„Meine Mathildenhöhe“: Flanieren mit Hans Gerhard Knöll

Man hat das Gefühl, es geht etwas zu Ende – und eine neue Zeit beginnt. Das ist überall festzustellen: in der Gesellschaft mit ihren vielen Umbrüchen. Auf der Mathildenhöhe, die nach der UNESCO-Auszeichnung im Sommer 2021 nun langsam vollendet saniert erscheint und zu ganz neuen touristischen Ufern aufbricht. Auch beim Verein Freunde der Mathildenhöhe endet eine Ära und beginnt eine neue Zeitrechnung. Denn mit Hans Gerhard Knöll verabschiedet sich im Dezember 2023 ein Mann aus der allerersten Reihe und Riege, der als langjähriger Vorsitzender des Vereins dessen Geschicke und damit auch ein wenig die der Mathildenhöhe maßgeblich geprägt hat. Keine Frage also, dass 23 Quer mit ihm über die Mathildenhöhe flanieren musste.

In der Rubrik „Meine Mathildenhöhe“ erzählen Menschen, die die Mathildenhöhe prägen, begleiten und für sie an den unterschiedlichsten Stellen wirken, ihre ganz persönlichen Geschichten zu diesem ganz besonderen Stück Darmstadt. Gemeinsam mit ihnen flanieren wir über den Musenhügel. Drei Orte, drei Stopps, drei Geschichten. Los geht’s!

Das erste Mal hat er die Mathildenhöhe gesehen, da war er Anfang Zwanzig und kam als junger Student des Bauingenieurwesens nach Darmstadt. Das ist nun auch schon über sechzig Jahre her. Aber genau wie damals fasziniert Gerhard Knöll bis heute die besondere Architektur, die man hier oben auf dem prämierten Hügel sehen kann. Er ist einer, der mit dem Auge eines Bauingenieurs auf die Gebäude, die Gärten und die Skulpturen guckt, wo andere eher die kunstgeschichtlichen Zusammenhänge oder die Schönheit der Anlage sehen. Sein Blick geht oft hinter die Fassade, auf die zugrunde liegende Konstruktion der Gebäude. Er kann sich dabei immer wieder über die innovativen Ansätze begeistern, die die Künstlerkolonie Darmstadt insbesondere auch bei der Bautechnik hatte.

Einer seiner Lieblingsorte auf der Mathildenhöhe ist das Ausstellungsgebäude, 1908 gebaut von Joseph Maria Olbrich für die dritte, die Hessische Landesausstellung für freie und angewandte Kunst. Breit thront es auf dem alten Wasserspeicher der Stadt, wodurch es seine imposante Höhe erhält, obwohl es eigentlich nur ein eingeschossiger Bau ist. Der Gebäuderiegel fungiert als Spange, die den Hochzeitsturm links mit der Russischen Kapelle rechts verbindet. Es fasst die einzelnen, doch recht unterschiedlichen Gebilde, zu etwas Einheitlichem zusammen, lässt überhaupt erst den Eindruck eines Ensembles entstehen. Das Ausstellungsgebäude ist ein wichtiges architektonisches Element für das gesamte Erscheinungsbild der Mathildenhöhe.

Das sieht auch Hans Gerhard Knöll, aber er weiß noch viel mehr dazu zu berichten: „Es war eigentlich ursprünglich von Olbrich als ein Eisenbetonskelettbau geplant. Was aber nicht realisiert wurde, da es mangels Wärmedämmung im Gebäude zu kalt gewesen wäre.“ So entschied man sich schließlich für fast siebzig Zentimeter breiten und massiven Backstein. Auf die nackten Mauern des historischen Originalbaus konnte man in den vergangenen Jahren wieder blicken. Denn die geplante Sanierung des Ausstellungsgebäudes entwickelte sich letztendlich zur Kernsanierung, bei der alle Hüllen fielen und nach den Standards neuester Bau- und Museumstechnik wieder aufgebaut wurde. Hans Gerhard Knöll konnte mit seinem Verein schon einen Blick vorab hineinwerfen und sich vom verantwortlichen Bauleiter durchführen lassen. Vom Ergebnis zeigt er sich äußerst angetan, und freut sich jetzt schon auf die hochkarätigen Ausstellungen, die Darmstadt mit diesem Gebäude zukünftig ausrichten kann.

Nun, der anstehende Winter ist nicht gerade die ideale Zeit, um unter Rosen flanieren zu gehen. Aber noch eine einzige, tapfer blühende, leuchtet mit der ganzen Krafts ihres Rots gegen den herbstlichen Himmel an. Im Sommer rankt und blüht es hier überall. Umgeben von Rosenduft geht es durch meterlange Pergolen immer die Rückseite des Ausstellungshügels entlang. Die letzten Jahre war dieses wegen der Baustelle und den vielen Bauzäunen leider nicht möglich. Aber das wird sich ja bald alles ändern. Spätestens im Frühjahr 2024 werden Besucher von hier wieder durch viel Grün hinauf auf den Hochzeitsturm blicken können, der auch von hinten nichts von seiner Spannung verliert.  

Hans Gerhard Knöll freut sich sehr über diese letzte Rose des Jahres, ihren Duft. Doch auch hier kommt bei ihm das Ingenieursherz wieder durch. Er denkt sogleich an das besondere Material, aus dem die Pergolen rund um den gesamten Hügel von Ausstellungsgebäude und Hochzeitsturm herum gefertigt wurden: aus Eisenbeton, der pro Säule oder Balken jeweils vier Armierungseisen besitzt. Eisenbeton setzt uns heutzutage vielleicht nicht mehr so in Erstaunen, war aber Anfang des 20. Jahrhunderts ein neuer Baustoff, mit dem auch Olbrich auf der Mathildenhöhe bereits früh experimentierte. Er hatte sogar schon daran gedacht, den Hochzeitsturm aus Beton zu bauen, was die Statiker vom Bauamt in Darmstadt allerdings sehr kritisch sahen. So wurde er aus bewährtem Backstein hochgezogen.

Zu den „Hängenden Gärten“ der Mathildenhöhe hat Hans Gerhard Knöll auch deswegen einen besonderen Bezug, weil „sein“ Verein mit großem Einsatz zur Verschönerung und Sanierung des grünen Kleinods beigetragen hat. Denn die nördlichen und östlichen Pergolen waren im Krieg zerstört worden. 2010 wurden sie wieder aufgebaut und vom Verein der Freunde der Mathildenhöhe 2012 mit Rosen neu bepflanzt.

Zum Ende flanieren wir hinunter zum Alexandraweg, zur Hausnummer 2, dem „Haus Deiters“. Die allermeisten schauen hier zuerst auf den Turm und das Türmchen dieses schmucken Gebäudes auf dem Eckgrundstück zum Prinz-Christian-Weg. Sie sind von dem historischen „Schlösschen-Stil“ dieser Künstlervilla, die als eine von insgesamt acht zur ersten Ausstellung der Künstlerkolonie Darmstadt von 1901 gebaut wurde, sofort eingenommen. Von der Schönheit dieser Jugendstil-Perle lässt sich auch Hans Gerhard Knöll einfangen. Aber dann kommt er wieder: der Blick auf die Konstruktion, auf diese glatten weißen Fassaden ohne jegliches Fenster. Weil man hier kein Fenster brauchte, es hätte keine Funktion an den zwei Schauseiten gehabt, wäre ein rein dekoratives Element gewesen.

Auch das Sichtbar machen tragender Elemente ist an den Gebäuden der Künstlerkolonie schon ganz früh zu beobachten: etwa am „Haus Deiters“ bei den Erdgeschossfenstern 1901 oder am Eingangstor zu den Bildhauerateliers im Backsteinanbau des Ernst Ludwig-Hauses 1908.

Alles sollte anders werden – mit der Moderne und als einer der ersten mit Joseph Maria Olbrich. Hier fängt die Moderne bereits 1901 an: an diesem Gebäude, das auf den ersten Blick so historisch wirkt. Unglaublich eigentlich. „Form follows Function“ –  erst kommt die Funktion, dann die Form. Dieses Credo allen modernen Bauens und Entwerfens nimmt in Darmstadt seinen Anfang. Der „Aufbruch in die Moderne“ ist hier so früh wie sonst nirgends auf der Welt zu sehen. Einzigartig.

Dafür wurde die Mathildenhöhe UNESCO Weltkulturerbe. Dafür hat auch er viele Jahre gestritten. „Mission accomplished, Hans Gerhard Knöll!”  

DANKE

Alles nur erdenklich Gute für die Zukunft wünscht 23 Quer.

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