

1905, Braunlage im Harz. Hier, auf dem Gelände des Sanatorium Dr. Barner, trotzt eine kleine Architektur aus Holz dem vielen Schnee des Winters. Zu sehen ist die „Licht- und Lufthütte“, die Albinmüller, der von 1908 bis 1914 der leitende Architekt der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe in Darmstadt war, am Waldrand idyllisch als Hochsitz auf Stelzen positioniert hat. Sie hat Geschichte geschrieben, denn es dürfte wohl das erste Tiny House Deutschlands gewesen sein.

Auf kleinstem Raum hat hier der Mensch, was er zum Leben braucht: Tisch, Stühle, Schrank, Divan und ein Bett, dazu eine kleine Küche. Minimalismus pur. Und damit sehr modern damals, als man ganz im Sinne der Lebensreformbewegung geschützt in Sonne und Licht baden – und daran auch gesunden wollte. Vitamin D für die kranken Seelen und Körper, die sich in dem kleinen „Zauberberg“ und seiner Therapie-Hütte einfanden.
Sie wurde von der Firma Christoph & Unmack gebaut, die Anfang des 20. Jahrhunderts auch andere Holzbauten von Albinmüller herstellte, wie etwa das zerlegbare Ferienhaus, das auf der 4. Ausstellung der Künstlerkolonie 1914 gegenüber vom Haus Behrens in Darmstadt zu sehen war und ebenfalls eine Innovation modernen Bauens darstellte. Heute erstreckt sich dort noch leicht erhöht von der Straße die Pergola des ehemaligen, dem Fertighaus vorgelagerten Gartens.
Die Licht- und Lufthütte in Braunlage war ursprünglich Prototyp für eine geplante Kolonie solcher Kleinst-Behausungen, die dann nicht realisiert wurde, so dass sie tatsächlich ein Unikat blieb. Eines, das bis heute auf dem Gelände des Sanatoriums auf satten Grün zu sehen ist.

Auch das Sanatorium Dr. Barner, konzipiert im Stil eines Grand-Hotels, ist als eines der letzten seiner Art bis heute in Betrieb, spezialisiert auf Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Den Eingangsbereich und das Wartezimmer gestaltete Albinmüller 1905 neu, das Hauptgebäude des Sanatoriums folgte zwischen 1912 und 1914. Sie sind bis heute ohne große Veränderung erhalten.
„Das Sanatorium repräsentiert in einzigartiger Weise die vielfältigen Facetten der deutschen Reformbewegung im frühen 20. Jahrhundert und ist das einzige in seiner gestalterischen Ganzheit erhaltene Spätwerk des Darmstädter Jugendstils wie auch das einzig erhaltene Hauptwerk Albinmüllers.“ (Wikipedia)
Dieses einmalige Ambiente reizte auch die Macher des Films Formen der Erschöpfung (Trailer), der im November 2025 in den deutschen Kinos startete. Im dokumentarischen Spielfilm von Sascha Hilpert spielt das Klinikgebäude des Architekten von der Künstlerkolonie Darmstadt auch eine der Hauptrollen, so der Regisseur: „Der Film dokumentiert dieses bis heute erhaltene Jugendstilwerk Albinmüllers, in welchem sich auch 100 Jahre später noch der reguläre Klinikalltag abspielt“. Eine einmalige Kulisse von großem historischen Wert, die nun auch ihr filmisches Monument hat.
***