Alles ist Design: Räume für ein besseres Leben

Wir sind Hauptstadt, jedenfalls für ein Jahr: Frankfurt und die Rhein-Main-Region sind die World Design Capital (WDC) 2026 . „Design for Democracy. Atmospheres for a better life“ ist der Leitgedanke, der viel verspricht und dem Design die große Bühne öffnet. Die ganz große. Denn es geht nicht um das Klein-Klein von funktionalen und ästhetisch wertvollen Objekten und Gebrauchsgegenständen, sondern um „die transformative Kraft von Design in Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt“, so beschreibt der in Frankfurt ansässige Rat für Formgebung (German Design Council) seine Ziele. Dieser ist auch Gründungsmitglied der World Design Organisation mit Sitz in Montreal, die seit 2008 alle zwei Jahre diesen internationalen Titel vergibt. Nach Turin, Seoul, Helsinki, Kapstadt, Taipei, Mexico City, Lille, Valencia und San Diego/Tijuana ging das Prädikat nun zum ersten Mal nach Deutschland. Wobei die Auszeichnung vor allem eine Aufgabe, eine Aufforderung an die jeweilige Hauptstadt ist, ein Jahr lang Design in den kommunalen, kulturellen und kommunikativen Fokus zu stellen. Eröffnet wurde das WDC-Jahr 2026 am 16. Januar mit einem „Grand Opening“ in der Darmstädter Centralstation.

Statt des doch etwas diffusen „Design“ ist der deutsche Begriff „Gestaltung“ wohl die viel treffendere Bezeichnung für das ganzjährige Projekt der WDC: Es geht um die Gestaltung des öffentlichen, des urbanen Raums; um Freiflächen, um Mobilität, um Räume für Kultur, um die Gestaltung von Teilhabe unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen, es geht um „Räume für ein besseres Leben“.

Das alles gestaltet gehört, was unseren Alltag schöner und besser macht, diesen Leitgedanken hatte man schon vor 125 Jahren, als die Künstlerkolonie Darmstadt zur 1. Ausstellung 1901 ihre Pforten auf der Mathildenhöhe öffnete.

Als die ersten sieben Künstler 1899 vom Großherzog Ernst Ludwig nach Darmstadt berufen wurden, war es zunächst die Gebrauchskunst, die Innendekoration und die Raumkunst, die den Anstoß zur Gründung gaben, und bei der man sich berufen fühlte, international für Deutschland zu punkten. Gestaltet wurde nahezu alles, was einen umgab: vom Silberbesteck, über Schüsseln und Krüge aus Porzellan, mehrteiliges Tafelgeschirr und Kristallgläser, auch Tischdecken, Teppiche, Kissen, Vorhänge, Lampen, Kerzenständer, Vasen, Tische, Stühle, Schränke, Regale, Holzvertäfelungen und -einbauten, aber auch Schmückendes wie Broschen, Ketten, Manschettenknöpfe und Zigarrenetuis, dekorative Fliesen und Keramik, Bronzefiguren, Münzen, Schriften und Bücher.

Doch schnell entwickelte sich das ursprüngliche „Design“-Projekt Mathildenhöhe zu einem städtebaulichen Experiment mit acht Künstlervillen und einem Ateliergebäude, absolut innovativ in ihrer Gestaltung wie technischer Raffinesse. Und vor allen Dingen: Die Jugendstilperlen waren 1901 alle zu besichtigen, Denn das war überhaupt der Clou: Alle Türen waren damals – im Gegensatz zu heute – für die Dauer der Ausstellung offen, so dass man sich als Besucher auch vom Interieur inspirieren lassen konnte. Es gab sogar für jedes Haus einen Ausstellungskatalog. Darmstadt, das war der Geburtsort aller Bauausstellungen. Weltpremiere.

Draußen war es nicht nur die Architektur, sondern auch die Gestaltung des Außenraums, die von den Künstlern immer mitgedacht wurde. Die Bepflasterung der Bürgersteige, Treppen und Wege mit Mosaiken ist hier zu nennen, oder die schmiedeeiserenen Gartentore und -zäune mit wunderbaren floralen oder geometrischen Motiven. Dahinter meisterlich angelegte Gärten oder Gartenterrassen, wahre Gartenkunst, die es auf der Mathildenhöhe zu den vier Ausstellungen zwischen 1901 und 1914 zu sehen gab. Schließlich war der großherzogliche Gründer selbst ein leidenschaftlicher Gärtner: „Seit meiner Kindheit haben mich von allen Künsten die beiden wahrhaft königlichen, Baukunst und Gartenkunst, am meisten beschäftigt, fast möchte ich sagen, mein Leben ausgefüllt.“ Zu lesen in einem Text, den er seiner „Rosenhöhe“ gewidmet hat, dem einzigartigen Landschaftsgarten in Nachbarschaft zur Mathildenhöhe, mit dem er sich und den „Darmstädter Gartenstil“ weithin bekannt machte.

„Alles ist Design“ heißt es beim Rat für Formgebung zur „WDC Frankfurt Rhein Main 2026“. Dieses so aktuelle Credo hat in Darmstadt schon lange Tradition, ja seine Ursprünge. Auf der Künstlerkolonie Mathildenhöhe war man in Fragen des Designs schon immer einen Schritt voraus, gewissermaßen „A Step Ahead“. So lautet auch Darmstadts Beitrag zur WDC 2026: Eine große Ausstellung, mit dem das Institut Mathildenhöhe Darmstadt im Sommer auch das Jubiläum zum 125. Jahrestag der bahnbrechenden 1. Ausstellung von 1901 feiern und sich der Frage widmen wird, „wie Design, Architektur und Kunst gesellschaftliche Entwicklungen prägen“.

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