
Es war ein Mittwoch, damals vor 125 Jahren, als die mit Spannung erwartete 1. Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie am 15. Mai feierlich auf der Mathildenhöhe eröffnet wurde. Wann es mit den Feierlichkeiten genau losgehen sollte, das war dieser auch für heutige Verhältnisse recht anzüglichen Einladung des Künstlers Paul Bürck zu entnehmen. Unter dem Bild eines bis zur Scham entblößten Jünglings war in großen Lettern zu lesen: Morgens, 11 Uhr.
Für den Eröffnungstag hatte die Künstlerkolonie Darmstadt Einiges geplant: Denn der Festakt vor den versammelten Honoratioren der Stadt und in Anwesenheit des Großherzogs Ernst Ludwig und seiner Gattin, war nur der Auftakt zu einem Festprogramm, das bis weit in den Abend reichte. Zwischen der „morgendlichen“ Zeremonie vor dem Ernst Ludwig-Haus und der Eröffnungsfeier der Theaterfestspiele „Abends um 9 Uhr“, zu denen auch jeweils die Damenwelt zugelassen war, fand „Nachmittags um 6 Uhr“ ein Festbankett statt, was ausschließlich als „Herren-Essen“ geplant war.
Zum Festmahl hatte man in den Hauptsaal des Ausstellungsrestaurants geladen, das man damals temporär als putzverkleideten Holzbau nur für die Dauer der Ausstellung am östlichen Ende des Platanenhains errichtet hatte. Heute ist es nicht mehr zu sehen. Es befand sich ungefähr dort, wo sich seit 1904 der imposante Bacchusbrunnen erhebt und fasste insgesamt 400 Plätze.

Das lang gestreckte Gebäude war zweigeschossig angelegt, wie in dieser originalen Blaupause aus dem Büro des leitenden Architekten, Joseph Maria Olbrich, gut zu erkennen ist. Über eine dreiläufige Treppe, deren Geländer als große Schwanenform ausgebildet war, gelangte man in eine obere Etage, von der aus man durch fünf große Fenster über die Stadt und die weite Rheinebene blickte.
Von der Gestaltung des Raums innen existiert eine historische Aufnahme, die den Saal mit den gedeckten Tischen und Holzstühlen im Landhausstil zeigt. Auffällig sind die drei großen, ringförmigen Kronleuchter, die mit ihrem elektrischen Licht, die technologische Innovation der damaligen Zeit schlechthin, den Raum hell ausleuchteten. An der Wand rechts sind drei große von Hans Christiansen gestaltete Glasfenster zu sehen. Sämtliche Dekoration und die Gebrauchsgegenstände wie etwa das Porzellan und Geschirr, die Bestecke, die Kristallgegenstände und Weingläser wurden von den Künstlern der Kolonie selbst entworfen. So war auch dieses zeitlich befristete Gebäude wie die berühmten Künstlervillen ein Gesamtkunstwerk, bei dem jedes kleine Detail gestaltet und abgestimmt war auf das große Ganze.

260 Gäste waren zur Eröffnung am 15. Mai geladen, an dem Man(n) mit Möweneiern und Schildkrötensuppe in ein 11-gängiges Gala-Menü startete. Für dieses Festbankett hatte „der Allerhöchste Protektor sein Kommen ebenfalls zugesagt“, wie das Darmstädter Tagblatt am 11. Mai 1901 ankündigte. Am 16. Juni war zu lesen: „Kurz nach 6 Uhr erschien seine Königliche Hoheit der Großherzog mit seinem Gefolge, worauf das Essen begann“, das mit vielen Trinksprüchen und Glückwünschen begleitet wurde. Der Landesfürst „leerte sein Glas aufs Wohl der Darmstädter Künstlerkolonie“.
Auch 125 Jahre später wird am 15. Mai auf der Mathildenhöhe wieder festlich gespeist. Denn die Freunde der Mathildenhöhe e.V. zelebrieren mit ihren Vereinsmitgliedern und befreundeten Vereinen genau am Geburtstag ein Festmahl nach historischem Vorbild. „Aufgetischt! Das originale Menü von 1901“ heißt es heute, wenn „Abends um 7 Uhr“ das besondere Jubiläumsdinner in Erinnerung an die feierliche Eröffnung der 1. Ausstellung im Café Restaurant Mathildenhöhe, fast an originaler Stelle, startet.
Dieses bildet den Startschuss für eine Reihe von Veranstaltungen mit denen in Darmstadt das ganze Jahr über „125 Jahre Künstlerkolonie“ gefeiert wird. Die Augen richten sich vor allen Dingen auf den 6. Juni, wenn am internationalen UNESCO-Welterbetag die große Jubiläumsausstellung „One Step Ahead“ (Einen Schritt voraus) vom Institut Mathildenhöhe Darmstadt eröffnet wird. Sie bildet gleichzeitig auch einen der zentralen Darmstädter Beiträge zum „World Design Capital“-Jahr, in dem Frankfurt Rhein Main die Kraft von Gestaltung für Demokratie und den öffentlichen Raum demonstriert und auslotet.
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