Olbrich hatte den Dreh einfach raus

Heberer-Plan 1878 Aussschnitt quer
Vorher: 1878 befindet sich zwischen Platanenhain und der Erbacher Straße ein Park.

Eine Konstante bleibt, egal, welche Karte man sich anschaut von der Mathildenhöhe: der Platanenhain im Norden. 1833 angelegt ist er das älteste Mitglied im städtebaulichen Gesamtkunstwerk. Das langgezogene Rechteck mit seinen regelmäßigen Baumreihen ist immer gut zu erkennen und hilft bei der Orientierung. Darunter hat sich dann viel getan im Laufe der folgenden Jahrzehnte.

Eine der ältesten Zeichnungen von der Höhe, die später so berühmt werden sollte, ist der Heberer-Plan von 1878. Er zeigt die Parkanlage, die auf einem ehemaligem Weinhügel am Rande der Stadt seit 1800 hier entstanden war: Viele Spazierwege schwingen sich in großen Bögen sanft den Hang hinauf. An markanten Kreuzungspunkten sind Pavillons zu sehen, ein kleiner Platz ganz oben. Auch der Hochbehälter des städtischen Wasserwerks, der an der höchsten Stelle von 1877 bis 1880 errichtet wurde, ist bereits eingezeichnet.

Karl Hofmann 1897
Nachher: 1897 wird ein Wohnviertel geplant, die Wege des Parks sind noch erkennbar.

Nur wenige Jahr später hat sich das Bild sehr geändert: Ein Raster aus Straßen und Gebäuden überzieht das ehemalige Parkgelände. Die gewaltig expandierende Stadt war immer näher an das ehemals außerhalb liegende Gelände gerückt, und so beschloss man den Hügel zur geordneten Bebauung freizugeben, und beauftragte 1897 den Architekten Karl Hofmann einen Generalbebauungsplan für die Mathildenhöhe zu erstellen. Die Grundstücke waren sehr großzügig bemessen und sahen für die Parzellen Doppelvillen vor. Zur Erschließung des Geländes sollten drei neue Straßen dienen, die sich von West nach Ost ganz über den südlichen Hang erstreckten. Bis heute bilden sie die zentralen Querachsen: der Prinz-Christians-Weg unten, der Alexandraweg in der Mitte sowie der Nikolaiweg mit dem neu getauften Bauhausweg in Verlängerung ganz oben auf dem Musenhügel.

Gut zu erkennen ist auf dem Hofmann-Plan für die Mathildenhöhe bereits die Russische Kapelle, die gerade erst, ebenfalls 1897, für die Schwester des Großherzogs und ihren Mann, den russischen Zaren Nikolaus I. , errichtet worden war. Für den sakralen Neubau mit den auffälligen Zwiebeltürmen in Gold musste ein zweistöckiger Gartenpavillon, den die Darmstädter der Mathilde und ihrem Mann, Ludwig III., einst zur Hochzeit geschenkt hatten, weichen. Dieser ist auf dem älteren Heberer-Plan oben noch gut zu sehen.

Und dann kam der Architekt aus Wien

Als Joseph Maria Olbrich von Großherzog Ernst Ludwig zum Gestalter der Mathildenhöhe 1899 nach Darmstadt gerufen wurde, baute er auf dem bestehenden Hofmann-Plan auf. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Hofmann in seinem Bebauungsplan von 1897 bereits ein Künstlerheim eingeplant hatte, das er ursprünglich in gerader Linie unterhalb des Wasserhochbehälters positionierte. Mit einer kleinen Veränderung und wenigen Strichen brachte Olbrich dann Bewegung in den früheren Entwurf Hofmanns:

Bebauungsplan 1897 mit Korrektur von Olbrich

Er schob den Gebäuderiegel aus seiner parallelen Horizontalen und stellte ihn leicht schräg. Die neue Achse befand sich damit in exakter Nord-Süd-Ausrichtung, das Gebäude für die Künstlerateliers erstreckte sich quer dazu genau von West nach Ost. Das Versetzen und Drehen der Achsenlinie nach rechts gab dem Olbrich-Entwurf eine besondere Spannung, die besonders gut auf dem Gesamtplan für die Bebauung der Mathildenhöhe zu erkennen ist, der anläßlich der Künstlerkolonie-Ausstellung von 1901 öffentlich präsentiert wurde:

Gesamtplan Mathildenhöhe Olbrich

Man stelle sich nur einmal vor, die Ausrichtung der Künstlerkolonie wäre in der alten Achse geblieben. Es wäre eine sehr statische Situation geworden. Durch den kleinen Kniff erst entsteht die Dynamik, die wir heute noch spüren können. Erst durch die leichte Schräglage der gesamten Achse kommt Bewegung in das Ensemble aus zentralem Atelierhaus und den sich darunter gruppierenden Wohnhäusern der Künstler. Ein einziger Strich änderte die Situation grundlegend und zeigt uns bis heute das außergewöhnliche Talent des Architekten Olbrich, sein ganz spezielles Auge und Gespür. Er hatte einfach den Dreh raus!

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