Der menschliche Faktor: Osthang für alle

Bei der Frage, wieviel Natur und wieviel und welche Kultur es denn nun zukünftig auf dem Osthang der Mathildenhöhe geben soll, spielte ein Faktor eine bisher überraschend untergeordnete Rolle in der aufgeheizten öffentlichen Diskussion: der Mensch.

Oder nennen wir ihn einfach Besucher. Oder Besucherin. Nach ihm oder ihr wird laut gerufen. „Doch kein Besuchermagnet? Da ist mehr drin!“ lautete am 14. November 2025 eine Aufforderung des Darmstädter Echos an die Macher. Doch davon gibt es gleich mehrere auf der Mathildenhöhe. Deswegen ist es auch mit der Statistik so schwierig, nicht nur für Journalisten. Wer sich auskennt, erkannte sofort das Lückenhafte der Darstellung.

Zuständig ist zum einen das städtische Kulturinstitut Mathildenhöhe Darmstadt mit den Dauer- und Sonderausstellungen im Ausstellungsgebäude und Museum Künstlerkolonie, geleitet von Philipp Gutbrod, der als UNESCO-Site Manager zudem verantwortlich für den Schutz der gesamten Welterbestätte ist . Dann spielt naturgemäß der Tourismus Service der Stadt eine gewichtige Rolle. Unter der Leitung von Anja Herdel erfolgt dort das Management aller touristischen Buchungen für öffentliche und individuelle Führungen über die Mathildenhöhe.

Und für den Hochzeitsturm wird nochmals gesondert gezählt, denn dessen Besucher und Besucherinnen nimmt der „Förderkreis Hochzeitsturm e.V.“ tagtäglich in Empfang.  Dort wurden laut dem Vereinsvorsitzenden Armin Riegel für das Jahr 2025 allein 48.000 Tickets für den Besuch der Aussichtsplattform des Turms gezählt. Die vielen, die ohne Ticket nur das Foyer unten mit Shop regelmäßig betreten, um das berühmte Mosaik „Der Kuss“ von Friedrich Wilhelm Kleukens zu betrachten, sind da noch gar nicht mitgerechnet. Sämtliche Besucher des Hochzeitsturms hatte der Echo-Artikel erst gar nicht in seiner Bilanz.

However, es sind viele Gäste und es werden jedes Jahr mehr. Fernsehbeiträge, an deren Produktion Philipp Gutbrod und sein UNESCO-Team mitwirkten, haben 2025 für eine spürbar gestiegene Aufmerksamkeit und entsprechend höhere Besucherzahlen gesorgt.

Auch die Strategie, Marketing für die übrigen Highlights der Stadt mit dem UNESCO Welterbe Mathildenhöhe Darmstadt zu verzahnen, „DA staunst Du“, erweist sich als richtiger Weg.

In der Diskussion um die Entwicklung des Osthangs, um das Vorhaben, ein neues Informationszentrum dort einzurichten und es zur zentralen Drehscheibe des Tourismus auf Mathildenhöhe zu machen, ist viel von Natur die Rede, die es zu erhalten gilt. Viel von der freien Kulturszene, die an diesem Ort des künstlerischen Experiments quasi historisch ein Recht auf Entfaltung habe. Doch es ist eine in Teilen auch egoistische Debatte, die hier geführt wird. Haben nicht auch andere gesellschaftliche Gruppen Rechte auf Teilhabe?

Haben etwa behinderte Personen nicht das Recht, auf den Besuch der Mathildenhöhe? Sollte man nicht auch als nicht so mobiler Mensch, ob mit Rollator, Stock oder Kinderwagen, die Möglichkeit haben, auf dem UNESCO-Welterbegelände, das in Hinblick auf Barrierefreiheit ein schwieriges ist, bequem empfangen und betreut zu werden? 

Ein Neubau am Osthang ermöglicht die Teilhabe einer Gruppe, die es im öffentlichen Raum nicht immer leicht hat. In einem der historischen UNESCO-Gebäude auf der Mathildenhöhe wäre dieses nicht zu realisieren.

„Das Informationszentrum wird konsequent barrierefrei geplant“, betont die Stadt in einem aktuellen Pressestatement.“ Und das ist auch gut so. Denn Barrierefreiheit ist nicht nur ein Schlagwort, sondern gelebte Praxis und vor allen Dingen mit Blick auf eine alternde Gesellschaft ein Must-Have. “Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, Familien mit Kinderwagen, Seniorinnen und Senioren sowie Gäste mit besonderen Bedarfen finden hier einen niedrigschwelligen Zugang zum Welterbe. Ein Aufzug, stufenlose Erschließung, gut auffindbare Servicepunkte und verständliche Informationsangebote schaffen Voraussetzungen dafür, dass die Mathildenhöhe für alle besser nutzbar wird.“

PS: Selbstverständlich hat der schüchterne Bergmolch, ein zu den Schwanzlurchen zählendes Tier, sein Recht auf ungestörte Entfaltung am Osthang. Auch für ihn gilt der Minderheiten-, pardon Artenschutz. Wer weiß, vielleicht gefällt es dem Kleinen sogar auf dem Freigelände rund um das neue Informationszentrum? Das soll nämlich recht üppig werden. Die Entwürfe für das neue Grün, Ergebnis eines europaweit ausgeschriebenen Wettbewerbs zur Freiraumplanung, werden ab dem 17. Februar im Ausstellungsgebäude auf der Mathildenhöhe öffentlich präsentiert (dienstags bis sonntags, 11 bis 18 Uhr).

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