Schlusspunkt einer Achse: Backstein statt roter Rosen

Er muss fantastisch gewesen sein, der Blick von hier hinauf zum Ernst-Ludwig-Haus. Denn dieses Halbrund in der Mauer war einmal der Endpunkt eines bezaubernden Architekturgartens, der in mehreren Terrassen vom hoch gelegenen Atelierhaus der Künstler hinunter zum Prinz-Christians-Weg führte. Wo heute eine Wand aus gemauertem Backstein die Lücke füllt und dichte Nadelhözer eine Durchsicht verwehren, rahmten Pflanzen und Bäume eine Sichtachse, die das Rückgrat für die berühmte erste Ausstellung der Künstlerkolonie von 1901 bildete. Entlang dieser setzte Architekt Joseph Maria Olbrich seine epochal neuen Jugenstil-Villen.

Denn die ursprüngliche Künstlerkolonie war damals entlang einer Nord-Süd-Achse positioniert, die über die Treppen vom hoch gelegenen „Tempel der Arbeit“, den Künstlerateliers, quer über den Alexandraweg zwischen Haus Habich und dem Kleinen Glückert Haus in gerader Linie zum Haus der Flächenkunst hinunter führte.

Das ist heute nur noch anhand von Plänen und alten Fotografien aus jener frühen Anfangszeit der Künstlerkolonie darzustellen. Oben links sieht man einen Plan der Gartenanlage für die erste Ausstellung (Blick von Süden nach Norden zum Ernst-Ludwig-Haus oben). Sie ist ein wichtiger Teil des gestalterischen Gesamtkonzepts, da sie die einzelnen Gebäude zu einem großen Ganzen zusammenführt und -hält. Wo einst geometrisch gestaltete Gartenwege entlang eines flachen Rasens zum Haus der Flächenkunst hinunter führten, erhebt sich heute ein dicht mit Bäumen bewachsenes Gelände. Links befindet sich immer noch das Haus Habich und rechts strahlt das Kleine Glückert Haus mit seinem auffälligen Tonnendach wie eh und je, doch von einer Achse ist nichts mehr zu spüren. Selbst wenn man um die ursprüngliche Ausrichtung der Künstlerkolonie weiß, ist diese heute nur noch schwer nachzuempfinden.

Wobei das Schwarz-Weiß-Foto auch nur eine Momentaufnahme ist. Denn schon bald nach der Ausstellung von 1901 sollte das von Anfang an als temporärer Bau konzipierte Haus der Flächenkunst am Ende der Achse abgerissen werden. Für die Zeit danach plante Olbrich eine Parkanlage, die das Ernst-Ludwig-Haus als krönenden Schlusspunkt eines überdimensionalen Gartenbildes mit der Landschaft verschmolz.

Auch von dieser Anlage ist heute nichts mehr zu sehen. Sie gibt aber einen guten Eindruck von der besonderen Qualität, die den Architekten Olbrich auch als Landschaftsgestalter und -gärtner auszeichnete. Er schafft Blickpunkte, Bezugspunkte, gliedert Bereiche, legt Achsen. Lange Rosenreihen fallen in Treppen den Südhang hinab bis zum Fuß des Geländes, wo zwei große Pyramidenpappeln einen überdimensionalen Rahmen für das Atelierhaus ganz oben bilden. Buchsbäume und Hecken sorgen unten für Symmetrie entlang der gesamten Linie.

Am Ende dieses sonnendurchfluteten Rosengartens befand sich ein kreisrundes Wasserrondell. Diese Form wurde in der abschließenden Backsteinmauer von Olbrich wieder aufgegriffen: Sie war genau am Ende der Achse als Halbrund gestaltet und wurde einst mit einem prächtigen Rosenbusch geschlossen.

Diese halbrunde Mauer aus Künstlerhand ist heute noch erhalten und zu sehen. Sie bildet nach wie vor die südliche Grenze des ehemaligen Parkgeländes zum Prinz-Christians-Weg – nur leider ohne Rosen, und der Blick ist auch nicht mehr so atemberaubend schön wie einst zu Zeiten Olbrichs.

Schlussbogen mit Baeumen

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