsgelände von 1908 über den Platanenhain organisierte. Der kreisrunde Mittelteil mit seinen Doppelsäulen, die oben jeweil von einem Rechteck-Relief zusammengehalten werden, erinnern gestalterisch sehr an den Schwanentempel. Diesen hat Albin Müller einige Jahre später für die Ausstellung von 1914 entworfen, als Endpunkt einer Treppe, die an der Russischen Kapelle hinauf zur Mathildenhöhe führt. Das Eingangsportal von 1908 hat hier definitiv Pate gestanden. Wer weiß? Vielleicht wurden die 1908 eingesetzten Säulen vom Haupteingang für den Schwanentempel wieder benutzt und mit den braunen Keramikfliesen, wie wir sie heute sehen, neu verziert? Vielleicht fand auch die Kuppel des tempelartigen Eingangs später eine Wiederverwendung? Statt in den Müll, upcyclen zum Schwanentempel!

Genug des Spekulierens. Vom Platanenhain aus hatten die Besucher jedenfalls damals, sofort nach Betreten der Ausstellung, einen eindrucksvollen Blick auf den grandiosen Neubau, der sich fortan in den Himmel über Darmstadt erhob: den nun fertig gestellten Hochzeitsturm in all seiner Pracht und fast schon expressiven Modernität. Wie früher und auch später üblich diente der Platanenhain während einer Ausstellung auch als Ort für eine Reihe temporärer Zweckbauten. 1908 waren diese ganz im Westen des Platanenhains angesiedelt. Dort befanden sich die sogenannten Restaurations-Anlagen für die Besucher.

Vergleicht man die Eingangssituation von 1908 mit der von heute, fällt vor allen Dingen auf, dass die Platanenbäume früher viel höher aufragten und auch nicht so einen gleichmäßigen horizontalen Schnitt hatten. Das ist vor allen Dingen auf das gestalterische Konzept von Bernhard Hoetger zurückzuführen, der den Platanenhain für die Ausstellung von 1914 zu einem Monumentalkunstwerk ausbaute. Diesem hatte sich die Höhe der Bäume unterzuordnen: Sie diente vor allen Dingen als horizontaler Rahmen für seine großflächige Naturkunst. Seitdem bleibt dem Grün kein Raum mehr für ein Streben in die Senkrechte. Die Platanenbäume werden regelmäßig auf Kante gestutzt, und bilden im Sommer ein schützendes, horizontales Blätterdach.

Das Eingangsportal von 1908 lief um einige Baumreihen breiter als die heutige Eingangssituation in den Platanenhain. Das Bild vor strahlend blauem Aprilhimmel in 2020 gibt ungefähr den gleichen Ausschnitt wieder. Heute öffnen sich zwischen den beiden Portalpfeilern die Baumreihen 13 und 14 (vom Hochzeitsturm aus gezählt). 1908 spannte sich der Haupteingang zur Ausstellung über vier Baumreihen, von 13 bis 16. Wo sich heute der linke, westliche Pfeilerabschluss von Bernhard Hoetger befindet, war damals die Mitte des runden Tempelportals von Albin Müller. Schön anzuschauen sind beide.

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