Daniel Greiner: Aus dem Busen der Mutter Natur

Jugenheim Greiner - Busenbrunnen

Einer der schönsten Brunnen aus der Hand eines Mitglieds der Künstlerkolonie steht nicht auf der Mathildenhöhe, sondern ganz versteckt in einem verwunschenen Garten in Jugenheim an der Bergstraße. Er stammt vom Bildhauer Daniel Greiner, der von 1903 bis 1906 der Darmstädter Gruppe angehörte und sicherlich einer der Ersten gewesen sein dürfte, der von den 1904 neu errichteten Bildhauerateliers an der nordöstlichen Seite des Ernst-Ludwig-Hauses profitiert hat.

Sein Zuhause fand der Künstler, der ursprünglich Theologe und Doktor der Philosophie war, ab 1906 in der uralten Drachenmühle in Jugenheim, die noch heute im schmalen und schattigen Stettbacher Tal des Ortes liegt, direkt unter dem Heiligenberg und der evangelischen Bergkirche. Dort gründete er die Werkstätte für Grabmalkunst Greiner und Guth, die zeitweise über 30 Angestellte hatte und als Trendsetter der Branche galt. Noch heute ist das Refugium an seinen großflächigen Wandmalereien zum Innenhof wie auch zur Straße gut zu erkennen.

Mit dem von ihm ebenfalls gegründeten Felsberg-Verlag machte Greiner sich als Verleger einen Namen. Er  veröffentlichte dort auch sein umfangreiches eigenes grafisches Werk, unter anderem die zweibändige, nach ihm benannte Greiner-Bibel mit 147 expressiven Holzschnitten. Zudem war er als Politiker aktiv. Er saß für die kommunistische Partei bis 1928 im Landtag des Volksstaates Hessen und setzte sich für die Gründung der Künstler-Darlehenskasse ein. Nach sehr entbehrungsreichen Jahren unter den Nationalsozialisten starb Daniel Greiner 1943 in Jugenheim im Alter von 70 Jahren. Er hinterließ zehn Kinder – und diesen zauberhaften Brunnen.

Die Frauenfigur mit dem Wasserbecken in den Händen lässt den Jugendstilkünstler dahinter erahnen und deutet auf eine eher frühe Schaffensphase des Bildhauers hin, der in seinem späteren Leben zunehmend expressionistischer arbeitete. Wann sie genau entstanden ist, ob zu seiner Künstlerkoloniezeit oder später, gilt es noch zu erforschen. Sie soll früher auf der Rosenhöhe gestanden haben, wie eine heutige Bewohnerin der Drachenmühle zu berichten weiß, bis die Greiners während oder nach dem Krieg von offizieller Stelle aufgefordert worden sein sollen, sie von dort abzuholen.

Wie auch immer die Skulptur nach Jugenheim gelangte – das Wasser aus dem Busen der Natur, diese Idee gefällt bis heute und zieht viele in ihren Bann. In der Drachenmühle weiß man von Momenten zu erzählen, in denen plötzlich wildfremde Leute im Garten standen, angezogen von dieser Frau aus rotem Sandstein, die sie von der Straße aus erblickt hatten, und die das Wasser heilig wie eine Priesterin trägt.

Ebenso rätselhaft und faszinierend ist der monumentale Kopf, der über dem Eingangstor thront: ein steinerner Wächter der Dame weiter hinten.


PS: In Jugenheim gibt es noch an zwei weiteren Stellen Brunnen von Daniel Greiner zu sehen. 1909 entstand der Friedensbrunnen am Kreuzungspunkt der zentralen Ludwig- mit der Bahnhofstraße. Der Laufbrunnen mit seinen großen Becken erinnert an die gefallenen Soldaten des Krieges von 1870/71. Wesentlich kleiner ist dagegen der von Greiner 1913 errichtete Siegfriedbrunnen. Er ist in die Wand des Alten Rathaus von Jugenheim an der Hauptstraße eingelassen und zeigt eine Keramik mit dem Drachenmotiv aus der Nibelungensage.

Siegfriedbrunnen
Der Siegfriedbrunnen © Dietmar Oeter
Literatur
Verkehrs- und Verschönerungsverein Jugenheim a.d. Bergstraße 1863 e.V. (Herausgeber): Historische Villen und Bauwerke in Jugenheim, 2017

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