Ernst Ludwig war eine ungewöhnlich … charaktervolle Persönlichkeit. Künstler und Dilettant, nämlich Liebhaber aller Künste von Haus, leistete er auch das Kunstwerk, zugleich englisch-europäischer Gentleman und deutscher Patriot zu sein, ohne Krampf und Mühe, auf das allernatürlichste. Von Nationalismus kein Hauch… (Golo Mann)

Ja, diese Spezies gibt es heute eher selten: Nach englisch-europäischen Gentlemen muss man nowadays etwas länger suchen. Auch nationalistische Töne schlagen allerortens wieder stärker durch, nicht nur auf der Brexit-Insel, sondern auch hier und da auf dem gemeinschaftlich vereinten EU-Kontinent. Bye, Bye, Britannia. Was würde Ernst Ludwig, der letzte Monarch von Hessen-Darmstadt, wohl dazu sagen?

Indeed, he was very British, unser Großherzog. Wenn die eigene Oma Queen Victoria heißt, wundert das auch wenig. Wenn man im Osborne House, dem privaten Refugium der großen Royal Family auf der Isle of Wight ganz im Süden Englands regelmäßig seine Ferien verbringt, dann inhaliert man dort mehr als den Duft der Teatime. Ganz ohne Frage gäbe es unsere Mathildenhöhe heute wohl nicht, ohne den Spirit und den Erneuerungsgeist, den der junge Mann von seinen Besuchen bei der britischen Hälfte der Familie mit in sein Hessenland brachte. Das sollte erblühen, wie die Rosen im Park, an dem seine Mutter, die Prinzessin Alice von Großbritannien und Irland, 1878 früh ihr Grab fand. Da war er gerade mal zehn Jahre alt und schon fest mit seiner zweiten Heimat England verwoben.

Das Band zur königlichen Großmutter sollte nach Alices Tod noch enger werden, sie holte die Kinder oft zu sich sich nach England, war eine Art Ersatzmutter für die Halbwaisen. Briefe und Berichte gingen regelmäßig hin und her, und auch persönlich ließ sich die alte Queen oft in Darmstadt blicken: 1879, 82, 84, 87, 93 und 95 besuchte sie ihren Schwiegersohn, dessen vier Töchter und den Jüngsten, seinen einzigen – noch lebenden – Sohn. Unter den vierzig Enkeln soll ihr Ernst Ludwig, den sie Ernie nannte, der liebste gewesen sein. Queen Victoria, die Großmutter Europas mit Kindern in nahezu jeder Dynastie des europäischen Hochadels, schenkte dem kleinen hessischen Großherzogtum Darmstadt stets große Aufmerksamkeit und Fürsorge, vor allem ihrem Ernie.

Der Erbgroßherzog hatte als Enkel der Königin Victoria viel von einem Engländer.

So wird er in seinen frühen Zwanzigern beschrieben, von Graf Kessler, der mit ihm von 1889 bis 1890 in Leipzig studierte. Ernst Ludwig war ein Mann mit britischem Lebensstil, sehr verbunden der Kunst des Gärtnerns, wie sie in seiner zweiten Heimat so unnachahmlich gepflegt wird, und schon früh inspiriert von der britischen Arts and Crafts-Bewegung, die als die Keimzelle des Jugendstils gilt. Bereits als junger Großherzog, gerade mal 23 Jahre alt, holte er zwei bekannte britische Innenarchitekten nach Darmstadt. Charles Robert Ashbee und Hugh M. Baillie Scott sollten ihm zwei Privaträume in seinem Neuen Palais am Wilhelminenplatz ganz im modernen englischen Stil ausstatten. Wenn viele Häuser der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe eine zentrale, zweigeschossige Halle mit Kamin haben, dann ist auch hier der Einfluss des britischen Landhausstils unverkennbar.

Das Britische war im Zuhause des Regenten nicht nur in Architektur, Innenausstattung und Dekoration zu finden, es durchzog viele Aspekte des Lebens. Man sprach immer auch Englisch am Darmstädter Hofe, nicht nur mit den Verwandten aus Großbritannien, sondern auch untereinander und selbst mit dem eigenen Nachwuchs: Von seiner großen und langen Indienreise 1902/1903, die er anlässlich eines Staatsbesuchs der britischen Krone im Land der Maharadschas antritt, schreibt der Großherzog der kleinen und innig geliebten Tochter Elisabeth nach Darmstadt. Auf einer Postkarte, die auch in der Ernst Ludwig-Ausstellung im Museum Künstlerkolonie 2018 original zu sehen war, berichtet er der Siebenjährigen nicht auf Deutsch, sondern auf Englisch: von den Schwertfischen, den swordfishes, die man während der Schiffsreise gesehen habe, und ganz zum Schluss gibt es

Kisses from Daddy.

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