Die Mathildenhöhe und die Moderne: Bauhaus-Meister Alfred Arndt

Wer an die Darmstädter Mathildenhöhe denkt, der denkt sofort an Jugendstil. Schließlich zählt das Ensemble zu dem Schönsten dieser Kunstrichtung, das man weit und breit finden kann. Doch Schönheit allein reicht nicht für eine Bewerbung zum Weltkulturerbe der UNESCO. Einmalig muss es sein. Beworben hat sich Darmstadt daher nicht mit dem Thema Jugendstil, dazu hätten wohl auch andere Orte in Europa einiges zu sagen und zu zeigen. Nein, beworben hat sich Darmstadt mit seiner „Künstlerkolonie“. Denn diese repräsentiert kulturgeschichtlich den Übergang vom alten 19. zum neuen 20. Jahrhundert – in einer weltweit einmaligen Kombination aus Architektur und vielen anderen Disziplinen. Hier in Darmstadt wurde der Keim gelegt für die Moderne. Die Mathildenhöhe ist sozusagen der „Missing Link“ in der Kunst- und Architekturgeschichte, die Brücke zwischen den Zeiten, die bis hinüber zum Bauhaus reicht.

Und vor diesem Hintergrund wundert es nun nicht, dass sich die Freunde der Mathildenhöhe in ihrer ersten Veranstaltung in 2020 einem Bauhaus-Thema widmeten: „Der Bauhäusler Alfred Arndt“, ein Vortrag von Nikolaus Heiss, Vorstandsmitglied und Koordinator Mathildenhöhe im Auftrag Darmstadts.

Der langjährige Denkmalpfleger der Stadt, kürzlich erst vom Bund Deutscher Architekten für sein Engagement um die „Baukultur in Hessen“ ausgezeichnet, präsentierte im Darmstädter Haus der Geschichte am 12. März eine Werkschau dieses großen Bauhaus-Meisters.

Die Jahre am Bauhaus: Weimar und Dessau

Alfred Arndt kam eher durch einen Zufall an das Bauhaus. Er war in der Wandervogelbewegung und lernte die Schule während einer Route, die auch nach Weimar führte, kennen. Der gelernte Zeichner, geboren am 26. November 1898 in Elbing/Westpreußen, wurde aufgenommen und begann ein Studium der Wandmalerei, das er 1924 mit der Gesellenprüfung abschloss. Sein Lehrmeister war Wassily Kandinsky. Aus dieser Zeit stammt die Farbgestaltung von Alfred Arndt für die Räume des Haus Auerbach, einem der ersten Vorzeige-Projekte von Bauhaus-Chef Walter Gropius. 1926 ist der Farbplan für die Außengestaltung der Meisterdoppelhäuser in Dessau entstanden, wohin das Bauhaus umgezogen war. Arndt hat ihn aus einer ungewohnten Perspektive, nämlich von unten gezeichnet. Er sollte die Farbgestaltung der Balkondecken zeigen.

Seit 1927 arbeitete Arndt in der Tischlerwerkstatt von Marcel Breuer, dem später für seine Stuhlentwürfe und Stahlrohrgestelle berühmten Designer. 1928 legte Arndt am Bauhaus die Meisterprüfung ab und ließ sich als freier Architekt in Probstzella, einer kleinen Gemeinde in Thüringen, nieder.

Das Haus des Volkes in Probstzella: sein Hauptwerk

Bis heute überragt und dominiert auch farblich das rote Haus des Volkes das Ortsbild mit seinen grauen Schieferhäusern. Hier wirkte Alfred Arndt bis 1929 und gab dem Gebäude, das er von dem ersten Architekten Klapproth übernommen hatte, außen wie innen sein prägendes Antlitz. Es handelt sich um das größte in Thüringen jemals realisierte Bauhaus-Projekt. Hotel und kulturelles Zentrum ist es wie einst. Nikolaus Heiss war vor Ort und beim Besuch ganz beeindruckt von diesem Gebäude, dem nach aufwändiger Sanierung – für die es 2005 den Deutschen Fassadenpreis erhielt – an jeder Ecke und in jedem Detail der Bauhaus-Geist durchzieht.

Man merkt den Farbgestalter Alfred Arndt aller Orten –  nicht nur weil am Empfang leicht augenzwinkernd ein Plüschtier-Alf (!) grüßt – sondern vor allen Dingen an der Gestaltung von Wände und Decken: lila, orange, blau, grün und blau leuchtet es da. Viele Farben, doch niemals wirkt es bunt, sondern immer sehr durchdacht. Obwohl monumental von außen, fühlt man sich wohl in diesem massiven Gebäude. Die präzise Farbgebung macht’s, die auch im Restaurant angenehm zu spüren ist. Seit 2008 kann man hier auch stilecht übernachten, im Bauhaus-Hotel. Es scheint auf jeden Fall eine Reise wert, zumindest einen Blick auf dieses Video:

Mit einer kurzen Unterbrechung von 1929 – 1932, die ihn als Meister und Leiter der Ausbauabteilung wieder zurück an das Bauhaus nach Dessau führte, lebte und arbeitete Arndt in Probstzella. Nach 1945 war er für zwei Jahre Baurat in Jena, wo er vergeblich versuchte, eine Neugründung des Bauhauses in Weimar zu erwirken.

Nach dem Krieg: neue Heimat Darmstadt

1948 verschlug es den Bauhaus-Meister nach Darmstadt, fast so zufällig wie damals nach Weimar. Mit 50 Jahren sollte er hier mit seiner Familie eine endgültige Heimat finden. Sein Name ist auch maßgeblich mit dem Bauhaus-Archiv verbunden, das von 1961 bis 1971 seinen Sitz im Ernst Ludwig-Haus auf der Mathildenhöhe hatte (dem heutigen Museum Künstlerkolonie) und dessen Vorstand er seit 1960 angehörte. Das auf der Privatsammlung von Walter Gropius basierende Archiv befindet sich heute in Berlin.

Auch in Darmstadt hinterließ Alfred Arndt Spuren, denen Nikolaus Heiss in seinem Vortrag natürlich besonders nachging. Sein erstes Werk war 1949 bis 1950 der Umbau eines ehemaligen Nazi-Gefängnisses für politische Häftlinge zu einem Studentenwohnheim. Heute erinnert daran nur noch eine Gedenktafel, die an einem neu gebauten Wohnkomplex in der Riedeselstr. 64 angebracht ist. Arndt beteiligte sich auch an den in der Nachkriegszeit viel beachteten Darmstädter Gesprächen, wie 1952 an Mensch und Technik, die auch von Gropius in den USA bemerkt wurden, mit dem er immer noch im Briefwechsel stand. Zudem entwarf er einen Fernsehpavillion für die begleitende Ausstellung auf der Mathildenhöhe. Unter den Gebäuden von Arndt, die heute noch in Darmstadt und Umgebung zu sehen sind, findet sich das Wohnhaus Pohl in Trautheim (stark verändert) und nicht zuletzt sein eigenes Haus im Komponistenviertel, in dem er bis zum Schluss lebte und arbeitete.

Bauhausperle in Darmstadt: die Villa für Karl Ströher

Zu seinen bedeutendsten Arbeiten in Darmstadt gehört zweifelsohne das Wohnhaus für den Fabrikanten Karl Ströher, dem Gründer des Wella-Konzerns. Die Herausforderung dabei: Der leidenschaftliche Kunstsammler benötigte für sein Privathaus auch einen Galerietrakt, den man bei Bedarf der Öffentlichkeit zugänglich machen konnte. Hans Scharoun, der berühmte Architekt der Berliner Philharmonie, gab hierfür auch einen Entwurf ab. Doch den Auftrag erhielt der alte Bauhaus-Meister: Das Wohnhaus Ströher liegt heute ganz versteckt hinter hohen Hecken. Es gilt als eine der Bauhausperlen in Hessen.

Normalerweise hat man keinen Zugang in die Villa, die bis heute von Nachkommen aus der Wella-Familie bewohnt wird. Für Nikolaus Heiss machte man eine Ausnahme und so konnte er in seinem Vortrag einen ganz exklusiven Blick in das Innere dieses ganz besonderen Baus geben. Alfred Arndt hat 1957 hier ein sehr individuelles Haus entworfen, mit fließenden Übergängen von drinnen nach draußen und viel Raum für Licht und Natur. Die Zimmer des Wohnhauses gruppieren sich um ein kleines offenes Atrium, auf das durch große Glasfenster von Innen der Blick fällt. Auf der anderen Seite, Richtung Garten mit seinem auffälligen Schwimmbecken im Süden, sind versenkbare Fenster eingebaut, die im Sommer die Natur noch näher ins Haus holen und immer noch ein sehr raffiniertes technisches Detail darstellen.

Grundriss Haus Stroeher_Alfred Arndt
„Wohnhaus Ströher“: Gut zu erkennen ist der Galerietrakt mit der aufgefächerten Wand.

Vor allen Dingen gab es viele kostbare Bilder, war die so berühmte Ströher-Sammlung zu der später die Giganten der Pop-Art Warhol und Lichtenstein sowie viel Beuys gehören sollten, noch nicht in diverse Museen ausgelagert. Da hing ein Miró neben vielen anderen Gemälden über dem Fenstersturz,  da atmete dieses Haus Kunst aus jeder Pore. Und die wollte untergebracht sein.

Alfred Arndt hat für diese einzigartige private Kunstsammlung neben dem Wohnbereich einen separaten Galerietrakt entworfen, ein richtig kleines Privatmuseum. Entlang eines rechteckigen Grundrisses bricht eine der beiden langen Seitenwände des Raumes an drei Stellen fächerartig nach Außen auf, wie eine Blüte, die ihre Blätter öffnet. Zwischen den Öffnungen spannen sich jeweils drei schmale Fensterbänder vom Boden bis zur Decke und sorgen für die optimale und blendfreie Belichtung der Kunstwerke. Für die Zwischenlagerung der vielen Kunstwerke gab es in diesem Ausstellungsraum sogar einen Einbau mit beweglichen Galeriewänden, die über Schienen ein- und ausgefahren werden konnten – wie man es heute in Museen praktiziert.

Ein großer Wurf ist dieses Haus, ganz auf die sehr speziellen Bedürfnisse seiner Bewohner ausgerichtet, mit vielen sorgfältig überlegten und individuellen Lösungen – und damit und seinem Einfallsreichtum auch ganz in der Tradition des Bauhauses.

Es schließt sich ein Kreis

Alfred Arndt starb am 7. Oktober 1976 im Alter von 77 Jahren in Darmstadt und ist auf dem Waldfriedhof begraben. Mit ihm kehrte die Moderne letztendlich auch dorthin zurück, wo sie im Keim einmal mit der Künstlerkolonie angelegt war: nach Darmstadt.

Die Familie Arndt ist nach wie vor in Darmstadt zu Hause. Zum 100jährigen Jubiläum des Bauhauses in 2019 widmete das Kunst Archiv Darmstadt Alfred Arndt und seiner Frau Gertrud eine Sonderausstellung. Sein Sohn Hugo, mittlerweile auch über achtzig Jahre alt, freut sich über diese öffentliche Anerkennung der Arbeit seiner Eltern. Zum Vortrag von Nikolaus Heiss war er persönlich mit Enkelin Monika Arndt und anderen Familienmitgliedern im Haus der Geschichte erschienen. Sie tragen alle einen großen Namen.


Nachschlag

Man kann nicht über Alfred Arndt schreiben ohne die Frau an seiner Seite zu erwähnen, die er 1927 heiratete: Gertrud Arndt. Wobei: an seiner Seite bedeutet in diesem Fall, über eine Künstlerin zu schreiben, die wie er am Bauhaus studierte, mit ihm zusammen entworfen und gestaltet hat. Sie war eine kreative und auf ihre Unabhängigkeit bedachte junge Frau. Alfred und Gertrud Arndt, das ist eine der vielen Paargeschichten, die das Bauhaus auch schrieb.

Wie wir spätestens seit den Jubiläumsfilmen von 2019 wissen – aus „Die Neue Zeit“ über die Bauhaus-Künstlerin Dörte Helm und ihre Beziehung zu Gropius oder aus „Lotte am Bauhaus“ – hatte es die Damenwelt unter Gropius nicht immer ganz so einfach in ihrer künstlerischen Entwicklung. Auch Gertrud Arndt landete in der Weberei wie so viele ihrer Schicksalsgenossinnen. „Ich wollte nie weben“ zitierte Nikolaus Heiss sie in seinem Vortrag. Dabei hat sie ein ganz besonderes Webstück entworfen: einen Teppich, der den Boden des später berühmt gewordenen Direktionszimmers von Walter Gropius im Bauhaus zierte. Dieser wurde 1994 in einer Replik nochmals aufgelegt in einer Classic-Edition der Firma Vorwerk. Gertrud Arendt hat diese späte Ehre noch erlebt. Sie starb erst im Juli 2000 im Alter von 97 Jahren.

Bis heute entzücken ihre Aufnahmen aus der Bauhauszeit, die „Maskenportraits“. In diesen präsentiert sie sich selbst in immer neuen Frauenrollen. Auch in vielen anderen Bildern zeigt sie sich als eine Meisterin der Fotografie, die ihre wahre Leidenschaft war.

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